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Themenwelten Berliner Morgenpost
Zukunft gestalten

Bilder der Zukunft

Sorgen beim Blick auf die kommenden Jahrzehnte gibt es viele, klare Visionen dagegen deutlich weniger. Wo bleibt das Positive?

Eine Utopie wie das Flussbad in Mitte ist der erste Schritt in ein mögliches Morgen. GRAFIK: CC 2019 REALITIES:UNITED / FLUSSBAD BERLIN E.V.

Till Schröder  

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf. Dieser Ruf allerdings leidet seit Jahren. Der Blick in drei verschiedene Umfragen zeigt das gleiche Stimmungsbild: 2019 „sehe ich mit großer Zuversicht und Optimismus entgegen. Ich erwarte bessere Zeiten“ – dieser Aussage stimmten in einer Studie des Zukunftsforschers Horst Opaschowski in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos nur 17 Prozent der Befragten zu. Fünf Jahre zuvor teilten diese Zuversicht noch 45 Prozent. Einen sorgenvoller Blick auf die Zukunft brachte auch der aktuelle „Millennials Survey 2019“ der Beratungsgesellschaft Deloitte zu Tage: Nur 13 Prozent der 16.400 weltweit befragten 25- bis 35-Jährigen zeigte sich optimistisch – trotz globalen Aufschwungs und vielfältiger Chancen dank Digitalisierung. Und schließlich ergab 2018 eine Umfrage im Auftrag des Teleshopping-Kanals QVC, dass rund ein Drittel der Menschen im Jahr 2038 ein schlechteres Leben erwartet als heute.

Düstere Science-Fiction

Aber wie sollte das Jahr 2038 denn aussehen, wenn man sich etwas wünschen dürfte? Es ist im Leben einfach zu sagen, was man nicht will – schwerer dagegen tun sich viele Menschen mit einer klaren Wunschzukunft. Die Zukunft, die Serien wie „Black Mirror“ oder viele Science-Fiction- und Katastrophenfilme zeichnen, will man natürlich nicht erleben. Aber nach Unterstützung der Vorstellungskräfte durch Geschichten, die in einer positiven Zukunft spielen, sucht man vergeblich.

Der Zukunftsforscher Harald Welzer wagte ein Experiment mit Jugendlichen, die er nach deren Zukunftsbildern befragte. Diese wollte er – von Künstlern bearbeitet – in der Ausstellung „In Zukunft“ in der Hamburger Fabrik der Künste (20.8. bis 8.9.2019) zeigen. Allerdings kam bei den Befragungen wenig Material zusammen. Die Jugendlichen hätten sich nicht gestattet, „nach vorne zu träumen“, sagt Harald Welzer. „Weil dann gibt es den Klimawandel, und dann gibt es die militärische Bedrohung, und so weiter. Das ist sozusagen alles negativ getönt.“ Die Kuratoren änderten deshalb sogar das Konzept der Ausstellung. „Wir dachten, wenn der Raum der Zukunft im Moment gar nicht gefüllt ist, wenn der irgendwie leer ist, und man ihn gar nicht betreten kann“, so Welzer, „dann müssen wir halt damit arbeiten und Zukunftsträume gewissermaßen anbieten.“

Was der Deutsche der Zukunft vermachen will, veröffentlichten das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), die Wochenzeitung „Die Zeit“ und das Umfrageinstitut Infas in der „Vermächtnisstudie“. Die zeigt, dass sich Werte wie Familie zwar auflösen, das Bedürfnis nach gelebter Gemeinschaft aber bleibt. Berufliche Erfüllung und gute Gesundheit haben auch in Zukunft einen hohen Stellenwert. Technologie und Digitalisierung gelten nicht als Bedrohung, sie aber besser zu verstehen, gehörte zu den guten Vorsätzen vieler Befragter. „Veränderung wollen die Menschen beim Konsum, den sie sich nachhaltiger wünschen“, sagt Wissenschaftler Jan Wetzel, der an der Studie mitarbeitete. Das gelte insbesondere bei Nahrungsmitteln.
Filmausschnitt aus „The Day After Tomorrow“ – im Kino ist die Zukunft meistens eine Katastrophe. FOTO: IMAGO/PROD.DB
Filmausschnitt aus „The Day After Tomorrow“ – im Kino ist die Zukunft meistens eine Katastrophe. FOTO: IMAGO/PROD.DB
Mehr machbare Utopien

„Für das Gesundheitssystem wünschen sich die Befragten mehr Solidarität. Es sollte nicht diejenigen besser versorgen, die mehr Geld haben. In diesem Bereich sieht die Bevölkerung großen Handlungsbedarf.“ Darauf folgt ein Aber. Jeder Einzelne traut sich wohl die nötigen Veränderungen zu. Aber „beim Blick auf die Gesellschaft kapitulieren die Menschen vor den Herausforderungen der Zukunft. Es fehlt das Vertrauen in die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit.“

Das klingt ernüchternd in einem Jahr, in dem wir die Jubiläen einiger groß gedachter, oder zumindest groß gefühlter Utopien feiern: 50 Jahre Mondlandung: eine Technikutopie, die damals vielen Menschen ein Gefühl von Machbarkeit schenkte. 50 Jahre Woodstock: ein Symbol für eine Welt in Frieden, Liebe und Brüderlichkeit. 30 Jahre Loveparade: „Die ganzen Proteste der 70er und 80er richteten sich immer nur gegen etwas, gebracht hat das nicht viel“, sagte der Initiator Dr. Motte bei der Eröffnung der Ausstellung „Nineties Berlin“. „Warum nicht für etwas sein, dachte ich, zum Beispiel für Abrüstung, Musik als Mittel der Völkerverständigung und gerechte Nahrungsmittelverteilung.“ So entstand das Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“. Eigentlich hätten sie das Grundgesetz getanzt, sagt er. Das Grundgesetz feiert 2019 seinen Siebzigsten. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ – auch wenn die Wirklichkeit nicht immer so wirkt, so sind Gesetze wie dieses wünschens- und erstrebenswert im Sinne einer idealen Zukunft.

Von Optimisten kann man heute zweierlei lernen. Erstens nehmen sie Fakten wichtiger als Stimmungen: Den Fakten nach veränderte sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles zum Guten: weniger Kriege, Kindersterblichkeit und Armut, dafür besserer Zugang zu Bildung und bessere Perspektiven in Ländern, die vor 50 Jahren noch als „Entwicklungsland“ galten. Zweitens richten Optimisten ihre Kraft auf machbare „reale Utopien“ wie Mitbestimmung beim öffentlichen Haushalt, klimaneutrale Dörfer oder Prinzessinnengärten. Die waren auch einmal so „utopisch“, wie ein Flussbad mitten in Berlin.
   
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