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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2018

Kämpfer für Inklusion ohne Vorurteile    

Ein Gespräch mit dem LAGeSo-Präsidenten Franz Allert über die Stärken schwerbehinderter Kollegen

Franz Allert leitet seit dem Jahr 2003 mit Unterbrechung das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSo) LAGESO

Berliner Morgenpost: Herr Allert, Sie haben viele Unternehmer ermutigt, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Wie viele behinderte Mitarbeiter arbeiten im LAGeSo?

Franz Allert: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales beschäftigt derzeit 760 Personen, davon sind 127 Beschäftigte schwerbehindert beziehungsweise einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt. Das entspricht einer Quote von rund 17 Prozent, die damit weit über der gesetzlich geforderten Quote von fünf Prozent liegt.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen?

Sehr gute. Sie sind in den unterschiedlichsten Bereichen des Amtes tätig und leisten wertvolle Arbeit. Als Leiter einer Sozialbehörde sehe ich für mich eine besondere Verantwortung, für die Beschäftigten mit Handicap optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen. Hilfreich und zielführend ist dabei das intensive Zusammenwirken der gesamten Leitung des LAGeSo mit den erfahrenen Teams des Personalrats und der Schwerbehindertenvertretung.

Wie überzeugen Sie Unternehmen, behinderte Menschen einzustellen?

Zunächst gibt es natürlich die gesetzliche Pflicht der Arbeitgeber, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Kommt der Arbeitgeber dieser Pflicht nicht nach, muss er eine Ausgleichsabgabe an das Integrationsamt zahlen. Deren Höhe beträgt je Monat und unbesetzten Pflichtarbeitsplatz zwischen 125 und 320 Euro. Wir setzen außerdem a die vielen guten Praxisbeispiele. Mit der jährlichen Verleihung des Inklusionspreises trägt die Landesregierung dazu bei, diese bekannt zu machen und Vorurteile über die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen abzubauen.

Warum bezahlen viele Unternehmen lieber die Ausgleichsabgabe, statt Menschen mit Handicap einzustellen?

Im Jahr 2016 waren im Land Berlin 6662 Unternehmen beschäftigungspflichtig – 4210 erfüllten diese Pflicht nicht. Besonders stark kommen Vorbehalte bei Unternehmen zum Tragen, die noch keine Menschen mit Handicap beschäftigt haben. Sie setzen Behinderung häufig mit Krankheit gleich – mit eingeschränkter Arbeitsunfähigkeit. Erfahrungen zeigen aber auch, dass sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten von Beschäftigten mit und ohne Behinderung nicht unterscheiden.

Eröffnet das Internet behinderten Existenzgründern neue Chancen?

Das Internet bietet neue Geschäftsmodelle für alle Menschen auch für behinderte Menschen. Die Annahme, dass behinderte Existenzgründer vom Internet mehr profitieren als andere, bewahrheitet sich in der Praxis nicht. Für einige Menschen mit Schwerbehinderung ist die berufliche Selbstständigkeit die einzige realistische Chance, am ersten Arbeitsmarkt teilzuhaben. Als ihr eigener Chef oder Chefin schaffen sie sich selbst behinderungsgerechte Arbeitsbedingungen. Das Integrationsamt kann die Gründung und die Erhaltung einer selbstständigen beruflichen Existenz schwerbehinderter Menschen fördern. Da wir Dank der guten Arbeit des auf diese Fragen spezialisierten Integrationsfachdienstes (IFD) bei der Förderung von schwerbehinderten Existenzgründern gute Erfolge erzielt haben und diese Möglichkeit weiterentwickeln möchten, widmen wir einen Schwerpunkt der Tagung, anlässlich der diesjährigen Preisverleihung, dem Thema „Existenzgründung und Handicap: Sackgasse oder Weg zur Inklusion?“

„Wir möchten die Förderung schwerbehinderter Existenzgründer weiterenwickeln“

Franz Allert, Präsident LAGeSo

Die Schlagzeilen über Schlange stehende Flüchtlinge am LAGeSo sind rund drei Jahre her. Für Sie ist inzwischen ein eigenes Amt geschaffen worden. Was sind eigentlich die Kernaufgaben des LAGeSo?

Das LAGeSo besteht in diesem Jahr bereits 20 Jahre. Das Aufgabenspektrum hat sich seitdem mehrfach verändert. Das Kompetenz- und Leistungsspektrum umfasst zahlreiche Themenfelder in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz. Das LAGeSo hat hier die Verantwortung für sehr viele gesamtstädtische Aufgaben. Und es kommen immer weitere dazu. Ende letzten Jahres wurde zum Beispiel die Förderung der Kinderwunschbehandlung auf das LAGeSo übertragen. Seit Anfang 2018 ist mein Amt für das Anerkennungsverfahren von Betreuungsvereinen und deren Finanzierung zuständig. Auch Aufgaben im Zusammenhang mit der Einführung von Inklusionstaxis im Land Berlin gehören dazu. Neben dem Integrationsamt, das die berufliche Teilhabe von schwerbehinderten Menschen fördert und sichert, darf aber ein großer Bereich nicht unerwähnt bleiben: das Referat für die Anerkennung schwerbehinderter Menschen. Rund 600.000 Menschen haben in Berlin eine anerkannte Behinderung, über 400.000 davon sogar eine Schwerbehinderung. Jeder sechste Berliner ist somit Kunde des Versorgungsamtes. Die Feststellung einer Schwerbehinderung ist wichtig, da nur so auch die Nachteilsausgleiche in Anspruch genommen werden können, die zu einem inklusiven Leben beitragen sollen.

Was viele nicht wissen: Das LAGeSo arbeitet auch intensiv mit vergleichbaren Behörden im Ausland zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Das LAGeSo hat in der Tat viele internationale Kontakte und informiert Fachleute aus dem Ausland über soziale Themen. Eine besondere Verbindung besteht zur Stadt Moskau und dem dortigen Departement für Arbeit und soziale Sicherheit der Bevölkerung. Die Städtepartnerschaft von Berlin und Moskau besteht seit 26 Jahren und ermöglicht Fachverwaltungen beider Metropolen einen regelmäßigen Austausch zu aktuellen Themen. Seit 2006 werden im Sozialbereich jährlich zwei Fachseminare organisiert – abwechselnd in Berlin und in Moskau. Dieser intensive und praxisorientierte Fachaustausch bezieht auch Partner aus dem Umfeld der gemeinnützigen Nichtregierungsorganisationen mit ein. Eine stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft beider Städte ist das erklärte Ziel.

Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen sinkt

Im März 2018 waren in Berlin 7922 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet. Ihr Anteil lag damit leicht unter dem der nichtschwerbehinderten Arbeitslosen (27,2 Prozent). Bei den Jobcentern waren 75,5 Prozent (5978) der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen registriert. Die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen ist von März 2017 auf März 2018 um 8,3 Prozent gesunken. Der Rückgang war damit stärker als bei nichtschwerbehinderten Menschen (-7,4 Prozent). Vom Jahr 2014 auf 2015 stieg die Zahl der bei Berliner Arbeitgebern mit 20 oder mehr Arbeitsplätzen beschäftigten schwerbehinderten Menschen um 904 (+1,8 Prozent) auf 50.934. Insgesamt gab es 380 schwerbehinderte Auszubildende.

Weitere Informationen unter:
www.berlin.de/lageso
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