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Zukunft gestalten

„Worum geht es denn eigentlich?“

Eine wahrscheinliche Zukunft muss man nicht hinnehmen. Ein Interview mit Zukunftsforscher Reinhold Popp.

Vor der Aussicht auf das Kanzleramt wird im Futurium diskutiert, in welcher Zukunft wir leben wollen. FOTO: ALI GHANDTSCHI

Wenige Hochschulen im deutschsprachigen Raum haben einen Professor für zukunftsorientierte Forschung. Der Österreicher Reinhold Popp von der Sigmund Freud-Uni in Wien ist einer von ihnen.

Berliner Morgenpost: Mögen Sie Überraschungen?

Reinhold Popp: Wenn es positive Überraschungen sind (lacht), mag ich Sie besonders gern. Warum?

Sie machen die Zukunft schwerer vorhersagbar. Stört Sie das nicht als Wissenschaftler?

Wenn man ein Forscherherz hat, sollte man sich immer über überraschende Ergebnisse freuen, besonders im Bereich der zukunftsbezogenen Forschung.

Wer seine Zukunft erfährt, möchte sie unter Umständen ändern. Dann wird aber die ursprüngliche Vorhersage zur Fehlprognose ....

Das ist so eine Lieblingsgeschichte unter Zukunftsforschern, die sagen: „Ich habe etwas prognostiziert. Dann haben alle ihr Verhalten umgestellt. Und deswegen stimmt die Prognose nicht.“ Man muss der Ehrlichkeit halber aber sagen, dass viele Prognosen in allen Wissenschaftsbereichen nicht richtig oder nur halbrichtig sind. Das hängt aber nicht damit zusammen, dass die Menschen, die diese Prognosen betroffen hätten, sich umgestellt haben, sondern dass man halt zwei oder drei Faktoren nicht berücksichtigt oder falsch eingeschätzt hat.
Was genau erforscht ein Zukunftswissenschaftler?

Es gibt zwei Bereiche, in denen ich mich gut auskenne. Einer ist eher wissenschaftstheoretischer Natur, bei dem man ganz grundsätzlich fragt: Wie kann man überhaupt Aussagen über die Zukunft setzen? Der zweite Bereich ist die Zukunft der Arbeitswelt. Dort habe ich viel geforscht. Ich bin Politikwissenschaftler und Psychologe, und in dem Segment fühle ich mich auch ganz wohl.

Viele Menschen blicken besorgt in die Zukunft, Sie dagegen gelten als Optimist. Was macht Sie so optimistisch?

Ich sehe, dass wir sehr viel tun können, um es so herzurichten, wie wir es wollen. Vieles in der Zukunft steht ja in einer Wenndann-Beziehung. Wenn wir das Richtige machen, dann können wir zum Beispiel die ganz katastrophalen Entwicklungen in der Ökologie zumindest eindämmen.

Dazu muss man das Gefühl haben, etwas ändern zu können.

Richtig. Entwicklungen sollte man nicht quasi schicksalhaft wahrnehmen und sich daran anpassen, sondern einen produktiven Umgang damit finden. Das kommt mir auch in den öffentlichen Diskursen viel zu wenig vor. Der Ansatz sollte sein: „Das scheint jetzt zwar momentan ein Trend zu sein, aber wollen wir das auch?“ Wobei „wir“ auch ein bisschen abstrakt ist. Denn es gibt ja unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen.
ZukunftswissenschaftlerReinhold Popp FOTO: CHRISTIAN SCHNEIDER
Zukunftswissenschaftler
Reinhold Popp FOTO: CHRISTIAN SCHNEIDER
„Wie wollen wir leben?“ – mit dieser Frage wirbt auch das Futurium. Was versprechen Sie sich von dieser neuen Einrichtung?

Als 2014 beschlossen wurde, dass das Futurium kommen soll, war mir klar, dass die Vielfalt seiner Herangehensweise weltweit einzigartig sein wird. Vergleichbare Einrichtungen legen den Fokus auf einen Aspekt, Technologie oder Ökologie. Beim Futurium dagegen war von vornherein klar, dass man sowohl ökologische als auch ökonomische als auch gesellschaftliche Aspekte heranziehen und diskutieren will. Und das direkt neben dem Forschungsministerium, mit Blick auf das Kanzleramt, das finde ich symbolisch schon ganz spannend.

Zu den Diskussionsthemen dort wird sicherlich die Künstliche Intelligenz gehören. Sie soll ja angeblich bis 2050 die Hälfte aller Berufe überflüssig machen.

Sie spielen auf die Studie der Oxford University an. Die Autoren Frey und Osborne haben aber eigentlich keine wirkliche Prognose erstellt, sondern nur einmal darüber nachgedacht, welche Jobs oder Jobanteile möglicherweise durch Maschinen ersetzbar sind. Solche Überlegungen sind schon früher angestellt worden, und die führen in aller Regel zu zwei Extremen. Das erste Extrem ist, dass man sagt, grundsätzlich könnten Maschinen den Job machen. Und das andere, daraus abgeleitete Extrem lautet: So wird es dann auch kommen. Das ist aber mit ziemlicher Sicherheit nicht so. Denn vieles, was möglich wäre, wird aus verschiedensten Gründen nicht so stark durchgeführt. In der öffentlichen Darstellung ist auch immer von „Wegfall“ und „Abbau“ die Rede. Man sollte aber eher von „Umbau“ sprechen. Der Umbau des Arbeitsmarkts ist das große Zukunftsthema.

Wie erklären Sie das Menschen, die gerade ihren Job bei der Bank beispielsweise verloren haben?) In der Landwirtschaft hatten wir noch vor sieben oder acht Jahrzehnten 25 bis 30 Prozent der Erwerbstätigen. Heute sind es zwei bis drei Prozent. Der Abbau von Jobs ist seit Beginn der Industrialisierung ein Thema. Aber betrachtet werden muss auch, dass Jobs dazukommen. In allen wirtschaftlich entwickelten Ländern hat es in den letzten fünf bis sechs Jahren keine Jobverluste gegeben, sondern Jobzuwächse – und das unter den Bedingungen der Digitalisierung. Man kann sich schwer vorstellen, dass neue Technologien entstehen, ohne dass diese keine neuen Berufe hervorrufen. Dazu gibt es auch Studien von renommierten Instituten, vom europäischen Zentrum für Wirtschaftsforschung in Mannheim zum Beispiel. Die reden nicht von 50 Prozent Wegfall, sondern von 10 bis 15 Prozent in den nächsten zwei oder zweieinhalb Jahrzehnten.

Was empfiehlt ein Zukunftsforscher für die Planung der persönlichen Zukunft?

In der Schule schon sollte man sich mit der Frage beschäftigten: Wie funktioniert ganz allgemein erfolgreiches Zukunftsdenken? Zwei Dinge sind hier wichtig: Die Zukunft ist im Großen und Ganzen nichts anderes als eine Fortsetzung der Vergangenheit. Es geht also darum, diesen Bogen zwischen Herkunft und Zukunft zu schlagen. Das könnte man von der Schule weg üben. Und man sollte die Intuition mehr nutzen, nicht nur rationale Überlegungen. Es geht dabei nicht um Bauchgefühl und in den Tag hinein zu leben, sondern um wohlinformierte Intuition. Für die persönliche Zukunftsplanung gibt es eine Unzahl von Instrumenten und Apps. Aber es ist auch wichtig, ein Stück weit zu abstrahieren und zu fragen: Worum geht es denn eigentlich?

Worum geht’s eigentlich? ist eine Frage, die ganz tief führen kann ....

Die kann sehr tief führen. Wenn man etwa Begriffe wie Lebensqualität ins Spiel bringt. Da fängt man oft bei oberflächlichen Annahmen an und kommt dann auf einmal zu der Frage: Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben?

Hat diese Frage auch Platz in den Diskussionen im Futurium?

Ja, ich hoffe es. (lacht) Das war angedacht, alles, was mit Zukunft zu tun hat, hinreichend zu berücksichtigen. Wenn dieser große Wurf gelingt, dann wäre das weltweit einzigartig. Und ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute hinkommen, sich das abschauen und nach Wien, nach Paris, nach Rom bringen und sagen: Da muss es auch so was Schönes geben.
   
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