Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Shalom Berlin

Musikalische Fundstücke

Jochen Kowalski und das Salonorchester Unter’n Linden präsentieren weniger bekannte Facetten renommierter Autoren

Das Salonorchester Unter’n Linden setzt sich aus namhaften Musikern der Staatskapelle Berlin zusammen. BRIGITTE DUMMER

„Man kennt Paul Dessau als Zwölftöner und Opernkomponisten, aber ich habe einen damals sehr beliebten Tonfilmschlager von ihm ausfindig gemacht“, erzählt Jochen Kowalski. „Niemand kann so zärtlich sein wie du“ heißt der Ufa-Hit von 1928, der den Komponisten von einer ungewöhnlichen Seite zeigt. Der Titel steht als Motto über dem Abend, den der Countertenor und das Salonorchester Unter’n Linden bei den Jüdischen Kulturtagen gestalten.

Aus dem Vergessen holen

Jochen Kowalski hat die Schallplatte mit dem Schlager auf einem seiner regelmäßigen Streifzüge über Berlins Flohmärkte gefunden. Das gilt auch für andere Fundstücke, die er in der Synagoge Rykestraße singen wird, zum Beispiel für den Zyklus „Pierrot lunaire“ von seinem Namensvetter Max Kowalski. Er ist 1912/13 etwa zur selben Zeit wie Arnold Schönbergs berühmte Vertonung entstanden, führt musikalisch aber in eine andere, spätromantische Welt. Der jüdische Komponist, der Buchenwald nur knapp überlebte und sich ins Londoner Exil rettete, war lange Zeit völlig vergessen. Vor vier Jahren hat Jochen Kowalski den kompletten Zyklus bei den Jüdischen Kulturtagen präsentiert. Fünf Lieder daraus singt er nun noch einmal.

Jochen Kowalski tritt zum zweiten Mal bei den Jüdischen Kulturtagen auf. DUMMER
Jochen Kowalski tritt zum zweiten Mal bei den Jüdischen Kulturtagen auf. DUMMER
„Wir möchten Werke, die vergessen sind, wieder hörbar machen. Vielleicht können wir damit jemanden zum Nachdenken bringen“, erklärt der Sänger. Klassische Lieder und Unterhaltungsmusik stehen auf dem Programm. Felix Mendelssohns „Frühlingslied“, Fritz Kreislers „Liebesleid“, Victor Hollaenders „Frau Holle“ sowie Kurt Weills „Moritat von Mackie Messer“ gehören dazu. Mit einem Lied aus Robert Schumanns Zyklus „Dichterliebe“ möchte Kowalski darauf hinweisen, dass während der Nazizeit der Textdichter – kein Geringerer als Heinrich Heine – als „unbekannt“ galt. Mit dem Salonorchester, das aus Mitgliedern der Staatskapelle besteht, arbeitet er schon seit Mitte der 90er- Jahre regelmäßig zusammen. „Wir wollen Geschichten erzählen und eine große Bandbreite an Stilen präsentieren“, so Jochen Kowalski.

Seit dreieinhalb Jahrzehnten ist der Sänger aus dem brandenburgischen Wachow auf den Bühnen der Welt unterwegs. 1982 gab er sein Debüt als Countertenor bei den Händel-Festspielen in Halle. Damals galt Kowalski mit seiner hellen Stimme als Paradiesvogel. Immer wieder musste er sich fragen lassen: Warum singen Sie wie eine Frau? Von Berlin aus flog er zu den Opern- und Festspielzentren zwischen New York, London und Moskau. Er sang Händels „Julius Cäsar“, Glucks „Orpheus und Eurydike“ und den Prinzen Orlowsky in der „Fledermaus“. Seit der Wende lebt er auch sein Faible für Unterhaltungsmusik aus.

Große Rollenvielfalt

Inzwischen ist der 64-Jährige so etwas wie der Nestor der modernen Countertenöre. Seine Rollen haben sich verändert. An der Staatsoper singt er gerade die Partie der Nutrice in „L’incoronazione di Poppea“. Die Gräfin in „Pique Dame“ und die Hexe in „Hänsel und Gretel“ gehören zu seinen Charakterrollen. Auch die Neue Musik hat er für sich entdeckt. Im Sommer hat er erstmals eine Sprechrolle übernommen, Hamlets toten Vater in Anno Schreiers Oper „Hamlet“. Er bekam dafür den Österreichischen Musiktheaterpreis.

Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Dafür hat er viel zu viele treue Fans. Vor seinem zweiten Auftritt bei den Jüdischen Kulturtagen ist er besonders aufgeregt, weil er in der Synagoge Rykestraße singen darf: „Ich freue mich so, dass ich da stehen kann, wo ich als junger Student Estrongo Nachama im Konzert gehört habe. Das war eines der größten Erlebnisse meiner Jugend.“

Termine

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53, Prenzlauer Berg
www.ticketmaster.de

Jochen Kowalski und das Salonorchester Unter’n Linden
Mi., 7.11., 19 Uhr

Der Erfinder der Großstadtoperette

Eine musikalische Lesung gedenkt des Komponisten Paul Abraham
Der Komponist von „Ball im Savoy“ im Mai 1960. PICTURE-ALLIANCE/ DPA/HEROLD
Der Komponist von „Ball im Savoy“ im Mai 1960. PICTURE-ALLIANCE/ DPA/HEROLD
Martina Helmig

Das Berlin der zwanziger Jahre ist immer ein spannendes Thema, wie die Fernsehserie „Babylon Berlin“ gerade wieder beweist. Nicht alles war „golden“ an diesem Jahrzehnt, das kulturelle Nachtleben mit Revue, Theater und Operette aber auf jeden Fall. Die Hauptstadtszene der spektakulären Unterhaltungskunst wurde wesentlich von jüdischen Künstlern wie Paul Abraham geprägt.

„Er war der Erfinder und tragische König der Großstadtoperette. Nur drei Jahre lang konnte er seinen Ruhmgenießen“, sagt der Musikwissenschaftler Jürgen Schebera, der für die Jüdischen Kulturtage das Abraham-Porträt „Ein bisschen Liebe für mich“ gestaltet und moderiert. Der jüdische Komponist stammte aus einer ungarischen Musikerfamilie. In Budapest studierte er Musik und schrieb erste Operetten, mit denen er in Ungarn Erfolge feierte.

Der sensationelle Durchbruch erfolgte aber erst, als er sich auf deutsches Terrain begab. „Viktoria und ihr Husar“ wurde in Leipzig so heftig umjubelt, dass man die Operette bald auch in Berlin spielte. Paul Abraham ließ „Die Blume von Hawaii“ und „Ball im Savoy“ folgen. Jedes Stück wurde ein Riesenerfolg, Songs wie „Ich hab’ ein Diwanpüppchen“ sind bis heute populär. Nach der Machtergreifung emigrierte er nach Wien und schrieb „Märchen im Grand-Hotel“. Dann musste er über Paris nach New York fliehen.

„Niemand kannte ihn in New York, und er fand auch keinen Anschluss. Diese deutschen Großstadtoperetten waren nicht nach Amerika zu transportieren“, erklärt Jürgen Schebera. Paul Abraham lebte in ärmlichen Verhältnissen, als er 1946 psychisch erkrankte und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden musste. 1956 überführte ihn eine Initiative von Freunden in eine Klinik nach Hamburg, wo er vier Jahre später verstarb.

Danach hat lange niemand mehr an den Operettenkönig gedacht. Inzwischen hat die Komische Oper Berlin mit der Wiederaufführung von „Ball im Savoy“ und „Märchen im Grand-Hotel“ eine Abraham-Renaissance in Deutschland eingeleitet. Auch die Jüdischen Kulturtage wollen ihren Teil dazu beitragen. Die Sängerinnen Alexandra Julius Frölich und Eva Maria Kölling sowie der Pianist Alexander Gutman vom Deutsch-Jüdischen Theater Berlin singen und spielen seine Operetten- und Filmschlager wie „Toujours l’amour“, „Ich bin ja heut’ so glücklich“ und „Ein bisschen Liebe für mich“. Jürgen Schebera bringt alte Schelllackplatten mit, auf denen Richard Tauber, Harald Paulsen und auch Abraham selbst musizieren. Schebera: „Wir wollen ihm einen kleinen Gedenkstein setzen.“

Termin

Renaissance-Theater
Knesebeckstraße 100, Ecke Hardenbergstraße, Charlottenburg
Tel.: 030/ 312 42 02
www.renaissance-theater.de

Ein bisschen Liebe für mich
So., 4.11., 11 Uhr
Weitere Artikel