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Berlins Top 200

Berlin hat den Turbo eingeschaltet

Die Mitarbeiterzahl der 200 größten Arbeitgeber der Hauptstadt wuchs zum achten Mal in Folge, und zwar um 2,9 Prozent. Dem Beschäftigungswachstum könnte allerdings bald die Luft ausgehen – auch weil der Stadt langsam die Fachkräfte fehlen

Auch am Brandenburger Tor müssen Elektriker ab und an die Glühlampen wechseln PA/DPA/SEBASTIAN KAHNERT

Jobs, Jobs, Jobs – Hauptstädter und Neuberliner, die in diesen Tagen einen neuen Arbeitsplatz suchen, haben es leicht. Denn die Berliner Firmen stellen kräftig ein. Allein die 200 größten Arbeitgeber der Spreemetropole haben im vergangenen Jahr deutlich mehr als 10.000 neue Mitarbeiter rekrutiert. Die Auswertung des Top-200-Rankings der Berliner Morgenpost ergab ein Plus von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Auch im Jahr 2016 verzeichneten die Top 200 einen Beschäftigungszuwachs von 2,9 Prozent, 2015 waren es zwei Prozent. Damit setzt sich der positive Trend der vergangenen Jahre fort: Bereits seit dem Jahr 2010 vergrößern die Berliner Top 200 im Durchschnitt ihre Belegschaften. Zuletzt wurde das Wachstumstempo noch einmal beschleunigt. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 111 der Berliner Top-200-Unternehmen neue Kollegen eingestellt, nur 41 Firmen haben Personal entlassen.

Hochphase für alle Branchen

„In den vergangenen drei Jahren hat Berlin den Turbo eingeschaltet“, freut sich auch Claus Pretzell, Volkswirt der Investitionsbank Berlin (IBB). „Das wird sich auch 2018 nicht ändern.“ Zwar wächst die Wirtschaftsleistung der Hauptstadt schon seit 2006 ungebremst, seit 2015 fällt das Wirtschaftswachstum mit mehr als drei Prozent pro Jahr aber deutlich höher aus als das der gesamten Bundesrepublik. Im letzten Jahr lag das Bruttoinlandsprodukt Berlins mit 3,1 Prozent sogar um 1,3 Prozentpunkte über dem bundesdeutschen Wachstum. „Die Berliner Wirtschaft befindet sich in einer Phase der Hochkonjunktur, fast alle Branchen boomen“, sagt Pretzell.
500.000 Touristen täglich: Das Hotelgewerbe boomt PA/ZB/JENS KALAENE
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Diese Tendenz bestätigt auch die Umfrage der Berliner Morgenpost unter den 200 größten Arbeitgebern der Berliner Wirtschaft. Auch 2018 suchen die Unternehmer der Metropolregion Berlin weiter Personal. Nach ihrer Beschäftigungsprognose befragt gaben 55 der Top-200-Firmen an, weiter kräftig einstellen zu wollen. Für die kommenden Monate planen sie 3425 neue Stellen. Im vergangenen Jahr wollten noch 52 Unternehmen 3302 neue Arbeitsplätze schaffen. Zudem gaben 71 Unternehmen an, ihre Mitarbeiterzahl weiterhin konstant halten zu wollen. Nur vier Unternehmen planen konkret den Mitarbeiterabbau – hier sollen 185 Arbeitsplätze wegfallen. Im vergangenen Jahr planten fünf Unternehmen, 306 Stellen abzuschaffen.

25.000 Stellen ausgeschrieben

Aber nicht nur die Top 200, auch viele der kleineren Unternehmen und Start-ups sowie Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen der Hauptstadt stellen ein. So gab es nach Angaben der IBB im Januar 2018 in Berlin knapp 60.000 mehr sozialversicherungspflichtige Stellen als im Vorjahresmonat – ein Plus von 4,3 Prozent. Im Bundesdurchschnitt stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im selben Zeitraum nur um etwas mehr als zwei Prozent. Außerdem seien derzeit noch rund 25.000 unbesetzte Stellen ausgeschrieben. Ende 2018, so glaubt Claus Pretzell, wird es in Berlin rund 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geben.

Reinigungsarbeiten am Fernsehturm: Zu den Top-200-Unternehmen gehören auch Gebäudedienstleister ISTOCK/JUHLA
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Gesucht wird vor allem in der Digitalbranche, in der Immobilienwirtschaft und bei den wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen. Gefragt sind IT-Experten und Ingenieure, Mechatroniker und Elektriker, Erzieher und Pfleger. Aber auch das Hotel- und Gastgewerbe, die unternehmensnahen Dienstleistungen, der Bau und das Gebäudemanagement sowie die Beförderungsunternehmen suchen neue Kollegen.

Wachstum wird langsamer

Das liegt auch im nach wie vor anhaltenden Wachstum der Stadt begründet, ist sich Pretzell sicher. Geht der Zuzug so rasant weiter wie in den vergangenen Jahren, knackt Berlin im Jahr 2025 die Vier-Millionen-Grenze, glaubt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Denn 2017 zogen 54.200 Menschen mehr nach Berlin als von hier weg; 2016 waren es gar 60.500. Die Mehrheit der Neuberliner ist zwischen 18 und 30 Jahre alt, hat das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ermittelt. Zusätzlich sind jeden Tag etwa eine halbe Million Touristen in der Stadt. „Die wachsende Stadt schafft auch neue Arbeitsplätze“, weiß Volkswirt Pretzell.

Neue Standorte, neue Startups, neue Arbeitsplätze – es wäre toll, würde sich das rasante Wachstum in der Hauptstadt genauso fortsetzen. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht. Denn IBB-Experte Claus Pretzell sieht durchaus Faktoren, die dem Wachstum Einhalt gebieten könnten. Der wichtigste dieser Faktoren: der Fachkräftebedarf. „Bisher konnten wir uns dank der Attraktivität Berlins ja um den Fachkräftemangel herumdrücken. Auf Dauer wird das nicht funktionieren“, glaubt der Volkswirt. Denn der Zuzug werde nicht auf dem aktuellen Niveau weitergehen. So schafft der auch in Berlin steigende Mangel an Fachkräften immer größere Kapazitätsengpässe – heute schon gut im Baugewerbe spürbar. Für 2018 prognostiziert Pretzell deshalb noch einmal knapp drei Prozent Wachstum; 2019 aber werden wir auch in Berlin die bremsenden Einflüsse deutlich zu spüren bekommen – wachsen wird die Berliner Wirtschaft aber weiterhin, da ist sich Pretzell sicher.

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