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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2017

Von New Orleans bis Havanna

Das Till Brönner Orchestra lädt zu einer Reise durch die Welt des Jazz. Helen Schneider und Peter Fessler treten als Gäste auf

Hello again: Till Brönner stand zuletzt beim 25. Classic Open Air 2016 am Eröffnungsabend auf der Bühne PA/GEISLER-FOTOPRESS

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„Open-Air-Konzerte sind für jeden Musiker eine besondere Herausforderung“, sagt Till Brönner. „Wie pfeift der Wind? Welche Temperaturen sind vorausgesagt? Sind die Konditionen ungünstig, ist der Höchstgrad an Belastbarkeit schnell erreicht.“ Aber es sei ein glücklicher Umstand, dass deutsche Veranstalter dem sehr durchwachsenen Wetter hierzulande trotzten und wie in Berlin das „Open Air“ sogar im Namen führten. „Für das Publikum ist es immer ein besonderes Erlebnis, daher stellt man sich dieser Herausforderung gerne.“

Der Jazztrompeter weiß, wovon er spricht: Seit vielen Jahren schon tourt er durch die gesamte Welt, spielt in kleinen Clubs ebenso wie in großen Konzertsälen, Hallen, Stadien oder eben unter freiem Himmel. Doch Till Brönner wäre nicht der smoothe Jazzstar mit dem internationalen Renommee, der von New-Orleans-Klassikern bis arrangierten Poptiteln sämtliche Stilrichtungen des Jazz zu adaptieren weiß, stünde er nicht selbst über den widrigsten Witterungsbedingungen. „Natürlich spielen wir, trotz aller Einschränkungen, immer auf Spitzenniveau und geben jeden Abend alles, auch wenn sich open air keine Routine einstellt.“

Für Ex-Präsident Obama spielte Till Brönner gleich zwei Mal

„Wir“, das sind der Jazztrompeter und sein Till Brönner Orchestra, ein – wie er immer wieder betont – „handverlesenes“, in der Besetzung variierendes Ensemble, mit dem der Star der Szene am letzten Tag des diesjährigen Classic Open Air eine Reise um die Welt antreten wird. „Die Besucher erwartet eine große Jazz-Show mit Ausflügen in zahlreiche Länder, die den Jazz mit ihren eigenen Interpretationen maßgeblich geformt und um viele erfrischende Klangfarben erweitert haben“, sagt er.

Die Reise wird – wie könnte es anders sein – in New Orleans beginnen, wo Louis Armstrong den Jazz der frühen 20er-Jahre prägte. Über Rio de Janeiro und den brasilianischen Bossa Nova führt die Route nach Kuba zu den Stars des Buena Vista Social Club. Die Karibik-Insel hat es Brönner, der seit einigen Jahren auch als Fotograf arbeitet und derzeit einen Bildband über Havanna zusammenstellt, besonders angetan: „Kuba ist von Inspiration umringt. In jeder Bar gibt es eine Live-Band, die alles in den Sack spielen kann, was hierzulande geboten wird“, schwärmt der Trompeter. „Afro-Cuban-Jazz hat es in die Köpfe und Herzen der Menschen geschafft. Diese Message will ich auch beim Classic Open Air vermitteln.“

Ursprünglich stammt der heute in Berlin lebende Jazztrompeter aus einer ganz anderen Ecke Deutschlands, aus Viersen in Nordrhein-Westfahlen. Schon zu Schulzeiten fiel Brönner als musikalisches Ausnahmetalent auf. Bereits drei Jahre nach dem Abitur 1990 veröffentlichte er seine erste Platte. Zuvor begann er ein Jazztrompeten-Studium an der Hochschule für Musik in Köln, zu seinen Lehrern zählen Koryphäen wie Malte Burba und Bobby Shew. Parallel hierzu spielte er in der Rias Big Band, ehe er seine Solokarriere startete und an der Seite von Szenegrößen wie Dave Brubeck, Monty Alexander und Ray Brown performte.

Seitdem ist Till Brönner nicht zu bremsen: Neben seiner weltweiten Konzerttätigkeit veröffentlicht er in regelmäßigen Abständen Alben, die Jazz-untypisch sogar in die deutschen Charts einschlagen. Zuletzt erschien „The Good Life“, auf dem Brönner Songs „nach dem Lustprinzip“, wie er sagt, ausgesucht hat und sogar nach 25 Jahren Abstinenz erstmals wieder als Sänger zu hören ist. Als einziger deutscher Musiker wurde der Trompeter zudem im Rahmen des „International Jazz Day“ 2016 von Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen. Als sich der damalige Präsident bei seinem kurz darauf folgenden Deutschland-Besuch vom Amt verabschiedete, war es wiederum der Jazzmusiker, der den Abend mit Angela Merkel im Kanzleramt musikalisch untermalte.

Helen Schneider kennen die Berliner aus dem Theater des Westens

Schon im vergangenen Jahr war Till Brönner beim Classic Open Air und spielte an der Seite von Ute Lemper, Eva Lind, Sebastian Reinthaller, Joja Wendt und Chris de Burgh zum 25-jährigen Festival-Jubiläum. Dieses Jahr kuratiert er seinen ganz eigenen, persönlichen Abend, bei dem er auch zum ersten Mal mit seinem Orchester auftritt. Auf seiner Reise quer durch die Welt des Jazz begleiten ihn daneben zwei Solisten: Helen Schneider und Peter Fessler.

Die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin studierte klassisches Klavier, ehe sie sich dem Blues und später dem Rock zuwandte. In Deutschland erlangte sie in beiden Metiers Popularität: Als Schauspielerin, insbesondere Musical-Darstellerin, arbeitete sie am Theater des Westens, dem Renaissance-Theater und zuletzt an den Hamburger Kammerspielen und dem Altonaer Theater. Daneben veröffentlichte sie in den vergangenen Jahren unzählige Alben, deren Lieder zwischen Rock und Jazz changieren.

Auch Peter Fessler ist ein Grenzgänger. Kommerziellen Erfolg erzielte der Sänger und Gitarrist als Frontmann der Band Trio Rio, die 1986 den Kulthit „New York – Rio – Tokyo“ kreierte. Seitdem ist er jedoch mehr in der Jazzszene unterwegs, als Ausdruckssänger, der gerne auch die Kunst- und Improvisationssprache „Fesperanto“ in seinen lyrischen Balladen verwendet.

Fernab des klassischen Programms können sich die Zuschauer auf einen Crossover-Abend freuen, der ganz im Zeichen des Jazz und seiner vielfältigen Facetten steht. Und auch Till Brönner freut sich: über seine Gäste, sein Orchester, das „wie gemacht für meine Stimmung ist“, und über das Classic Open Air, das als Freiluftkonzert eine Herausforderung darstellt – aber eine, die Till Brönner liebend gern annimmt und virtuos meistern wird, ganz egal wie die Witterung ist.

TILL BRÖNNER ORCHESTRA

MONTAG 24. Juli 19.30 Uhr

Begleitet Brönner: Sängerin Helen Schneider PA/EVENTPRESS HOENSCH
Begleitet Brönner: Sängerin Helen Schneider PA/EVENTPRESS HOENSCH
Geht mit auf die Reise: Jazzmusiker Peter Fessler PA/DANIEL REINHARDT
Geht mit auf die Reise: Jazzmusiker Peter Fessler PA/DANIEL REINHARDT
Eine musikalische Weltreise mit Jazz, Latin, Fusion und Crossover

Till Brönner spielt in deutschen Konzertsälen ebenso wie auf Open-Air-Festivals in den USA, er wohnt Jamsessions in der Karibik ebenso bei wie Festivals in Lateinamerika. Auf seinen Tourneen durchdringt der Virtuose stets die vorherrschenden Musikstile: In Rio de Janeiro atmet er den Bossa Nova ein, in Kuba verzaubert ihn der Afro-Cuban-Jazz und zurück in der deutschen Heimat feilt er selbst an charttauglichen Crossover-Titeln zwischen Pop und Jazz. Beim Classic Open Air nimmt er gemeinsam mit seinem „handverlesenen“ Orchester die Zuhörer mit auf eine musikalische Weltreise mit erlesenen Titeln aus Jazz, Latin und Fusion. Dabei unterstützen den charmanten Musiker nicht nur die Orchestermitglieder, sondern auch zwei Solisten: der Jazzmusiker Peter Fessler und die Sängerin Helen Schneider.

Stadt der schönen schrägen Töne

Till Brönner will mit einem „House of Jazz“ die Musikszene Berlins stärken

Auch außerhalb aller Institutionen wird Jazz in Berlin gelebt: Dieses Band-Foto entstand am Tag der „Fête de la Musique“ am 21. Juni 2017 PA/GREGOR FISCHER
Auch außerhalb aller Institutionen wird Jazz in Berlin gelebt: Dieses Band-Foto entstand am Tag der „Fête de la Musique“ am 21. Juni 2017 PA/GREGOR FISCHER
Berlins Jazzszene brummt. Das ist den gestandenen Institutionen zu verdanken, die seit vielen Jahren allabendlich Live-Bands aus Deutschland, Europa und den USA, sowohl berühmte, als auch unbekannte, auf die Bühne holen. Den harten Kern bilden Adressen wie das A-Trane in der Charlottenburger Bleibtreustraße, das b-flat in der Rosenthaler Straße oder auch die Kunstfabrik Schlot in den frisch renovierten Invalidenhöfen, die ebenso wie das b-flat in Mitte beheimatet ist. Daneben existiert ein gutes Dutzend Einrichtungen, in denen mehrmals wöchentlich Jazz „die erste Geige“ spielt. Darunter sind das Quasimodo, Badenscher Hof, Junction Bar, Trompete, Aufsturz oder auch das Yorckschlösschen.

Dass die Szene brummt, liegt aber auch an anderen Faktoren. Zum einen nennt eine große Anzahl gut ausgebildeter, aktiver Jazz-Musiker die Hauptstadt ihr Zuhause. Das ist den starken Ausbildungsstrukturen zu verdanken, insbesondere dem Jazz-Institut Berlin (JIB), das 2005 von den bis dahin separierten Abteilungen der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ („Eisler“) und der Universität der Künste (UdK) gegründet wurde, um einen „gemeinsamen Kristallisationspunkt in der Jazz-Ausbildung mit internationaler Tragweite“, wie es auf der Website der „Eisler“ heißt, herzustellen.

Auch der Zuzug junger Jazzmusiker aus dem Ausland, die in Berlin gute Voraussetzungen für ihre Arbeit finden, inspiriert die Szene. Zudem hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Genres gewandelt. Verband man früher mit Jazzclubs verrauchte, mit älteren Herren gefüllte Kellerbars, ist Jazz heute jung, hip und vor allem experimentierfreudig. Das macht sich auch in der Festivalszene bemerkbar. XJazz ist ein seit 2014 alljährlich in Kreuzberg stattfindendes Festival, das die Brücke vom klassischen Jazz hin zu verwandten Genres wie Electronica und Neo-Classic schlägt und gerne auch mit poppigen Einflüssen kokettiert. Und auch das von den Berliner Festspielen kuratierte Jazzfest Berlin, das seit 2004 ausgetragen wird und alljährlich die Koryphäen des Genres einfliegt, erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Die jüngste Idee einer weiteren Schwerpunktsetzung stammt von Startrompeter Till Brönner, der mit dem früheren Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) Pläne ausarbeitete, die Alte Münze am Molkenmarkt zu einer wichtigen Spiel-, Aus- und Weiterbildungsstätte des Jazz auszubauen, zum sogenannten „House of Jazz“. Doch der neue Kultursenator Klaus Lederer (Linke) lehnte diese Pläne laut Medienberichten jüngst ab. „In der Sache wurde viel, aber nicht immer ganz sauber berichtet“, erklärt Till Brönner. Tatsächlich treffen sich der Jazzvirtuose und der Kultursenator erst am 20. Juli, um über die Pläne zu sprechen. Lederer lehnte bis dato nur die Finanzierungsvorschläge des Bundes ab, da er eine Einmischung in Landespolitik vermeiden will.

Brönner, das merkt man ganz klar, will für sein Projekt kämpfen. Auch wenn es um die Jazzszene „nicht zu gering“ bestellt ist, bleibt „aber immer Platz für mehr“, sagt der Trompeter. Ein Ende des Jazzhypes ist nicht zu sehen. Dafür, dass sein Status quo aber gesichert bleibt, wäre ein neues Institut, ein „House of Jazz“ sicher hilfreich. MM
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