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Wenn Tragik und Komik Hand in Hand gehen

Adriana Altaras liest aus ihrem neuen Roman „Die jüdische Souffleuse“

Die Autorin Adriana Altaras erzählt in ihrem neuen Roman aus der Perspektive der Figur Adriana Altaras. GENE GLOVER

Die dunklen Locken wippen mit jedem Wort, wenn Adriana Altaras spricht. Still sitzen fällt ihr schwer. Die Hände sind in Bewegung, die Augen lachen. Auch wenn es ernst wird, ist Adriana Altaras der Humor das Allerwichtigste, um Tragik aufzulösen. „Sich nicht so schrecklich wichtig zu nehmen, ist der Schlüssel, um morgens aufzustehen, die Zähne zu putzen und sein Spiegelbild zu verkraften“, erklärt sie.

So flott Adriana Altaras daherkommt, so flott schreibt sie auch in ihrem Roman „Die jüdische Souffleuse“. Innere Monologe und Erzählpassagen wechseln einander ab. Dabei kann sie auf einen reichhaltigen Fundus zurückgreifen. „Irgendwo habe ich mal gesagt, ich sei eine ,Chronistin der Zeit‘. Oder ich wäre gerne eine, oder etwas Ähnliches. Das hat sich herumgesprochen, jetzt bekomme ich Geschichten, ob ich will oder nicht“, schreibt sie.

Spuren einer Familie

Diese Geschichten fiktionalisiert sie in ihren literarischen Werken, so wie die von Susanne, genannt Sissele. „Mit langem iiie, wie sieß, das kommt von süß“. Sissele ist Souffleuse an dem Theater, an dem die Ich-Erzählerin Adriana Altaras gerade „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart inszeniert. Sissele möchte, dass Adriana ihr dabei hilft, ihre Familie wiederzufinden. Denn die Souffleuse ist das Kind des Auschwitzüberlebenden Fischel Chaimberg, der nach dem Krieg in einem Displaced Persons Camp, in dem überlebende Juden in Deutschland zunächst untergebracht wurden, landete. Der Vater gibt Sissele in diverse Pflegefamilien, auch zur Tante, die das Mädchen behandelte wie ein eigenes Kind. Die Familie sieht sich nie wieder. Doch Sissele gibt die Suche nach ihren Verwandten auch nach mehreren erfolglosen Anläufen nicht auf. Sie überzeugt die Regisseurin, sie zu begleiten. Plötzlich scheinen Erzählerin und Autorin miteinander zu verschmelzen: „Mich hat die Geschichte sofort nicht mehr losgelassen. Schon im Flieger nach Kroatien zu meiner Lesereise habe ich das Gehörte aufgeschrieben. Es war mir da schon klar, dass ich darüber schreiben würde. Irgendwann.“

Leichtfüßiges Erzählen

Wie schon in ihrem autobiografisch geprägten Debüt „Titos Brille“ (2011) gelingt es Adriana Altaras, ein ernstes Thema leichtfüßig zu erzählen, ohne es zu banalisieren. Humor ist der Schlüssel zu ihren Erzählungen, der Holocaust der Schlüssel zu ihrer Kreativität: „Die Schoah ist ein Teil meiner Geschichte und meiner Identität. Der vergebliche Versuch, sie mir zu erklären, mich zu fragen, wo Gott in der Zeit war, meine Verwandten und Freunde zu trösten, all das gehört zu meinem Leben. Also zwangsläufig auch zu meiner Kunst.“ Und doch ist es ist vor allem das Leben, das am Ende jedes noch so absurde Libretto in den Schatten stellt. Denn wie heißt es im Vorwort: „Wenn ich mich beim Schreiben bis ins kleinste Detail an die Wahrheit halte und nicht einen Funken hinzudichte, sind meine Leser überzeugt, ich würde fantasieren. Wenn ich etwas hinzuerfinde, zucken sie nicht mit der Wimper und halten es für die reine Wahrheit.“

Termine

Buchhandlung Geistesblüten
Walter-Benjamin-Platz 2, Charlottenburg
Tickets an der Abendkasse
www.geistesblueten.com

„Die jüdische Souffleuse“
Do., 8.11., 19 Uhr

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorne

Beim Konzert „Gedenken, Erinnerung, Hoffnung“ wird am Standort der Köpenicker Synagoge den Opfern der Schoah gedacht. Ein Zeichen gegen rechtsradikale Tendenzen
Synagogal Ensemble Berlin LOUIS LEWANDOWSKI FESTIVAL
Synagogal Ensemble Berlin LOUIS LEWANDOWSKI FESTIVAL
Max Müller

1910 war für die Köpenicker Juden ein wichtiges Jahr: An der Adresse Freiheit 8 wurde am 25. September die Köpenicker Synagoge eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, welche Schrecken die Naziherrschaft bringen würde. Nur 28 Jahre nach der feierlichen Eröffnung wurden überall im Land bei den Novemberpogromen Synagogen in Brand gesetzt, die Köpenicker Gemeinde traf die Schändung besonders heftig. Ihr gehörten in ihrer Geschichte namhafte Mitglieder wie der Rabbiner Sally Frank, der Fabrikant Moritz Jacoby und Erich Rathenau, Leiter des örtlichen Kabelwerks und Bruder des später ermordeten Außenministers Walther Rathenau, an.

Heute nicht nur in der Stadtmitte, sondern auch in der Peripherie und auf dem Land an die jüdische Geschichte zu erinnern, ist ein schönes und gleichsam wichtiges Zeichen.

In Köpenick wurde die komplett zerstörte Synagoge nicht wiedererrichtet, dennoch wird am ehemaligen Synagogen-Standort den Opfern gedacht. „Es war der Wunsch der Köpenicker, dass wir kommen“, sagt Regina Yantian, Chorleiterin und Organistin in der Synagoge Pestalozzistraße. „Die örtliche Politik hat ein starkes Interesse daran, ein Gegengewicht zu rechtsradikalen Tendenzen aufzubauen. Nun sind wir mit unserer Gedenkveranstaltung ein wichtiger Programmpunkt bei den diesjährigen Jüdischen Kulturtagen.“

Die Veranstaltung beginnt mit dem traditionellen Totengedenken El Male Rachamim, das Kantor Isaac Sheffer mit dem Jugendchor der Synagoge Pestalozzistraße, der von Yantian geleitet wird, intoniert. In der benachbarten Joseph-Schmidt-Musikschule wird das Programm mit dem Synagogal Ensemble Berlin fortgesetzt. Dabei erklingt jüdisch-liturgische Musik aus Deutschland, den USA und Israel.

Termin

Joseph-Schmidt-Musikschule
Freiheit 15, Köpenick

Gedenkkonzert „Gedenken, Erinnerung, Hoffnung“
So., 11.11., 17.30 Uhr,
Eintritt frei
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