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Themenwelten Berliner Morgenpost
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Mit Herz und Hirn

Der Schauspieler Ilja Richter widmet sich einmal mehr seinem liebsten Chansonnier, Georg Kreisler

Ilja Richter ist seit mehr als 40 Jahren Fan des österreichischen Chansonniers. HANNES CASPAR

Ilja Richter muss niemandem mehr etwas beweisen. Seit mehreren Jahrzehnten gehört der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur, Autor und Sänger zu den renommiertesten deutschen Künstlern. Bereits in Kindheitstagen stand Richter, der in Karlshorst geboren wurde und ein waschechter Berliner ist, auf der Bühne. Mit der Liste der Filme, in denen Richter mitgespielt hat, könnte man ganze Wände tapezieren, fast genauso umfangreich ist seine Sammlung von Auszeichnungen. In seiner Laufbahn hat Richter schon einiges erlebt: Er hat in deutschen TV-Serien mitgewirkt und animierten Kinderhelden seine Stimme geliehen, er hat in Musicals mitgespielt und diverse Hörbücher produziert. Doch trotzdem er in unterschiedlichsten Genres unterwegs war, hat ihn während all dieser Jahre das Werk eines Mannes begleitet: Georg Kreisler, Chansonnier und Unterhaltungskünstler, Musiker und Poet.

Im November feiert Ilja Richter seinen 66. Geburtstag. Seit seinem 14. Lebensjahr beschäftigt ihn Kreisler, das sind 42 Jahre intensivste Auseinandersetzung mit dem Werk des 2011 verstorbenen Künstlers, und noch immer entdeckt Richter neue Facetten. „Georg Kreisler hat Unterhaltung mit Tiefgang geschaffen“, sagt er. „Er ist zu so etwas wie meinem Hobby geworden. Wann immer ich Zeit finde, beschäftige ich mich mit ihm und führe seine Werke auf.“ Im Rahmen der diesjährigen Jüdischen Kulturtage hat Richter hierzu einmal mehr die Chance. Bereits im vergangenen Jahr begeisterte der Schauspieler, der selbst jüdische Wurzeln hat, die Besucher mit seinen Kreisler-Adaptionen, in diesem Jahr führt er unter dem Titel „Durch Kreislers Brille – Gehörtes, Unerhörtes und Ungehöriges“ vor allem Raritäten von Kreisler auf, der durch Lieder wie „Tauben vergiften im Park“, „Telefonbuchpolka“ oder „Opernboogie“ deutschlandweit bekannt geworden ist.

Pianistin Sherri Jones und Ilja Richter PROMO
Pianistin Sherri Jones und Ilja Richter PROMO
„Die Jüdischen Kulturtage sind auch eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Wurzeln“, sagt Ilja Richter. „Hier dabei zu sein, ist auch immer ein bisschen Vergangenheitsbewältigung. Es ist wie eine Spurensuche nach dem eigenen Selbst“. Auch sein Vorbild war jüdischer Abstammung, emigrierte 1938 gerade noch rechtzeitig in die Vereinigten Staaten und kehrte erst Mitte der 50er-Jahre nach Europa zurück. „Was wir heute lesen und sehen, ist vor allem Empörung“, kommentiert Richter den Umgang mit rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kräften. „Diese kritische Empörung findet sich auch schon in Kreislers Werk, das heute noch genauso aktuell ist wie zur Entstehungszeit, aber durch die humoristische Ebene eben einen Tiefgang besitzt, der heute oftmals fehlt.“

Zudem vermisst Richter die adäquate Auseinandersetzung mit Kreisler im Internet. „Auf Youtube gibt es einfache Arrangements von Kreisler, die schrecklich sind“, findet Richter. „Dabei lebt Kreislers Musik von den feinen Nuancen.“ An diesen soll es bei seinem Abend nicht fehlen. Der Sänger wird von keiner Geringeren begleitet als Sherri Jones, die Kreisler selbst noch kannte und als Pianistin äußerst schätzte. Die Zuschauer erwartet ein Abend mit Herz und Hirn, eine Hommage an einen großen Künstler, der nicht in Vergessenheit geraten sollte. Dafür sorgt Ilja Richter auch noch in den kommenden Jahrzehnten.

Termine

Ballhaus Berlin
Chausseestraße 102, Mitte
www.eventbrite.de

Ilja Richter singt Georg Kreisler
Mi., 7.11., 20 Uhr

Langsame Rückkehr des Alltags

Das English Theatre Berlin zeigt die Europapremiere des dokumentarischen Stücks „We Keep Coming Back“
(Von links) Katka Reszke, Mary Berchard und Michael Rubenfeld                JEREMY MIMNAUGH/MAGDA RUBENFELD KORALEWSKA
(Von links) Katka Reszke, Mary Berchard und Michael Rubenfeld                JEREMY MIMNAUGH/MAGDA RUBENFELD KORALEWSKA
Ronald Klein

„Meine Großeltern wurden beide in Polen geboren“, sagt Michael Rubenfeld. „Meine Großmutter hat Auschwitz überlebt, und mein Großvater sprang vom Zug, der ins Vernichtungslager Treblinka fuhr.“ Die Großeltern emigrierten nach Kanada, wo Rubenfelds Mutter das Licht der Welt erblickte. „Oma und Opa impften uns ein, niemals nach Polen zurückzukehren.“ Doch vor zwei Jahren überwog die Neugier, das Land zu besuchen, in dem die Wurzeln der Familie sind. „Es war von Anfang an klar, dass ich mit meiner Mutter und meiner Kollegin Sarah Garton Stanley fahre, und wir die Erfahrung in einem Stück verarbeiten.“

Gemeinsam mit der Regisseurin leitet Rubenfeld das in Toronto beheimatete postdramatische Ensemble Selfconscious Productions, das in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert. Da keiner von den dreien Polnisch spricht, baten sie die befreundete Regisseurin und Dozentin Katka Reszke, sich ihnen anzuschließen und zu filmen. Der Abend „We Keep Coming Back“ arbeitet mit Elementen des Dokumentartheaters, baut aber ebenso filmische Impressionen aus der Reise ein. „In unseren Stücken versuchen wir das Publikum näher an den Gegenstand unserer Recherche zu bringen. Diese Brücke schlagen wir mit fiktionalen Elementen.“ Diese sind in „We Keep Coming Back“ sehr dezent eingesetzt. Der Abend erzählt viel über die Rückkehr jüdischen Alltags in Polen.

So lernten die vier, was der Begriff „unerwartete Generation“ bedeutet: „Er bezieht sich auf Menschen, die nach dem Ende des Sozialismus erfuhren, dass sie jüdische Wurzeln haben. Sie wurden häufig katholisch erzogen, weil ihre Eltern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Angst vor dem Wiederaufflammen des Antisemitismus unter sozialistischer Ägide hatten.“ Aus Rubenfelds Sicht normalisiert sich das jüdische Leben in Polen: „Ich glaube, es ist heutzutage viel gefährlicher, als Jude in Frankreich, Schweden oder sogar Großbritannien zu leben. Es gibt dort deutlich mehr gewalttätige Übergriffe gegenüber Juden.“

Das Ensemble führt das Stück nach dem Gastspiel noch einmal in Toronto auf und widmet sich dann einer neuen Produktion, die ebenfalls autobiografische Elemente beinhaltet: Es geht um die gemeinsame Arbeit mit der Inklusions-Pionierin Judith Snow, die das Ensemble bis zu ihrem Tod vor drei Jahren mit zahlreichen Impulsen begleitete.

Termin

English Theatre Berlin
Fidicinstraße 40, Kreuzberg
Tel.: 6911211
www.etberlin.reservix.de 

We Keep Coming Back
7./8./10.11., 20 Uhr
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