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Der Zensur ein Schnippchen schlagen

Schauspieler Georg Stephan präsentiert im Theater im Palais sein Solo „Deutschland. Ein Wintermärchen“

Schauspieler Georg Stephan gastiert zum zweiten Mal bei den Jüdischen Kulturtagen. JUDITH JOHNS

Wie so oft spielt der Zufall eine große Rolle. Schauspieler Georg Stephan war auf der Suche nach einem Stoff für seinen neuen Soloabend. Vor zwei Jahren brillierte er in Sholem Alejchems „Die erste jüdische Republik“ (1907). „Ich wollte klassische Dichtung auf die Bühne bringen“, sagt Stephan. „Zuerst habe ich bei Goethe und Schiller und ihren Zeitgenossen gesucht. Beim Griff ins Regal fiel mir dann Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ in die Hände. Beim Lesen realisierte ich, dass sich dieses Werk perfekt für die Umsetzung auf der Bühne eignet. In diesem Werk trifft sich reicher Inhalt mit einer reichen Form.“

Heinrich Heines Versepos erschien 1844 als Gegenstück zu dem drei Jahre zuvor entstandenen Gedichtzyklus „Atta Troll. Ein Sommernachtstraum“. 1831 war Heine nach Frankreich emigriert. Als getaufter Jude gab es in der Restaurationszeit für ihn in Deutschland keine Möglichkeit, als Jurist zu arbeiten. 1843 kehrte er noch einmal für kurze Zeit in die Heimat zurück, um seine Mutter zu sehen.

Während der Reise entstanden die ersten Entwürfe zum „Wintermärchen“. Heines Verleger Julius Campe warnte ihn, in dem „radikalen Ton“ weiterzuschreiben. Schließlich stand Heine bereits auf dem Index. Ein Beschluss des Bundestags verbot seine Werke wie auch die der Autoren des „Jungen Deutschlands“, die gegen reaktionäre politische Entwicklungen anschrieben.

Der Mut des Verlegers

Campe war als Verleger hin- und hergerissen: „Wahrlich, ich habe nie so bei einem Ihrer Artikel geschwankt als eben bei diesem, nämlich was ich tun oder lassen soll“, schrieb er Heine. Dieser hatte das Werk zu einem humoristischen Reiseepos weiterentwickelt, das pointiert die politischen Verhältnisse sezierte. Campe fand schließlich einen Kniff, wie er „Deutschland. Ein Wintermärchen“ an der Vorzensur vorbeibringen konnte. Die Politik ging paradoxerweise davon aus, dass revolutionäre Schriften lediglich einen kurzen Umfang haben. Titel mit mehr als 20 Druckbögen mussten nicht eingereicht werden. So konnte das deutlich längere Werk 1844 unzensiert erscheinen – wurde jedoch bereits kurz darauf beschlagnahmt. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen schäumte vor Wut und ließ einen Haftbefehl ausstellen.

Die Theateradaption ist für Georg Stephan äußerst bereichernd: „Von vielen historischen Ereignissen, die im „Wintermärchen“ angesprochen werden, hatte ich schon mal gehört. Aber darüber noch einmal so verdichtet zu lesen, macht bei der Vorbereitung Spaß und erweitert den Horizont.“

Gemeinsam mit der Regisseurin Barbara Abend, die beispielsweise für das erfolgreiche Berlin-Couplet-Programm „Hinterm Ofen sitzt ’ne Maus“ verantwortlich zeichnet, arbeitete Stephan an der Bühnenumsetzung, die einen lebendigen Abend verspricht. Anders als Eberhard Esches „Wintermärchen“-Programm geht es über eine szenische Lesung hinaus. Heines „Winterreise“ entwickelt sich hier zu einem Roadmovie.

Zahlreiche Heine-Bezüge

„Das Theater im Palais ist als Aufführungsort perfekt“, betont Stephan. „Literatur und Geschichte sind hier ja zu Hause. Außerdem gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft so viele Bezüge zu Heines Leben. Er studierte von 1821 bis 1823 an der Berliner Universität, der heutigen Humboldt-Universität. Dort hörte er unter anderem Vorlesungen von Hegel. Das Heine-Denkmal steht vor dem Theater. Auf der anderen Straßenseite befindet sich der Bebelplatz. Dort ist das Heine-Zitat „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ in den Boden eingelassen. Schräg dahinter in der Französischen Straße lud Rahel Varnhagen in ihren zweiten Salon,
in dem auch Heine verkehrte.“

Nach der Premiere bei den Jüdischen Kulturtagen wird das Solo-Stück in das Repertoire des Theaters im Palais aufgenommen.

Termine

Theater im Palais
Am Festungsgraben 1, Mitte
Tel.: 030/201 06 93
www.theater-im-palais-berlin.reservix.de

Deutschland. Ein Wintermärchen
Premiere: Mi., 7.11., 19.30 Uhr

Fröhlich, bunt und ein bisschen chaotisch

Beim Balagan-Day öffnet die Jüdische Gemeinde in der Charlottenburger Fasanenstraße ihre Türen, um den Berlinern einen Einblick in das vielfältige Gemeindeleben zu ermöglichen
Fröhlich-turbulentes Treiben beim Balagan-Day. SVEN DARMER/DAVIDS
Fröhlich-turbulentes Treiben beim Balagan-Day. SVEN DARMER/DAVIDS
Max Müller

„Never change a running system“, heißt es bekanntermaßen im Unternehmertum. Was in Wirtschaftskreisen eine unumstrittene Aussage ist, kann im Fall des Balagan-Day nur bestätigt werden. Bereits in den vergangenen zwei Jahren lud die Jüdische Gemeinde zu einer Art „Tag der offenen Tür“ ins große Gemeindezentrum an der Fasanenstraße. Das dürfen Berliner sonst aus Sicherheitsgründen nur selten betreten, etwa wenn sie einen Kurs an der Jüdischen Volkshochschule belegt haben. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage sind hingegen alle Berliner willkommen, die vielfältige Arbeit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt kennenzulernen. Und das nunmehr zum dritten Mal in Folge.

Das Wort „Balagan“ entstammt übrigens dem Hebräischen. Auch wenn es seine Wurzeln wohl eher im Persischen hat, wird es gleichwohl sehr häufig im modernen Israel genutzt. „Balagan“ bedeutet so viel wie „Unordnung“, doch ist damit weniger furchtbares Chaos gemeint als vielmehr kreative Unordnung, in der auch eine gewissen Fröhlichkeit und Harmonie steckt.

Beim Betreten der Gemeinderäume wird sofort sichtbar, wie passend diese Beschreibung ist. Überall im Gemeindehaus wuseln Menschen auf Entdeckungstour umher. Im großen Gemeindesaal treten den gesamten Tag über die verschiedenen Gemeindegruppen auf, die die Besucher mit Tänzen, Chormusik oder kurzweiligen Vorträgen unterhalten. Zudem werden verschiedene Speisen aus der israelischen Küche angeboten. Und es gibt einen Basar, bei dem deutlich wird, wie eng die deutsch-jüdische Symbiose trotz der Schrecken der Schoah noch heute ist. Da liegen etwa Notenbücher von Beethoven und Schumann neben jiddischer Literatur, siebenarmige Menorot neben Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin.

Es ist ein herrlicher und zugleich herzlicher Einblick in eine Welt, die vielen Hauptstädtern bislang leider verborgen blieb. Ein Besuch lohnt sich allemal, und sei es nur, um bei einem Stück Kuchen den jüngsten Gemeindekindern beim Singen hebräischer Lieder zuzuhören und dabei die Fröhlichkeit in vollen Zügen aufzusaugen.

Termin

Jüdisches Gemeindehaus
Fasanenstraße 79–80, Charlottenburg
Eintritt frei

Balagan-Day
So. 4.11., 12–18 Uhr
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