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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2018

Ein gutes Klima schaffen

Inklusion ist ein Zukunftsthema des Arbeitsmarktes, die Unternehmen müssen sich auf mehr Mitarbeiter mit Handicap einstellen – Chance und Herausforderung zugleich

Das Arbeiten an gemeinsamen Aufgaben fördert ein gutes Inklusionsklima ISTOCK/DEMAERRE

In diesem Jahr wird der Inklusionspreis bereits zum 16. Mal an Unternehmen vergeben, die zeigen, wie inklusive Beschäftigung von Menschen mit Handicap gelingen kann. Einer, der sich beruflich damit auseinandersetzt, ist Stephan Böhm, BWL-Professor an der Universität St. Gallen. Seit 2009 erforscht der Direktor des Center for Disability and Integration Erfolgsfaktoren für die Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt. Seine Bestandsaufnahme? „Wir beobachten, dass technische Faktoren wie Barrierefreiheit am Arbeitsplatz durchaus notwendig sind. Aber nur, weil ein Rollstuhlfahrer seinen Arbeitsplatz problemlos erreicht, bedeutet das noch lange nicht, dass das inklusive Arbeiten klappt“, sagt er. Das Arbeiten an gemeinsamen Aufgaben sei ausschlaggebend und führe teils sogar zu einer höheren Produktivität diverser Teams.
Manfred Radermacher leitet Enterability seit 15 Jahren ENTERABILITY
Manfred Radermacher leitet Enterability seit 15 Jahren ENTERABILITY
Arbeitsmarkt wandelt sich

Den Unterschied macht die Großwetterlage: „Bei der Inklusion in Unternehmen kommt es auf das Zusammenspiel verschiedener Ebenen innerhalb des Teams, aber auch mit der Führungsebene an – auf das, was wir ,Inklusionsklima‘ nennen,“ sagt der Münchner. „Zwei Dimensionen spielen hier eine Rolle: Wird der Mensch mit Einschränkung für seine spezifischen Kompetenzen wertgeschätzt? Und: Gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl im Team?“

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Schluss, dass der Mangel von etwa 440.000 Fachkräften schon heute die Wirtschaftskraft schmälert. Entsprechend weckt das Arbeitsmarktthema der Stunde, der „War for Talents“, auch das Interesse an qualifizierten Menschen mit Handicap. Der demografische Wandel leistet seinen eigenen Beitrag – Behinderungen nehmen in dessen Zuge tendenziell schlichtweg zu. Zudem gebe es, so Böhm, weitere Auslöser für Betriebe, sich dem Thema zuzuwenden: „Auch wenn einige den bürokratischen Aufwand scheuen und schlicht nicht wissen, wie sie vorgehen sollen, spüren viele Unternehmen eine soziale Verantwortung. Das hängt besonders bei kleinen Unternehmen oft mit persönlicher Betroffenheit zusammen.“ Ist es für Bewerber demnach ratsam, sich vor allem bei kleineren Unternehmen vorzustellen? „Inklusion funktioniert sowohl in kleinen Betrieben als auch in Konzernen, selbst wenn es immer mal zu Konflikten kommen kann. In kleinen Unternehmen herrscht häufig eine persönliche Verbindlichkeit der Führungskräfte, die eine fast familiäre Verpflichtung spüren.“ In Großunternehmen gebe es das weniger, dafür sei das Personalmanagement häufig professioneller. Etwas, das für Menschen mit Behinderung durchaus hohe Relevanz hat. Hinzu komme, so Böhm, dass es oft flexiblere Einsatzmöglichkeiten der Arbeitskraft gebe.

Gesellschaftlicher Wandel, flexibleres Arbeiten, soziale Verantwortung, spezielle Förderungen und ein produktives Inklusionsklima stellen die Weichen für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt. Reicht das aus, um Unternehmen zu überzeugen? Stephan Böhm blickt positiv Richtung Zukunft: „Wir beobachten, dass Unternehmen, wenn sie wissen, wie es geht, und sehen, dass es funktioniert, immer wieder inklusiv beschäftigen. Das wirkt am nachhaltigsten. Am Ende müssen alle Seiten zufrieden sein und sagen: ,Coole Erfahrung – das machen wir noch mal.‘“

Fachtagung

Verwaltung im Dialog

Auch 2018 können sich Berliner Unternehmen für den Inklusionspreis des Landes Berlin bewerben. Die Gewinner werden im Rahmen der Fachtagung „20 Jahre LAGeSo – Verwaltung im Dialog“ am 12. November 2018 in drei Kategorien ausgezeichnet: Kleinunternehmen, mittelständische Unternehmen und Großunternehmen. Der Preis ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert. Bewerbungsschluss ist der 31. Juli 2018.

An die Preisvergabe schließt sich erstmals in der Geschichte des Inklusionspreises eine Tagung mit Podiumsdiskussion an. Thema: „Teilhabe am Arbeitsleben für alle“. Das Impulsreferat hält Stephan Böhm (Center for Disability and Integration, St. Gallen), zum Schwerpunkt „Existenzgründung mit Schwerbehinderung“ spricht Manfred Radermacher (IFD Selbstständigkeit). Die Veranstaltung richtet sich an Entscheidungsträger, Arbeitgeber, schwerbehinderte Existenzgründer und schwerbehinderte Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Sie findet im Meistersaal am Potsdamer Platz statt. Weitere Informationen zur Teilnahme auf der Rückseite.

„Zu uns kommen die, die wollen“

Der Integrationsfachdienst Selbstständigkeit berät Berliner Existenzgründer mit Schwerbehinderung
Manfred Radermacher leitet Enterability seit 15 Jahren ENTERABILITY
Manfred Radermacher leitet Enterability seit 15 Jahren ENTERABILITY
Im Auftrag des Integrationsamtes beraten in Berlin zehn Integrationsfachdienste (IFD) Menschen mit Schwerbehinderung zum Thema Arbeit. Neben Fachdiensten, die in den Bezirken bei der Jobsuche und bei Problemen am Arbeitsplatz helfen sowie Arbeitgeber unterstützen, gibt es IFDs, die auf besondere Aspekte wie etwa Selbstständigkeit spezialisiert sind – ein IFD, den es bundesweit nur in Berlin gibt.

Seit 2003 berät der IFD Enterability Selbstständige. Ein Prestigeprojekt der Gründer-City ist der Dienst jedoch nicht. „Für viele Menschen mit Behinderung bedeutet die Existenzgründung die letzte Chance auf Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt, so ist das subjektive Empfinden“, sagt Leiter Manfred Radermacher. Viele finden trotz Qualifikation keinen Job, bei dem ausreichend Rücksicht auf ihre Bedürfnisse genommen wird oder genommen werden kann. Entsprechend groß ist die Nachfrage, nur selten schrumpfe die Warteliste unter die 20er-Marke. In einem Kreuzberger Loftbüro beraten Radermacher und sein Team schwerbehinderte Menschen, die planen, sich selbstständig zu machen, oder es bereits sind. Voraussetzung: „Wer mit uns gründen will, muss arbeitslos sein, schwerbehindert, in Berlin leben – und eine Idee haben.“

Eine Garantie für die Begleitung in die Selbstständigkeit ist das aber noch lange nicht. „Im Ursprung geht es darum, Gründungen zu verhindern, die scheitern.“ Es sei deshalb genauso wichtig, abzuraten, wie zu ermuntern, so Radermacher.

Er selbst sieht sich in erster Linie als Unternehmensberater. Enterability erstellt Businesspläne, betreibt Marktanalyse und klärt Fördermöglichkeiten. Der Unterschied: Von vornherein wird mit eingerechnet, ob sich die Geschäftsidee an die individuellen Bedürfnisse und die Leistungsfähigkeit so anpassen lässt, das sie umsetzbar ist. Dafür sei schonungslose Offenheit in Bezug auf die Behinderung und deren Auswirkung unerlässlich. Nur so habe die Selbstständigkeit Chancen auf Erfolg. „Wir sind ziemliche Pragmatiker. Unsere Ehrlichkeit wird aber fast immer wertgeschätzt.“

Selbstbestimmt arbeiten

Drei von zehn Menschen, die sich beraten lassen, wagen letztlich den Schritt in die hauptberufliche Selbstständigkeit. Pro Jahr gründen mit dem IFD Selbstständigkeit 25 bis 30 Menschen. „Und die sind dann auch recht erfolgreich“, so Radermacher. Die größte Gruppe bilden die 40- bis 50-Jährigen. „Zu uns kommen die, die wirklich wollen. Neben der finanziellen Perspektive geht es vor allem um das Gefühl, wieder dabei zu sein“, sagt er. Mit der Existenzgründung schaffen sich die Gründer die Arbeitsbedingungen, die auf ihren Rhythmus und ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, einfach selbst.

Genauso können sich aber auch bereits erfahrene Selbstständige an Enterability wenden. Im laufenden Geschäft ergeben sich oft gesundheitliche Veränderungen, die das Unternehmen beeinflussen. „Keine Behinderung ist statisch“, so Radermacher, „Bedürfnisse und Leistungsfähigkeit verändern sich mit der Zeit.“

Aus den 380 Männern und Frauen, denen Manfred Radermacher in die Selbstständigkeit verhalf, hat sich längst ein Kompetenznetzwerk gebildet. Regelmäßig treffen sich die Gründer und tauschen sich aus: Freiberufler aus der Kulturszene genauso wie Süßwarenhändler, Yogalehrer, Cafébesitzer und IT-Dienstleister. Selbstständig mit Handicap – das gibt es in jeder Branche. Weitere Informationen unter: www.berlin.enterability.de
www.berlin.enterability.de
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