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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2017

Rückkehr eines Weltststars

René Kollo wird bald 80 Jahre alt. Und noch immer versteht er es, seine vielen Fans zu begeistern

Im vergangenen Jahr feierte René Kollo in „Quartetto“ Premiere am Berliner Renaissance-Theater. Hier zu sehen als Reginald Paget (r.) mit Victor von Halem bei der Generalprobe. PA/POP-EYE/CHRISTINA KRATSCH

Sein Debüt beim Classic Open Air vor 14 Jahren wird er nie vergessen. Beim Zugabenreigen brach ein heftiges Unwetter aus. „Das war kein Regen, sondern ein Monsun. Ich sah, dass alle Besucher unter ihren Regencapes klitschnass waren“, erinnert sich René Kollo. Damals verabschiedete er sich vom Publikum mit den Worten: „Wir beenden diesen wunderbaren Abend. Mehr kann ich Ihnen bei dem Wetter nicht zumuten.“ Wie aus einem Mund schrien die Festivalbesucher „Nein!!“ – und der Tenor musste zwei weitere Zugaben geben.

René Kollo freut sich nun auf die „First Night“ mit dem großen Feuerwerksfinale, dem Babelsberger Filmorchester und weiteren legendären Weltstars wie Senta Berger und Angelika Milster. Neben den Altmeistern steht aber auch die jüngere Generation von Entertainern auf der Bühne. Ella Endlich erlangte vor fünf Jahren Goldstatus mit dem Song „Küss mich, halt mich, lieb mich“ und feiert Erfolge mit ihrem aktuellen Album „Träume auf Asphalt“. Tom Gaebel alias Dr. Swing hat schon fünf Mal den Jazz Award bekommen und in diesem Jahr neue Fans als Gesangscoach der RTL-Musikshow „It takes 2“ gewonnen.

„Die Anlage muss richtig eingestellt sein. Wenn ich mich gut hören kann, singe ich sehr gern open air. Im Sommer mache ich das immer wieder“, meint der Sänger. René Kollo trägt die Haare etwas länger als früher und berlinert beim Reden. Während des Gesprächs macht sich sein Dackel Pico im Körbchen neben ihm immer wieder bemerkbar. In seiner großen Zeit war Kollos eindrucksvolle Opernstimme zwischen Bayreuth und Tokio überall gefragt. Er hat in der Musikwelt alles erreicht, jeden sängerischen Gipfel erklommen, jedes bedeutende Opernhaus erobert. Im November wird René Kollo 80 Jahre alt, und noch immer steht er regelmäßig auf der Bühne. Dabei wusste der gebürtige Berliner in jungen Jahren lange nicht, was aus ihm werden sollte.

Oper fand er damals schrecklich langweilig. René Kollo wollte lieber als Kameramann arbeiten oder Dixieland spielen. Dann begann er eine Schauspielausbildung. „Ich wollte Hamlet spielen“, erinnert er sich. Es ging wieder in eine andere Richtung, als er seinen ersten Hit landete – als Schlagersänger mit „Hello, Mary Lou“. Er nahm am Grand Prix Eurovision teil und tingelte mit Titeln wie „Meine große Liebe wohnt in einer kleinen Stadt“ durch Fernsehshows. Die klassische Musikwelt hat Glück gehabt, dass die vielen Umwege René Kollo am Ende dann doch noch auf die Opern- und Operettenbühne gebracht haben. „Komisch, ich wollte da gar nicht hin und habe trotzdem Weltkarriere gemacht“, staunt der Weltstar, der heute zwischen seiner Heimatstadt und Mallorca pendelt. Er ist schnell zu den bedeutendsten Tenören des 20. Jahrhunderts aufgestiegen, arbeitete mit allen Größen seiner Zeit, mit Dirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Georg Solti zusammen. „Das ist der Tenor, auf den ich vierzig Jahre gewartet habe“, bekannte Herbert von Karajan, als er dem jungen René Kollo zum ersten Mal begegnet ist.

Der Sänger erinnert sich gern an seine Auftritte in New York, Mailand und Wien, vor allem aber bei den Bayreuther Festspielen. Dort schaffte er 1969 den Durchbruch als Steuermann im „Fliegenden Holländer“. Bis in die achtziger Jahre interpretierte er all die großen Wagner-Heroen wie Tristan, Siegfried und Parsifal. „Bayreuth war für mich eine heilige Stätte“, erklärt der Tenor. Blond und attraktiv verkörperte er einen neuen Typus des Wagner-Tenors, dem man die strahlenden Helden auch äußerlich abnahm.

Eine Partie wie der Tristan ist mörderisch. Nach dem ersten Akt hat man den Mount Everest bezwungen, doch dann stehen noch zwei Achttausender vor dem Sänger. Wie kann man so etwas durchhalten? „Man darf sich nicht vollkommen verausgaben“, verrät René Kollo. „Meine Lehrerin sagte immer: ‚Du musst beim Singen von den Zinsen leben, nicht vom Kapital.‘ Nur wer sich im dritten Akt noch wohlfühlt, ist ein echter Heldentenor.“

Der Heldentenor war immer auch ein Fernsehstar

Kleine Tricks helfen ebenfalls. In Bayreuth hat er sich von einem befreundeten Bühnenbildner überall, wo er Pausen hatte, kleine Verstecke für Wasserflaschen mit Strohhalm einbauen lassen. „Ich fiel dann immer da um, wo eine Wasserflasche versteckt war.“ Erfinderisch muss man sein. Schon Caruso hat sich kleine Trinkfläschchen mit Kochsalzlösung ins Kostüm eingenäht. Im Sommer fährt René Kollo noch immer nach Bayreuth, weniger wegen der Festspiele, sondern um Freunde zu treffen.

René Kollo liebt nicht nur die großen Opernpartien, sondern auch das Operettenfach. Schließlich ist er familiär vorbelastet. Sein Großvater und Vater, Walter und Willi Kollo, haben Revuen, Filmmusiken und Operetten komponiert. „Es ist gar nicht so, wie viele denken, dass Operetten leichter zu singen wären. Im Gegenteil: Sie sind meist nicht so gut komponiert und instrumentiert wie die Opern. Das Orchester ist oft zu laut, das macht es schwieriger für den Sänger.“

Der Heldentenor war immer auch ein Fernsehstar. Als charmanter Entertainer führte er acht Jahre lang durch die ZDF-Show „Ich lade gern mir Gäste ein“. Natürlich gibt es auch Tiefpunkte in einem so reichen Leben. Über die Verrisse nach seinem Regiedebüt hat er sich lange geärgert. René Kollo war 1996/97 der letzte Intendant des Metropol-Theaters, bevor es der Berliner Senat zum großen Verdruss des Künstlers schloss. In dem Traditionshaus hatten sein Vater und Großvater Triumphe gefeiert.

Ein nachdenklicher Star wie René Kollo äußert klare Kritik am heutigen Kulturbetrieb. Er verurteilt das moderne Regietheater und die zeitgenössischen Komponisten, die keine populären Opern mehr schreiben. Er schimpft auch über die Kulturlosigkeit des Fernsehens. Zuletzt hat er mehrere Bücher geschrieben, seine Memoiren, einen Krimi, Bände über Wagner und die deutsche Geschichte. Im vergangenen Jahr hat er neben Karan Armstrong, Victor von Halem und Ute Walther in dem Theaterstück „Quartetto“ im Renaissance-Theater gespielt.

Mit fast 80 Jahren steht er 30 bis 35 Mal im Jahr auf der Bühne. Seine Stimme ist ein Phänomen. „Offenbar habe ich alles richtig gemacht, sonst wäre sie längst kaputt“, überlegt der Tenor. Er führt die Langlebigkeit der Stimme darauf zurück, dass er von Anfang an eine gute Technik hatte, zur richtigen Zeit die richtigen Partien ausgewählt hat und nie zu viel gesungen hat. „Da kam mir die natürliche Faulheit der Berliner zu Hilfe.“ Am Vorabend einer Vorstellung geht er nicht zu spät ins Bett, sonst tut er heute eigentlich nichts für seine Stimme. „Ich singe mich vor dem Auftritt ein, dann ist die Stimme da. Auch sein allgemeines Fitnessprogramm klingt eher eigenwillig, aber René Kollo schwört darauf: „Jeden Abend ein Glas Rotwein.“

FIRST NIGHT

DONNERSTAG 20. Juli 19.30 Uhr

Endlich Victor von Halem bei der Generalprobe. auch beim Classic Open Air: Schlagerstar Ella Endlich FELIX M. WEBER
Endlich Victor von Halem bei der Generalprobe. auch beim Classic Open Air: Schlagerstar Ella Endlich FELIX M. WEBER
Unterhaltungsmusiker Tom Gaebel CHRISTOPH KASSETTE
Unterhaltungsmusiker Tom Gaebel CHRISTOPH KASSETTE
Schlager- und Musicalstar Angelika Milster PROMO
Schlager- und Musicalstar Angelika Milster PROMO
Highlights aus Film und Musical

„Stars unter sich“ könnte auch das Motto der diesjährigen Auftaktnacht des Classic Open Air lauten. Präsentiert von Senta Berger kommen mit der Schauspielerin auch Musicalstar Angelika Milster, Opernsängerin Eva Lind, Entertainer Tom Gaebel, Chansonnette Katharine Mehrling, Schlagersängerin Ella Endlich und Crossover-Star The Dark Tenor auf der Bühne zusammen. Viele Klassik-Fans werden sich vor allem auf den Auftritt von Startenor René Kollo freuen, der mal wieder in seiner Heimatstadt singt.

Begleitet werden die Sängerinnen und Sänger vom Deutschen Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Robert Reimer. Das musikalische Programm umfasst Opern- und Operettenhits sowie Melodien aus Hollywood-Blockbustern und bekannten Actionfilmen. Im Hintergrund singt der Background Chor Sound Of Five, das Showballett Energy Dancers sorgt für ordentlich Schwung auf der Bühne. Zum krönenden Abschluss illuminiert ein großes Feuerwerksfinale den Himmel über dem Gendarmenmarkt.

Charmantes Quartett mit Bühnen- und Fernseh-Erfahrung

Katharine Mehrling (l.) und Eva Lind treten am ersten Abend des Festivals auf ANDREA PELLER/EVA LIND
Katharine Mehrling (l.) und Eva Lind treten am ersten Abend des Festivals auf ANDREA PELLER/EVA LIND

MARTINA HELMIG

Senta Berger

Mit zehn Jahren erlebte sie ihre erste Vorstellung von Prokofjews „Peter und der Wolf“. Kurz darauf kam ihr Vater mit dem Klavierauszug des Kinderklassikers nach Hause und spielte das Musikmärchen vierhändig mit seiner Tochter. Musik hat in Senta Bergers Kindheit eine Hauptrolle gespielt, schließlich war ihr Vater der Komponist und Pianist Josef Berger.

Um die „First Night“ mit Highlights aus Film und Musical zu präsentieren, ist der musikliebende Filmstar die perfekte Besetzung. Als Kind in Wien hat sie nicht nur Klavier gespielt und Ballettunterricht genommen. Mit dem Vater ist sie oft in die Wirtshäuser gezogen, hat gesungen und im rosa Tütü getanzt, während Josef Berger Klavier spielte. Das waren ihre ersten öffentlichen Auftritte. In alle Opern hat sie der Vater mitgenommen.

Mit 16 studierte sie am legendären Max-Reinhard-Seminar. 1957 gab sie ihr Leinwanddebüt in „Die unentschuldigte Stunde“. Im Theater an der Josephstadt sammelte sie ihre ersten Theatererfahrungen. Bald wurde die blutjunge Schöne als „Wiener Sophia Loren“ gehandelt. In fünf großen Hollywood-Jahren setzte sie sich neben Stars wie Yul Brunner, John Wayne und Kirk Douglas durch. O. W. Fischer und Charlton Heston stellten ihr nach, Lex Barker wollte sie heiraten, mit Mario Adorf und Götz George zechte sie die Nächte durch. Als „schnelle Gerdi“ und Kommissarin Eva Prohacek hat sie das Fernsehpublikum gewonnen.

Den Kontakt zur Musik hat sie nie abreißen lassen. In der TV-Serie „Kir Royal“ hat sie gesungen, zu Hause hört sie ausschließlich klassische Musik. Und wenn sie besonders guter Stimmung ist, setzt sie sich an ihren Flügel und spielt Tschaikowskys „Jahreszeiten“. Sie liebt es, musikalisch-literarische Programme zu gestalten, bei Operngalas oder Musikfestivals aufzutreten. Beim Classic Open Air gibt sie ihr Debüt.

Angelika Milster

„Memories“ - unvergessen ist ihr großer Hit aus den achtziger Jahren. Mit dem Musical „Cats“ hat Angelika Milster den Durchbruch geschafft. Sie zählt zu den wenigen Musical-Stars aus deutschen Landen, auch wenn sie nie in die schillernde Welt des Broadways oder des Londoner West Ends eingetaucht ist. Man tut ihr unrecht, wenn man sie auf den einen Song reduziert, auch wenn sie ihn mehr als 3000 Mal gesungen hat. Riesig ist das Repertoire der Sängerin. Die Palette reicht von Schlagern, Popsongs, Chansons, Musical- und Filmmusik bis hin zu Schubert, Schumann und Weihnachtsliedern.

Ihr Vater sorgte dafür, dass sie schon mit zehn Jahren Gesangsunterricht bekam. Trotzdem wurde sie nach der mittleren Reife erst einmal Friseuse. Doch es zog sie mit Macht auf die Bühne, ihre Karriere begann sie am Hamburger Thalia Theater. Seit drei Jahrzehnten lebt Angelika Milster nun in Berlin. Das Theater des Westens ist in den neunziger Jahren ihre künstlerische Heimat geworden, wo sie In Musicals wie „Blue Jeans“, „Hello Dolly“ oder „Gypsy“ glänzte. Als Schauspielerin ist sie immer wieder einmal im Fernsehen zu sehen, an der Seite von Götz George, Wolfgang Stumph oder Hape Kerkeling. Seit dem vergangenen Herbst ist sie am Schlosspark Theater in der Titelrolle des Musicals „Doris Day – Day by Day“ zu erleben. Open-Air-Konzerte gibt sie normalerweise allein mit ihrem eigenen Orchester, doch für das Classic Open Air macht sie gern eine Ausnahme.

Katharine Mehrling

Sie ist ein bekennender Fan des Classic Open Air. Vor drei Jahren stand sie erstmals selbst auf der Bühne am Gendarmenmarkt. In Berlin ist sie zwischen Komischer Oper und Renaissance-Theater eine feste Größe. Schon vier Mal hat sie den „Goldenen Vorhang“ als beliebteste Schauspielerin bekommen. Musical, Theater, Operette, Chansonabende, eigene Shows: Katharine Mehrling ist in vielen Genres zu Hause. Die Rolle, die sie in ihrem Leben vielleicht am häufigsten gespielt hat, ist Sally Bowles im Musical „Cabaret“. 250 Mal hat sie damit in der Bar Jeder Vernunft auf der Bühne gestanden. Die Künstlerin, die sich mit Yoga fit hält und gern mit Freunden kocht, war mit dem „Traumschiff“ auf Mauritius. Auch Hollywood hat schon gerufen. Neben Tom Cruise spielte sie in „Operation Walküre“ eine Sängerin im Offiziersclub.

In der Musikkneipe ihrer Eltern im hessischen Ostheim hat sie als Kind „Heidi“ gesungen. Schlagerproduzent Ralph Siegel nahm die 14-Jährige unter Vertrag. Nach der erfolglosen Teilnahme am Eurovisions-Wettbewerb wusste sie genau, was sie nicht wollte. Sie studierte in London, Paris und New York. Eigentlich hatte sie sich in London auf einer Schauspielschule angemeldet, entschloss sich dann aber spontan, doch lieber Musicaldarstellerin zu werden. Katharine Mehrling hatte Glück und wurde für Musicals im Londoner West End engagiert. Nach zwei Jahren bekam sie Heimweh und kehrte nach Deutschland zurück. Im kommenden Herbst ist sie wieder als Judy Garland in „End of The Rainbow“ im Schlosspark Theater zu sehen.

Eva Lind

Nach ihren Debüts als Königin der Nacht und Lucia di Lammermoor feierte man Eva Lind 1985 als einmaliges Gesangswunder. Das Besondere: Die Innsbruckerin war damals erst 19 Jahre alt. Ihre Bühnentöchter in Mozarts „Zauberflöte“ waren 20 Jahre älter als sie. In der Presse nannte man sie „jüngste Operndiva der Welt“ und „österreichische Nachtigall“ in Anlehnung an die schwedische Nachtigall Jenny Lind.

Die Sopranistin wusste immer, was sie wollte. Mit drei Jahren sah sie im Fernsehen die Oper „Carmen“ und setzte sich in den Kopf, Sängerin zu werden, obwohl es keine Musiker in ihrer Familie gab. Als vierzehnjähriges Schulmädchen studierte sie „nebenbei“ Gesang am Konservatorium. Sie begann gleich im Ensemble der Wiener Staatsoper. Dann brach die Sopranistin nach Berlin, Paris, London und Mailand auf. Die Österreicherin ist mit zahlreichen Opernstars wie Placido Domingo und José Carreras gemeinsam aufgetreten. Mit 25 Jahren hatte sie eine Art Burnout und reiste drei Jahre um die Welt. Danach entdeckte sie den Crossoverbereich für sich, und auch ihre Fernsehkarriere nahm Fahrt auf, auch als charmante Moderatorin machte sie sich einen Namen, zum Beispiel in „Straße der Lieder“. Beim Classic Open Air zählt sie seit langem zu den Stammkünstlern.

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