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Weihnachten genießen 2018

Stille Nacht, heilige Nacht?

Die Hauptstadt ist nicht nur multireligiös, sondern auch ziemlich säkular. Dennoch wird auch hier am 24. Dezember die Heilige Nacht gefeiert. Was ist den Berlinern heute noch heilig?

Morgens um 5.00 Uhr in Berlin: Bei den adventlichen Roratemessen werden die Kirchen oft nur mit Kerzenlicht beleuchtet.                      FOTO: ISTOCKPHOTO / ANTON CHALAKOV

Berlin ist schon lange Zufluchtsort für all jene, die sich nach einem freien, selbstbestimmten Leben sehnen. Bereits der Alte Fritz predigte, dass ein jeder Mensch in der deutschen Hauptstadt so leben solle, wie es ihm beliebe. Dieses Credo gilt noch heute. Von überall her kommen Menschen nach Berlin, um sich zu entfalten. Das hat zur Folge, dass es in Berlin weitaus liberaler zugeht als in anderen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt. Wer mag, kann nächtelang im Techno-Tempel tanzen oder aufs Feiern komplett verzichten. Berlin galt eigentlich bis vor Kurzem als „arm, aber sexy“, zur Adventszeit aber sind dem Konsumwahn kaum mehr Grenzen gesetzt. Gleichzeitig geht es um Besinnung, Entschleunigung und Nächstenliebe – da stellt sich die Frage, ob und wie das alles zusammenpasst. Wenn es nicht mehr die christlichen – oder andere religiöse – Werte sind, was ist es dann, was den Berlinern heilig ist?

Kerzenlicht funktioniert immer

„Ich glaube, dass auch Menschen, die sich selbst als säkular beschreiben, etwas oder jemanden haben, der oder das ihnen heilig ist“, sagt Stefan Förner vom Erzbistum Berlin. „Das können bestimmte Orte sein, Rückzugspunkte im Großstadtdschungel, oder auch ganz konkrete Personen. Ein vorbildhaftes Beispiel ist etwa Mohandas Gandhi, der zwar nach katholischer Auffassung kein Heiliger ist, aber dennoch eine zentrale Figur darstellt, wenn es um zivilen Ungehorsam, passiven Widerstand und das Aufbegehren gegen soziale Ungerechtigkeit geht.“ Förner versucht, das christliche Verständnis von Heiligkeit zu beschreiben. „Heilig zu sein, heißt bei Gott zu sein und eine besondere Beziehung zu Gott zu haben“, sagt er. Doch auch Orte wie die Kirchen sind nach katholischer Auffassung heilig, da sie geweihte Räume darstellen. „Auch Menschen, die nicht religiös sind, haben ein Gespür dafür, dass in Kirchen eine andere Atmosphäre herrscht als im Rest der Stadt. Es gibt weder Verkaufsflächen noch elektronische Bespaßung, sondern einfach nur einen Raum, in dem Menschen zu sich selbst finden können.“

Förner hat die Erfahrung gemacht, dass in der Weihnachtszeit viele Menschen im angeblich so religionsfernen Berlin das Bedürfnis haben, Ruhe und inneren Frieden zu finden. Dieses Bedürfnis wollen die Kirchen gerne bedienen und machen deshalb Angebote wie etwa die adventlichen Roratemessen, die morgens um 5.00 Uhr in diversen katholischen Kirchen im gesamten Stadtgebiet stattfinden. „Oftmals werden bei diesen Messen die Kirchen nur mit Kerzenlicht erleuchtet“, sagt Förner. „Kerzen funktionieren gewissermaßen immer. Das Kerzenlicht ist wie eine universelle Sprache, die jeder versteht, etwas Intimes und Lebendiges, dem jeder folgen kann.“

Messemarathon für die Festtagschristen

Zudem ist es nach wie vor erstaunlich, wie viele Menschen es an den Feiertagen doch noch in die Kirchen schaffen. Allein im Berliner Dom gibt es rund um die Weihnachtstage zahlreiche Messen, um den Ansturm sogenannter Festtagschristen bewältigen zu können. Auch wenn es nur Gewohnheit oder ein Familienritual ist, so spricht doch ein gewisses Bedürfnis nach einem Wertefundament aus dem Kirchgang. Förner spricht in diesem Zusammenhang von „heiligen Zeiten im Jahreskreis“, wie eben die Adventszeit. Mit diesem Hintergrundwissen ist es auch zu verstehen, warum die Kirchen so erbittert um strengere Ladenöffnungszeiten streiten.

„Niemand soll allein feiern müssen“

Allerdings möchte Stefan Förner die Kirche nicht als moralische Instanz verstehen, die den Berlinern vorschreibt, wie sie zu leben haben. Es geht vielmehr darum, Angebote zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Besonders wichtig ist ihm, der Vereinsamung in der Stadt vorzubeugen. „Niemand soll allein feiern müssen“, sagt er. „Gerade in Berlin ist eine zunehmende Vereinzelung von Menschen zu beobachten, was soziale Isolation nach sich zieht.“ Dem gilt es etwas entgegenzusetzen. Im Umkehrschluss gibt es viele Freiwillige, die sich nicht nur in den Kirchen sozial engagieren. Auch diese Beschäftigung kann nach seiner Ansicht heilig sein. Selbst wenn sich Förner damit schwer tut, eine explizite Moral einzufordern, hat er dennoch einen Wunsch: Er hofft, dass die permanente Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen kritisch hinterfragt wird. „Das fängt bei den Erdbeeren, die im Winter im Supermarkt verkauft werden, an und endet beim mitternächtlichen Shoppen“, sagt er. Den Konsum zu hinterfragen und ökologischer zu agieren, kann eben auch heilig sein, und ist vor allem für die nachfolgenden Generationen schwer vonnöten.

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