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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2018

„Man muss sich nur trauen!“

Der Inklusionspreis Berlin wird an kleine, mittelständische und Großunternehmen vergeben – alle mit eigenen Herausforderungen

Für alle Seiten ein Gewinn: Mitarbeiter mit Schwerbehinderung bereichern den Arbeitsalltag ISTOCK/SOLSTOCK

Warenhaus, Museumsstiftung, Zahntechniklabor und Fahrzeugumrüster – der Arbeitsalltag in den 2017 ausgezeichneten Unternehmen könnte kaum unterschiedlicher sein. Dass in jedem von ihnen Menschen mit Schwerbehinderung dazugehören, zeigt, dass Inklusion überall funktionieren kann. „Man muss sich nur trauen und für diesen Weg entscheiden“, meint Christoph Kazmierczak, der mit seinem Zehn-Personen-Betrieb CK-Dental den Preis in der Kategorie Kleinunternehmen bekam. Dass er nur wenige Mitarbeiter hat, spiele eine untergeordnete Rolle. Er sieht jedoch ein großes Hindernis in der Bürokratie, zum Beispiel bei Fördermitteln. Auch Kathrin Jung aus der Personalabteilung der Stiftung Stadtmuseum, Preisträger unter den mittelständischen Unternehmen, findet: „Menschen können in einem großen Betrieb genauso integriert werden wie in einem kleinen. Es liegt vor allem an den Mitarbeitern.“ Die ins Boot zu holen, darin sieht Reinhard Schöwe die größte Herausforderung. Bei Galeria Kaufhof am Alexanderplatz war er bis März dieses Jahres für 700 Angestellte verantwortlich und weiß: „Das geht in einem Großbetrieb nicht von heute auf morgen.“

Ob bei interner Überzeugungsarbeit oder bei Anträgen: Der Inklusionspreis belohnt das gezeigte Durchhaltevermögen. Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber die ausgezeichneten Beispiele geben alle einen Einblick, wie es funktionieren kann.

Gemeinsame Erfolge setzen positives Zeichen

Stiftung Stadtmuseum
Hören und tasten: Mit dem Preisgeld sollen Ausstellungen barrierefrei werden STADTMUSEUM BERLIN
Hören und tasten: Mit dem Preisgeld sollen Ausstellungen barrierefrei werden STADTMUSEUM BERLIN
Im Laufe des Arbeitslebens erworbene Behinderungen waren in der Stiftung Stadtmuseum schon lange präsent, da das Durchschnittsalter im öffentlichen Dienst hoch ist. Vor ungefähr acht Jahren vermittelte das Unionhilfswerk den ersten körperlich und geistig schwerbehinderten Praktikanten. Das klappte so gut, dass seitdem viele weitere folgten. Unter den 115 Mitarbeitern sind aktuell 18 mit Schwerbehinderung. Ganz praktische Erfolge ermutigen immer wieder aufs Neue: So scannte ein Mitarbeiter alle Landkarten aus der Topografischen Sammlung ein. Personalleiterin Kathrin Jung ist sicher: „Es ist ein Gewinn. Die Leute bringen andere Sichtweisen mit, viele sind ja Quereinsteiger.“ Für sie ist klar: „Wir wollen das. Wir wollen Inklusion, wir wollen Diversität!“ Anderen Unternehmen möchte sie Vorbehalte nehmen: Gesundheitliche Einschränkungen spielten in der Praxis meist kaum eine Rolle – und seien vor allem kein Grund, auf Mitarbeiter zu verzichten. „Wenn schwerbehinderte Menschen über ausgeschriebene Stellen zu uns kommen, dann suchen wir sie aus, weil sie die Besten sind, und nicht, weil sie eine Behinderung haben“, so Jung.

Inklusion hört nicht bei den Mitarbeitern auf

Galeria Kaufhof
Reinhard Schöwe freut sich über die Anerkennung AGENTUR RAUM 11
Reinhard Schöwe freut sich über die Anerkennung AGENTUR RAUM 11
Reinhard Schöwe geht es vor allem um Verständnis. „Mitarbeiter und Führungskräfte müssen erkennen, welchen Wert Menschen mit Handicap haben“, sagt der Geschäftsführer Personal und Organisation der Galeria-Kaufhof- Filiale am Alexanderplatz. Deshalb nimmt er sich Zeit für individuelle Gespräche. Er will sichergehen, dass sein Anliegen bei allen ankommt: „Behandelt die Kollegen so, wie ihr es euch wünschen würdet, wenn ihr morgen in der gleichen Situation wärt.“ Zehn Prozent der Mitarbeiter sind schwerbehindert, mehr als gesetzlich gefordert. Schöwe meint jedoch: „Wenn ich nur der Gesetzlichkeit genüge tun will, ist das der falsche Ansatz.“ Für ihn hört Engagement nicht beim Mitarbeiter auf: Zwölf Kollegen wurden vom Sehbehindertenverein speziell geschult, um Kunden zu begleiten.

Automobilität für alle – auf Augenhöhe

Kadomo
Dass Stephan Noacks Mitarbeiterin Gitta Brüning selbst im Rollstuhl sitzt, macht sie zur idealen Beraterin KADOMO
Dass Stephan Noacks Mitarbeiterin Gitta Brüning selbst im Rollstuhl sitzt, macht sie zur idealen Beraterin KADOMO
Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung gehörte beim Sonderpreisträger Kadomo von Anfang an zur Philosophie – und es könnte kaum passender sein. Denn der Betrieb baut Fahrzeuge für Menschen mit Behinderung um, montiert etwa Einstiegsund Verladehilfen für Rollstühle. „Ein Mitarbeiter im Rollstuhl hat da eine andere Herangehensweise und agiert auf Augenhöhe mit dem Kunden“, meint Stephan Noack, Geschäftsführer der Berliner Niederlassung. Vier von elf Mitarbeitern sind schwerbehindert. Drei arbeiten im Verkauf, ein hörgeschädigter Kollege in der Werkstatt – bald werden daher alle Mitarbeiter in Gebärdensprache geschult. Solche Notwendigkeiten erkennen und erfüllen, das ist Stephan Noacks Strategie. Wichtig sei, erst einmal anzufangen. „Viele Hindernisse sind nur gedacht“, findet er. „Man muss nicht gleich das ganze Geschäft umbauen.“

Im kleinen Betrieb Großes leisten

CK-Dental
Ein die Bandscheiben unterstützender Stuhl erleichtert Cordula Walter das Arbeiten FRIEDERIKE DEICHSLER/RAUFELD
Ein die Bandscheiben unterstützender Stuhl erleichtert Cordula Walter das Arbeiten FRIEDERIKE DEICHSLER/RAUFELD
Schon Christoph Kazmierczaks erste Mitarbeiterin Cordula Walter war nach einer Operation an der Halswirbelsäule eingeschränkt. Für den Zahntechnikermeister kein Grund, sie nicht einzustellen. Später suchte er einen Kunststofftechniker, doch der Arbeitsmarkt war so gut wie leer gefegt. Dann stellte sich die gehörlose Swetlana Göritz vor. „Wir haben uns natürlich gefragt, ob das funktionieren kann. Bei uns gibt es viele Fachbegriffe, die man richtig verstehen muss“, erzählt Mutter Sylvia Kazmierczak. Sie wagten es – und mussten sich erst einmal mit Händen, Füßen und Zetteln verständigen, weil kein Gebärdendolmetscher zur Verfügung gestellt wurde.

Dennoch hat Christoph Kazmierczak den Schritt nie bereut. „Man wird belohnt mit schönem Arbeitsklima und Dankbarkeit“, sagt er. Zwischenzeitlich beschäftigte er sogar einen weiteren hörgeschädigten Mitarbeiter. Und auch, als das Arbeitamt wegen einer Einstiegsqualifizierung für eine junge Frau mit Migrationshintergrund anfragte, zögerte Kazmierczak nicht. Ein glücklicher Zufall, dass die neue Kollegin Gebärdensprache konnte. Inzwischen hat sie ihre Ausbildung bei CK-Dental beendet. Dafür wird im September ein Geflüchteter seine Einstiegsqualifizierung beginnen.

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