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Chauffeure der Zukunft

Mehr als 1000 Tüftler entwickeln am Berliner Standort von Here Technologies digitale Karten. Weltweit beschäftigt der Navigationsdienstleister 8500 Mitarbeiter. Ihr Ziel: das autonome Fahren maßgeblich vorantreiben

Wenn im Cockpit keiner sitzt: Autonomes Autofahren ist bald keine Zukunftsmusik mehr ISTOCK/CHOMBOSAN

Zwischen Invaliden- und Schlegelstraße in Mitte ist in den letzten Jahren ein schicker Campus entstanden. In den Backsteingebäuden der Edison-Höfe sitzt unter anderem ein Zweisternerestaurant. Vor allem aber sind hier Technologiefirmen und Start-ups beheimatet, wie zum Beispiel das Netzwerk für Wissenschaftler, Resarchgate – und Here Technologies.

Im Hochsicherheitstrakt

Die wenigsten Berliner haben diesen Namen je gehört. Dabei beschäftigt das Unternehmen mehr als 1000 Mitarbeiter in Berlin, weltweit sind es 8500. Here ist Marktführer im Bereich ortsbasierte Geolokation – also Kartendienste. „Wir sind ein Hidden Champion“, sagt Christof Hellmis, Vice President Strategic Program Management. Ein versteckter Sieger, der maßgeblich an der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge beteiligt ist.
Auch die Deutsche Bahn setzt auf fahrerlose Busshuttles: Die erste Linie pendelt in Bad Birnbach, ein Projekt mit den Berliner Verkehrsbetrieben startet gerade PA/PHOTOSHOT
Auch die Deutsche Bahn setzt auf fahrerlose Busshuttles: Die erste Linie pendelt in Bad Birnbach, ein Projekt mit den Berliner Verkehrsbetrieben startet gerade PA/PHOTOSHOT
Die Empfangshalle von Here gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Am Schalter muss sich jeder Besucher mit Personalausweis und Unterschrift legitimieren, bevor sich die Schranke öffnet. Der Wunsch nach einer Führung durchs Haus wird freundlich abgelehnt. Lediglich ein paar Fotos von der imposanten Dachterrasse werden gezeigt. Dort oben wird manchmal gegrillt, es werden Blumen gepflanzt. Die Mitarbeiter können Patenschaften über ganze Kübel übernehmen.

Ein Hauch vom einstigen Start-up-Charakter weht immer noch durchs Unternehmen. Dabei ist Here schon lange kein Start-up mehr. Bereits 1999 wurde die Firma in Berlin als „Gate 5“ gegründet, 65 Mitarbeiter entwickelten Software für Telefone, bis Nokia das Unternehmen im Jahr 2006 kaufte.

Zwei Jahre später übernahm der Mobilfunkhersteller auch den in Kalifornien ansässigen digitalen Kartenhersteller Navteq und führte die beiden Unternehmen zusammen: Der Kartendienst Here Technologies war entstanden. Ende 2015 gab es einen weiteren Eigentümerwechsel. Ein Konsortium aus Daimler, Audi und BMW sicherte sich die Mehrheit von 75 Prozent. In der Folge beteiligten sich Bosch, Continental und Intel.

Dass die führenden Automobilkonzerne in das Unternehmen mit Hauptsitz in Amsterdam investierten, zeigt, wie wichtig „ortsbasierte Intelligenz“ für das autonome Fahren ist. Ohne die bis auf den Zentimeter genauen, im Fahrzeug integrierten Karten kann das Vehikel nicht selbstständig navigieren. Die Entwicklungen in Richtung autonomes Fahren sind jedoch nicht das einzige Geschäftsfeld von Here. Auch für Konzerne wie Amazon, Samsung oder Microsoft werden Karten produziert. „Alle Firmen, die ein digitales Ökosystem zur Verfügung stellen, brauchen Kartenmaterial“, sagt Hellmis.

Die Autohersteller machen allerdings den Großteil des Umsatzes aus. Gemeinsam mit ihnen entwickelt Here Technologies die Navigation der Zukunft. Und weil das Unternehmen global aufgestellt ist, sitzen die Softwareentwickler, Geoinformatiker und Designer auch in Städten wie dem indischen Mumbai, in Eindhoven in den Niederlanden sowie in den USA in Boulder und Chicago.

Die digitalen Karten sind wichtig, weil das Auto erstens wissen muss, wo es sich befindet, und zweitens, wie es von A nach B kommt. Die Karte ist aber nicht das einzige Element, das unterstütztes beziehungsweise autonomes Fahren ermöglicht, die im Auto integrierte Kamera sowie die Sensoren spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Doch ohne zentimetergenaues Kartenmaterial wird das selbstständige Fahren nicht funktionieren. Schon heute sind in manchen Autos Assistenzsysteme im Einsatz, die dem Fahrer Arbeit abnehmen, etwa Tempomat oder Bremssysteme. So erkennt das Fahrzeug zum Beispiel, wenn es in eine Ortschaft hineinfährt, und drosselt die Geschwindigkeit auf 50 km/h. All diese Errungenschaften basieren unter anderem auf der Technologie von Here.

Die Technik wird lenken

Und so wird die Entwicklung immer weiter fortschreiten, bis der Fahrer irgendwann gar nichts mehr tun muss. Die Technik wird zunehmend das Lenken des Autos übernehmen.

Ein weiterer Meilenstein in diese Richtung ist die neueste Weiterentwicklung von Here, die HD Live Map. Dabei handelt es sich um eine sogenannte „selbstlernende“ Karte. Sie ist cloudbasiert und aktualisiert sich kontinuierlich von alleine, sodass sie stets widerspiegelt, was auf der Straße vor sich geht. Wurde etwa eine Kreuzung in einen Kreisel umgewandelt – das System erkennt die Veränderung.

Derzeit sind etwa eine halbe Million Straßenkilometer erfasst, Ende des Jahres wird es eine Million sein. In zwei Jahren soll es schließlich so weit sein: Dann wollen Automobilhersteller wie Daimler, Audi oder BMW diese Software in die ersten Fahrzeuge integrieren.
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