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„Nun mach nicht so viel Fisimatenten“

Dagmar Manzel zeigt in der Neufassung ihres Programms „MENSCHENsKIND“ mit Liedern von Friedrich Hollaender bis Hanns Eisler die Vielfalt der 30er-Jahre

Dagmar Manzel hat für die Jüdischen Kulturtage ein exklusives Programm konzipiert. JANINE GULDENER

Berliner Morgenpost: Frau Manzel, die Lieder Friedrich Hollaenders begleiten sie schon länger. Können Sie sich an die erste akustische Begegnung erinnern?

Dagmar Manzel: Ich war zehn Jahre alt. Sonntags wurden bei uns zu Hause zum Kaffee immer alte Schallplatten aufgelegt. Das waren berühmte Opernchöre, Lieder von Friedrich Hollaender, Oscar Straus oder den Comedian Harmonists. Und dann hatte ich noch eine Lieblingssendung als Kind: „Willi Schwabes Rumpelkammer“, da wurden Ausschnitte aus alten Ufa-Tonfilmen gezeigt. Ich saß immer ganz gebannt vor der Glotze.

Im Vorfeld der Premiere von „MENSCHENsKIND“ versprachen Sie: „Das sind Ohrwürmer, die man nicht mehr loswird“. Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm jetzt erweitert?

Erst einmal müssen mich Lieder berühren. Und für das Programm bei den Jüdischen Kulturtagen war es mir wichtig, die Vielfalt der Künstler aufzuzeigen, die alle in den 30er-Jahren gehen mussten, also neben Hollaender, auch Hanns Eisler, Werner Richard Heymann, Walter Mehring und viele andere. Ich will den Zuschauer*innen einen Ausschnitt von diesem unglaublichen Reichtum zeigen, der einfach nicht in Vergessenheit geraten darf.

Was verbirgt sich hinter der sehr eigentümlichen Schreibweise von „MENSCHENsKIND“. So schreibt sich schließlich auch ihre Autobiografie.

Damit beginnt das Lied von Friedrich Hollaender „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, „Menschenskind“ ist ein Berliner Ausdruck für „nun mach nicht so viel Fisimatenten“, aber die Schreibweise soll auch aufzeigen, dass das Wort noch eine zweite Bedeutung hat, nämlich dass wir alle Menschenkinder sind.

El Al

Im Fernsehen läuft die Serie „Babylon Berlin“, an der Komischen Oper kommt es regelmäßig zur Wiederaufführung von Operettenklassikern aus den 20er-Jahren. Warum fasziniert das Berlin der Weimarer Republik die Menschen wieder so sehr?

Wahrscheinlich war Berlin damals eine der spannendsten, offensten und aufregendsten Städte der Welt. Einerseits war damals alles möglich und auf der anderen Seite lebten die Menschen mit der Angst, dass morgen alles vorbei sein könnte. Irgendwie ist das wie heute, auchwenn es uns hundertmal besser geht als damals – und es neben Berlin noch viele andere spannende Städte auf der Welt gibt. Und trotzdem ist wie damals die Angst zu spüren, dass die Welt irgendwann auseinanderfällt. Und das Schlimme ist, dass es so viele Baustellen gibt, sodass viele Menschen die Hoffnung verlieren. Mitgefühl und Solidarität sind heute leider keine selbstverständlichen Werte mehr, die Umwelt liegt im Argen, die wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten nehmen zu. Wie gut, dass dann doch die Mehrheit für ein Miteinander kämpft, so wie am letzten Wochenende in Berlin, als 240.000 Menschen verschiedenster Couleur genau dafür auf die Straße gegangen sind.

Hat sich Ihr Verhältnis zum Operettengenre über die Jahre gewandelt?

Operette hatte nach dem Krieg immer so etwas Altbackenes, dabei ist sie eigentlich provokant, frech und modern – wenn sie richtig inszeniert und musiziert wird. Und Barrie Kosky hat für das Genre einfach dieselbe Liebe wie ich. Er hat die Operette neu erfunden und ich bin froh, dabei sein zu dürfen.

In welchen Stücken sind Sie in der Saison zu sehen?

Ich werde in dieser Spielzeit in vier Produktionen der Komischen Oper Berlin zu sehen sein: „Eine Frau, die weiß, was sie will“, „Anatevka“, „Ball im Savoy“ sowie in „Die Perlen der Cleopatra“ . Also ran an die Bouletten und Karten kaufen!

Termine

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53, Prenzlauer Berg
www.ticketmaster.de

Dagmar Manzel & Band
Do., 8.11., 19.30 Uhr

Ein Benefizkonzert für den Pears Jüdischer Campus

Eine musikalische Lesung gedenkt des Komponisten Paul Abraham
Dirigent Michael Zukernik GERT MOTHES
Dirigent Michael Zukernik GERT MOTHES
Im Sommer fand in Wilmersdorf neben dem Bildungszentrum Chabad der Spatenstich für eine religionsübergreifende und interkulturelle Begegnungsstätte statt, die allen Berlinern offensteht. Der Pears Jüdischer Campus ist als ein Ort geplant, an dem Bildung, Kultur und Sport stattfinden. Entstehen sollen Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Jugendclub, Sportund Freizeitzentrum und ein Saal für Feste. Die Realisierung des Projektes ist auf Spenden angewiesen.

Am 20. Januar 2019 spielt das German National Orchestra unter Leitung von Michael Zukernik ein Benefizkonzert in der Philharmonie. Neben Werken von Ludwig van Beethoven, Peter I. Tschaikowsky und Ernest Gold erklingen traditionelle jüdische Melodien. Als Solisten fungieren unter anderem Andrei Gavrilov (Klavier) und Avraham Fried (Gesang). rk

Termin

Philharmonie
Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten
www.eventim.de
www.reservix.de

German National Orchestra
So., 20.1., 16 Uhr
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