Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Shalom Berlin

Erneuerer, der in keine gängige Kategorie passt

Zwischen Kammerkomposition und Muscial Tragedy – Kurt Weill war einer der vielschichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Deutschland

Kurt Weill vor einem Notenblatt. PICTURE-ALLIANCE/DPA

Man hat Kurt Weill den problematischsten Komponisten seines Jahrhunderts genannt. Seine Musik ist sperrig, sie entzieht sich den üblichen Kategorien. Sie klingt europäisch und amerikanisch, jüdisch und deutsch, kommerziell und universell, seriös und populär. „Ich habe niemals den Unterschied zwischen ,ernster’ und ,leichter’ Musik anerkannt“, hat er selbst gesagt.

Bis 1934 hat Kurt Weill eine ganze Reihe von anspruchsvollen kammermusikalischen und sinfonischen Werken verfasst. Als einer der ersten Komponisten hat er Musik für das neue Medium Rundfunk geschrieben. Später hat er sich auf Bühnenwerke konzentriert. Und auch hier stellt sich sofort die Frage: Sind es Opern, Operetten, Musicals? Nur wenige der knapp dreißig Bühnenwerke passen, ohne zu klemmen, in eine der gängigen Schubladen. Weill selbst hat, möglichst neutral, von „musikalischem Theater“ geredet.

Die Verunsicherung, die von Kurt Weills vielseitigem Schaffen ausgeht, hat der Rezeption seiner Werke immer wieder im Weg gestanden. Hierzulande reduziert man ihn gern auf die „Dreigroschenoper“ und den „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Kurt Weill, das ist der „Brecht- Komponist“, auch wenn die Zusammenarbeit nur vier Jahre lang gedauert hat. Im amerikanischen Exil ist er, so die gängige Meinung, in die Glitzerwelt des Broadway-Musicals abgerutscht. In den USA sieht man das anders. Da gilt er als der ideale „Whitman-Komponist“ und als großer Erneuerer der Musical- Form.

Kurt Weill stammte aus einer der ältesten jüdischen Familien Deutschlands. Als Sohn eines fortschrittlichen jüdischen Kantors ist Kurt Weill in Dessau aufgewachsen. Mit 18 Jahren ging er zum Studieren nach Berlin. In Zusammenarbeit mit Dramatikern wie Georg Kaiser und Bertolt Brecht revolutionierte er das Musiktheater. Er experimentierte mit Film- und Tonaufnahmen auf der Bühne und verwendete populäre Tanzformen in seiner Musik. Nach dem Sensationserfolg der „Dreigroschenoper“ 1928 zählte er zu den bekanntesten Komponisten seiner Generation. Doch schon 1930 überschatteten Nazi-Demonstrationen die Premiere vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Weills Werke wurden schließlich mit Aufführungsverboten belegt. Im März

1933 floh er nach Paris, wo neben „Die sieben Todsünden“ und der 2. Sinfonie auch zahlreiche Chansons entstanden. 1935 kam er auf Einladung von Max Reinhardt nach New York. Mit „Lady in the Dark“ und „One Touch of Venus“ feiert er in den vierziger Jahren große Erfolge. Daneben komponierte er Musik für Hollywood-Filme. In „Love Life“ nahm er die Entwicklung des „Concept Musicals“ voraus. Mit „Lost in the Stars“ zum Thema Rassendiskriminierung führte er die Form der Musical Tragedy am Broadway ein. Serien von 500 Broadway-Aufführungen waren keine Seltenheit. 1950 starb Kurt Weill in New York als amerikanischer Staatsbürger an einem Herzanfall.

Man hat sich daran gewöhnt, ihn in den deutschen, den französischen und den amerikanischen Weill zu unterteilen. Die Musikwelt konzentriert sich auf die Brüche, statt nach Zusammenhängen zu fragen. Weill selbst hat die Kontinuität in seinem Schaffen durchaus betont: „Seit ich mit 19 Jahren festgestellt hatte, dass das Theater meine eigentliche Domäne werden würde, habe ich ständig auf meine Weise versucht, die Formprobleme des musikalischen Theaters zu lösen“, sagte er in einem Interview.

Auch sein Grundthema ist immer dasselbe geblieben. Im Jahr vor seinem Tod äußerte der Komponist: „Rückblickend auf viele meiner Kompositionen, scheine ich sehr stark auf das Leid benachteiligter, unterdrückter oder verfolgter Menschen zu reagieren. In dem Moment, wenn meine Musik menschliches Leid enthält, ist es mehr oder weniger purer Weill.“

Multimedia-Collage

Der Mensch und Musiker Kurt Weill
Martina Helmig

In Paris und New York stand Kurt Weill vor Wochenschau-Kameras. Diese historischen Aufnahmen sind jetzt erstmals in Berlin zu sehen. Viele kostbare Film- und Tondokumente kann man in der Multimedia-Collage „Ich, Kurt Weill“ erleben. Ein Höhepunkt ist eine Privataufnahme von 1943 aus dem Haus von Ira Gershwin. Damals gingen die beiden Künstler in Hollywood eine Reihe von Songs durch. Gershwin spielte Klavier, und Kurt Weill sang dazu.

Ein uneitler Künstler

Der Musikwissenschaftler Jürgen Schebera hat in den letzten Jahrzehnten alle akustischen und optischen Zeugnisse gesammelt, die es von Kurt Weill gibt. Seit rund 40 Jahren beschäftigt er sich mit dem Komponisten, über den er mehrere Bücher veröffentlicht hat. Der Forscher, der zum Leitungsteam des Kurt-Weill-Fests Dessau gehört, hat das Komponistenporträt für die Jüdischen Kulturtage zusammengestellt. „Als Persönlichkeit war er das genaue Gegenteil von Brecht: ein uneitler, introvertierter Künstler, für den die Musik immer an erster Stelle stand“, erklärt Schebera. In Berlin fanden Ende der zwanziger Jahre viele Bälle statt, auf denen Brecht häufig zu finden war, Weill aber nie. „Er war ein zarter Mensch, man hört das an der sanften Stimme, die wir durch die historischen Dokumente in den Raum holen werden.“ Der Weill-Experte lässt die Biografie mit Ausschnitten aus Briefen und Interviews lebendig werden.

Termin

Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund
Luisenstraße 18, Mitte
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter www.sachsen-anhalt-events.de 

Ich, Kurt Weill
Mo., 5.11., 19 Uhr
Weitere Artikel