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Shalom Berlin

„Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist noch immer ein ‚zartes Pflänzchen‘“

Die Weltoffenheit der deutschen Hauptstadt zieht viele Israelis an

Sara Nachama leitet das Kulturdezernat der Jüdischen Gemeinde. CHRISTOPH PETRAS

Jüdische Feiertage werden in Berlin öffentlich zelebriert, zugleich ist die Angst vor antisemitischen Attacken groß. Ein Gespräch mit der Kulturdezernentin Sara Nachama.

Berliner Morgenpost: Frau Nachama, wie sehen Sie derzeit das jüdische Leben in Berlin und welche Highlights aus dem vergangenen Jahr sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Sara Nachama: Zu den schönen Nachrichten gehört sicherlich, dass wir das 25-jährige Jubiläum unseres Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn feiern konnten. Die Gründung einer jüdischen Oberschule war Anfang der 90er-Jahre noch ein großes Wagnis. Diese Schule hat sich nun zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt: Waren es zunächst gerade mal 27, so sind es heute rund 420 Schüler aus 16 Nationen, die unser Gymnasium besuchen und mit hervorragenden Abschlüssen brillieren. Ein weiteres Highlight war natürlich die Wiedereröffnung des Centrum Judaicum mit der sehenswerten, neu gestalteten Dauerausstellung. Gefreut hat mich auch die große Unterstützung der Berliner und Berlinerinnen für unsere Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“ – obwohl der Anlass, nämlich der Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli, natürlich traurig war.


Doch nicht nur auf Kippa tragende Juden gab es Angriffe, auch ein jüdischer Restaurantbesitzer wurde Opfer einer antisemitischen Attacke, zudem gibt es noch immer intensiven Objektschutz vor Synagogen und jüdischen Wohnhäusern. Was bedeutet das für die jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder?

Der wiedererstarkte Antisemitismus ist ein großes Problem, nicht nur für uns Juden, sondern für die gesamte demokratische Gesellschaft. Leider ist es trauriger Alltag, dass jüdisches Leben in Deutschland seit Jahren zu einem Großteil hinter Panzerglas, Stacheldraht und Sicherheitsschleusen stattfindet. Und genau deswegen sind die Jüdischen Kulturtage so wichtig, denn hier öffnen wir unsere Türen und laden die Menschen ein, an jüdischer Kultur und jüdischem Leben teilzuhaben. Das Motto der Kulturtage „Shalom Berlin“ haben wir bewusst gewählt – als traditionellen jüdischen Gruß und auch im Hinblick auf seine ursprüngliche Bedeutung: „Frieden“. Wir sagen unseren Gästen „Shalom“ und hoffen, dass wir auch ein „Shalom“ zurückbekommen.

Berlin ist nach wie vor eine der beliebtesten Städte Europas. Auch der Zuzug von jungen Israelis ist nach wie vor ungebremst hoch. Doch nicht alle israelischen Juden finden den Weg zur jüdischen Gemeinde. Wie gehen Sie damit um? Oder anders gefragt: Was bedeutet der Zugzug für die Gemeinde und das Gemeindeleben?


Tatsächlich zieht es viele Israelis ins weltoffene Berlin. Diejenigen, die sich entscheiden, länger hierbleiben zu wollen, suchen natürlich auch den Kontakt zur Gemeinde. Es braucht allerdings seine Zeit, bis die Gemeinde von den Israelis nicht nur als religiöse, sondern auch als soziale und kulturelle Institution wahrgenommen wird. Spätestens wenn die Kinder einen Kita- oder Schulplatz benötigen, wird auch das in Israel unbekannte Konzept der Gemeindesteuer akzeptiert.

Wie jüdisch ist Berlin aus ihrer Sicht, was täte der Stadt gut und was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft?

Nach der Shoa schien es zunächst unvorstellbar, dass es jemals wieder jüdisches Leben in Deutschland geben könne. Und doch hat die Jüdische Gemeinde zurzeit wieder knapp 10.000 Mitglieder – auch dank der Einwanderung zahlreicher Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Verglichen mit den 160.000 Mitgliedern der Vorkriegsgemeinde ist das allerdings immer noch ein „zartes Pflänzchen“.
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