Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Shalom Berlin

Ein Plädoyer für die Vielfalt

Die diesjährigen Jüdischen Kulturtage stehen unter dem Motto „Shalom Berlin“

Die New Yorker A-cappella-Shootingstars Y-Studs eröffnen die Jüdischen Kulturtage AMIR NORMAN

Das Festivalmotto ist mehr als ein jüdischer Gruß. Es bedeutet auch Frieden, und dafür ist die wichtigste Voraussetzung, dass man einander kennen und verstehen lernt. In diesem Sinn bieten die Jüdischen Kulturtage vom 3. bis 11. November ein breites Spektrum an Veranstaltungen in der ganzen Stadt an: Konzerte, Lesungen, Theater, Performances, musikalisch-literarische Abende, ein Familienprogramm und den Tag der Offenen Tür im Jüdischen Gemeindehaus.

Schwerpunkt Israel

Ein Schwerpunkt ist diesmal der 70. Jahrestag der Gründung Israels. Mit der Soulsängerin Ester Rada, dem Folk-Pop-Musiker David Broza und dem vielseitigen Jazzmusiker Avishai Cohen sind drei hochkarätige Vertreter der israelischen Musikszene vertreten. In diesem Jahr begeht Berlin aber auch den 80. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938. Antisemitische Übergriffe haben in den letzten Monaten so viele Schlagzeilen gemacht wie schon lange nicht mehr. Umso wichtiger ist das Festival, das zum Zusammenhalt aufruft und auch die heiteren Seiten der jüdischen Lebenskultur betont.

Die Jüdischen Kulturtage erinnern an den Berliner Operettenkönig Paul Abraham und den vielseitigen Komponisten Kurt Weill. Ein Kinderkonzert zum Mitmachen porträtiert Felix Mendelssohn. Ilja Richter singt Lieder von Georg Kreisler, und Georg Stephan spielt Heinrich Heine. Dem jüdischen Humor ist schon zum dritten Mal ein Abend mit Nellie Thalbach, Nadine Schori, Sharon Brauner und Karsten Troyke gewidmet. Viele namhafte Berliner Künstler, wie Dagmar Manzel und Adriana Altaras, kommen mit eigenen Programmen.

Der Auftakt des Festivals wird jung, lebhaft und sprudelnd vor Energie. Aus New York reisen die Y-Studs mit ihrem furiosen A-cappella-Programm an. Sieben junge Männer mit Kippas erobern zurzeit nur mit ihren Stimmen die USA und Europa. Die Verbindung von jüdischen Themen und Popmelodien ist ein Erfolgsrezept. In den letzten Jahren sind mehrere jüdische A-cappella-Gruppen wie die Maccabeats und Six13 bekannt geworden.

Die Y-Studs haben sich wie die Maccabeats in einem Club der jüdischen Yeshiva University zusammengefunden. 2010, als die Maccabeats schon bekannt waren und sich von der Universität gelöst hatten, beschlossen ein paar jüngere Studenten, eine eigene Gesangstruppe auf die Beine zu stellen. „Y-Studs steht über den Rundmails, die die Universität an ihre Studenten schickt. Daher kommt der Name“, erklärt der Ensemble-Präsident Eitan Rubin. Die Y-Studs lieben Parodien. Michael Jacksons „Thriller“ wird bei ihnen zu „Seder“. Zum Eröffnungssong des Musicalfilms „La La Land“ tanzen sie in einem Video in grünen Schürzen durch den jüdischen Supermarkt. In einem anderen Song durchstreifen die Sänger in fünf Minuten die „Evolution of Jewish Music“ von Tempelgesängen des 9. Jahrhunderts bis zu Adam Sandlers „Hanukkah Song“ und dem Reggae-Hit „One Day“ von Matisyahu. Sie sind Komödianten, die singen, spielen und tanzen. Aber ihre Musik bietet keineswegs nur leichte Kost.

„Kol Berama“ ist eine Reaktion auf den Anschlag auf die israelische Siedlung Itamar im Westjordanland. „Rise Up“ thematisiert Antisemitismus im Alltag. „Am Ende bringt das Chanukka- Licht aber alle Menschen zusammen. Wir sind eine sehr starke Gemeinschaft, die sich über all den Hass erhebt“, meint Eitan Rubin. „Wir versuchen, mit jedem Stück eine inspirierende Botschaft auszusenden.“

Seit etwa fünf Jahren sind sie ein unabhängiges professionelles Ensemble, das bisher in den USA Südamerika und Hongkong gespielt hat.

Rückkehr nach Berlin

Durch Deutschland sind sie vor zwei Jahren schon einmal getourt. „Das war ein großes Highlight, gerade das Berliner Konzert war für uns ein unvergessliches Erlebnis, denn die meisten von uns waren zum ersten Mal dort“, erzählt Eitan Rubin. Tagsüber fühlten sie sich wie Touristen, aber abends gaben sie alles in den Konzerten. Besonders wichtig war die Erfahrung, dass ihre Musik auch bei Menschen ankommt, die nicht Englisch oder Hebräisch sprechen. Diesmal stellen sie ein Programm mit ihren beliebtesten Songs zusammen. Darunter ist auch der Internet-Hit „Hashem Melech“ (Der Herr ist König), der fast eine halbe Million Mal aufgerufen wurde. „Wir freuen uns auf Berlin“, sagt Ensembleleiter Rubin. „Wir sind sehr glücklich, dass wir das erleben dürfen und halten es nicht eine Minute lang für selbstverständlich.“

Termine

Synagoge Rykestraße
Rykestraße 53, Prenzlauer Berg
www.ticketmaster.de

Y-Studs
Sbd., 3.11., 20 Uhr

Grußwort

des Schirmherrn
Im 80. Jahr nach dem Novemberpogrom 1938 in Berlin, der Stadt, in der der Holocaust geplant wurde, die Vernichtung jüdischen Lebens und die Zerstörung jüdischer Kultur ins Werk gesetzt wurde, finden zum 31. Mal Jüdische Kulturtage statt.

Das ist nicht nur ein wunderbares und so notwendiges Signal der jüdischen Selbstbehauptung, sondern auch ein Zeichen für das neue Berlin, für Weltoffenheit, Solidarität und kulturelle Freiheit und Vielfalt.

Antisemitische Hasspropaganda oder gar tätliche Angriffe auf jüdische Mitbürger übersehen wir nicht, aber wir setzen dem neben Solidarität und politischer Haltung die Vielfalt der jüdischen Traditionen und moderner Kunst und Kultur entgegen. Jüdische Kultur ist vom Berliner Kulturleben nicht mehr zu trennen, sondern fester Bestandteil dessen. Ich habe sehr gern die Schirmherrschaft für die 31. Jüdischen Kulturtage übernommen und danke allen, die an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt sind. Besonders freue ich mich, dass zum 70. Jahrestag der Gründung Israels mit Ester Rada, David Broza und Avishai Cohen bedeutende Künstler des Landes eingeladen sind. Ich wünsche den Künstlerinnen und Künstlern großen Erfolg, volle Säle und ein begeistertes Publikum.

Klaus Lederer
Senator für Kultur und Europa
Weitere Artikel