Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung

„Risikoverhalten ist grundsätzlich nicht von der sozialen Schicht abhängig“

Ein Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über Präventionsmaßnahmen und den Stand der Neuinfektionen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn MAXIMILIAN KÖNIG

Berliner Morgenpost: Herr Minister Spahn, es heißt, HIV und Aids seien in den letzten Jahren im öffentlichen Diskurs in den Hintergrund geraten. Teilen Sie diese Wahrnehmung einiger Betroffener?

Jens Spahn: Wir haben heute glücklicherweise gute Behandlungsmöglichkeiten für HIV und Aids. Zudem ist das Wissen über eine HIV-Infektion und darüber, wie man sich schützen kann in Deutschland unvermindert hoch. Das zeigen die Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Wir haben also eine ganz andere Ausgangslage als in den 80er- oder 90er-Jahren, die sich niemand zurückwünscht. Aber: Aids ist immer noch nicht heilbar! Daher müssen wir jede neue Generation informieren und aufklären. Da bei der Schulaufklärung in den vergangenen Jahren gekürzt wurde, habe ich mich dafür eingesetzt, diesen Bereich zu stärken. Der Verein „Jugend gegen Aids“ erhält seit Oktober vom Bundesministerium für Gesundheit Fördermittel für sein Projekt „Positive Schule 2.0“. Wir wollen möglichst viele Schulen für die Teilnahme gewinnen, damit Schülerinnen und Schüler gut informiert sind.

Die Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung ist eine Institution und ein Flaggschiff des Benefizwesens.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Tragen die Präventionsmaßnahmen mittlerweile Früchte und ist ein Rückgang hinsichtlich der Neuinfektionen zu verzeichnen?

Im europäischen Vergleich haben wir in Deutschland sehr niedrige Neuinfektionsraten. Dazu hat die gute Präventionsarbeit der letzten Jahre beigetragen. Aber wir wollen natürlich, dass die Zahlen noch weiter zurückgehen. Die aktuellen Zahlen liegen uns erst Ende diesen Monats vor. Der HIV-Selbsttest ist erst seit Anfang Oktober frei verfügbar. Insoweit ist es noch verfrüht, diese Maßnahmen zu bewerten. Außerdem regeln wir gerade gesetzlich, dass die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zukünftig von den Krankenkassen erstattet wird. PrEP bedeutet, dass Medikamente zum Schutz vor einer HIV-Infektion eingenommen werden. In anderen Ländern, die die PrEP bereits seit längerer Zeit als ergänzenden Baustein in ihrem Präventionskonzept zur Verfügung stellen, konnte die Zahl der HIV-Neuinfektionen deutlich gesenkt werden.

In der Vergangenheit gab es das Vorurteil, dass die Infektion vor allem sogenannte Randgruppen beträfe. Was antwortet man diesen Stimmen aus der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft?

Das Risikoverhalten ist grundsätzlich nicht von der sozialen Schicht abhängig. Im Übrigen scheint mir die Bezeichnung Randgruppe heute auch nicht mehr angemessen.

Die Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung feiert in diesem Jahr das 25- jährige Jubiläum. Wie betrachten Sie die Relevanz des Events und Charity-Projekte im Allgemeinen?

Die Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung ist eine Institution und ein Flaggschiff des Benefizwesens. Die Deutsche Aids-Stiftung ist die einzige Stiftung, die sich um Menschen kümmert, die hier bei uns an den Folgen einer HIV-Infektion oder einer Aids-Erkrankung leiden, und die sich zudem im Ausland engagiert. Sie verdient jede Unterstützung. Wir brauchen insgesamt mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt und Engagement – dafür zählen für mich Charity-Projekte, bei denen der Rote Teppich ausgerollt und Spenden gesammelt werden, aber vor allem auch jede Form von ehrenamtlichem Einsatz im alltäglichen Zusammenleben.

Apropos Oper, welche Oper zählt zu Ihren persönlichen Favoriten?

„Die Zauberflöte“ von Mozart.

„Wir müssen immer wieder überprüfen, wo unsere Hilfe besonders gebraucht wird“

Seit August dieses Jahres ist Kristel Degener die neue Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung. Im Interview spricht sie über den Einstieg ins Stiftungsgeschäft und aktuelle Herausforderungen.
Max Müller     

Berliner Morgenpost: Frau Degener, Sie sind seit knapp drei Monaten hauptamtliche Geschäftsführerin der Deutschen Aids-Stiftung. Wie waren Ihre ersten Wochen im neuen Amt, was haben Sie aus dieser Anfangszeit mitgenommen und was hat Sie vielleicht auch überrascht?

Kristel Degener: Da mein bisheriger beruflicher Werdegang in keinster Weise mit dem Thema HIV und Aids in Verbindung stand, habe ich in den ersten Wochen natürlich sehr viel neues Wissen erworben. Meine Einarbeitung begann schon im Frühjahr, so dass ich ausreichend Zeit hatte, mich in die Materie und in das Stiftungsgeschäft einzuarbeiten. Ich hatte die ersten Monate bewusst damit verbracht, täglich jeden einzelnen Antrag, der in der Stiftung eingeht, zu lesen, um ein ganz genaues Bild zu bekommen, welche Probleme für unsere Antragssteller vorherrschend sind. Es gibt viele HIV-positive Menschen, die dank des medizinischen Fortschritts ein „normales“ Leben führen können, aber das gilt nicht für alle Betroffenen. Eher überrascht hat mich die Haltung der breiten Bevölkerung. HIV wird nicht als „normale“ Krankheit angesehen. Es ist eher eine tabuisierte Krankheit verbunden mit Vorurteilen und Ablehnung. Anderseits habe ich in der kurzen Zeit viele Menschen kennengelernt, die sich ehrenamtlich für das Thema im hohen Maße engagieren. Auch das beeindruckt mich sehr.

Was sehen Sie als Ihre primäre Aufgabe?

Die Stiftung gibt es nun seit 31 Jahren. Das Umfeld und die Erfordernisse in dieser Zeit haben sich verändert. Die Bedürfnisse der Menschen, die sich an die Stiftung wenden, sind heute anders als früher. Somit ist es für mich eine große und wichtige Aufgabe, die Stiftung für die Zukunft zu stärken. Dies erfordert zunächst, dass wir gemeinsam herausarbeiten, in welchen Bereichen unsere Hilfe besonderes notwendig ist.

Das Thema Aids war in den 80er- und 90er-Jahren deutlich präsenter als es heute der Fall ist. Mit welchen Strategien wollen Sie heute Aufmerksamkeit und Sensibilität für die Krankheit generieren und gerade auch junge, unerfahrene Menschen vor der Gefahr schützen?

Auch wenn unser Satzungszweck nicht primär auf die Aufklärung, sondern vielmehr auf die Unterstützung der Betroffen gerichtet ist, ist und bleibt Aufklärung natürlich eine logische Voraussetzung bei der Bekämpfung der Krankheit. Daher ist uns das Engagement in diesem Bereich ebenfalls sehr wichtig. Gerade bereiten wir ein neues Projekt vor, bei dem wir die Organisation „Jugend gegen Aids e.V.“ bei ihrer Aufklärungsarbeit in den Schulen unterstützen wollen. Das Ziel dieses Projektes ist, HIV und STI-Infektionsraten bei Jugendlichen durch „Peer to Peer“-Aufklärung zu senken.

HIV-Erkrankte haben durch moderne Medikamente etwa die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Haben Sie das Gefühl, dass die Krankheit deshalb nicht mehr „so ernst“ genommen wird?

In den letzten Monaten gab es vermehrt Medienberichte zum Thema HIV und Aids, insbesondere im Zusammenhang mit PrEP und Heimtest. Ansonsten gilt, dass über die Krankheit viel weniger als früher gesprochen wird. Dies führt dazu, dass die Wahrnehmung von HIV und Aids als einer gefährlichen Krankheit seit Jahren zurückgeht und somit der Eindruck entstehen, dass die Krankheit insgesamt kein Thema mehr ist. Die gute Nachricht ist, dass laut einer BzGA-Befragung 16- bis 20-jährige Aids häufiger als die Allgemeinbevölkerung für eine gefährliche Krankheit halten. Dieses Wissen ist wichtig, denn HIV und Aids sind immer noch nicht heilbar.

Was bedeutet es heute eigentlich, an HIV zu erkranken. Gibt es nach Ihrer Erfahrung die gleichen Vorurteile wie in den 80er-Jahren. Wie äußert sich die Diskriminierung?

Auch wenn das Wissen über HIV und Aids heute sicherlich weiter in der Bevölkerung verbreitet ist als im Verlauf der 80er-Jahre, gilt, dass HIV immer noch mit Ängsten und Stigmatisierung verbunden ist. Den meisten Menschen ist heute bewusst, dass eine Ansteckung mit HIV im alltäglichen Kontakt nicht möglich ist. Aber bei vielen Menschen bleibt eine tiefliegende Zurückhaltung beim Thema HIV. Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anlässlich des Welt-Aids-Tages 2017 zeigte beispielsweise, dass Menschen den Kontakt mit HIV-positiven Menschen umso häufiger vermeiden wollen, je enger dieser wird. Hier müssen wir noch deutlicher machen, dass erfolgreich gegen HIV behandelte HIV-positive Menschen selbst beim Geschlechtsverkehr nicht mehr ansteckend sind.

Zur Person

BARBARA FROMMANN
BARBARA FROMMANN
Kristel Degener wurde 1974 in Estland geboren, ihr Jura-Studium schloss sie mit dem zweiten Staatsexamen ab und promovierte im Jahr 2016. Ab 2006 arbeitete sie für den Verband „Unternehmer NRW“, in dem sie zuletzt als Geschäftsführerin tätig war. Seit August 2018 ist sie Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung.




Enrique Mazzola

ERIC GARAULT
ERIC GARAULT
Der italienische Dirigent ist künstlerischer Leiter und Musikdirektor des Orchestre National d’Île de France, seit Kurzem auch Erster Ständiger Gastdirigent der Deutschen Oper . Als ausgewiesener Experte zeitgenössischer Musik dirigierte er etwa Collas „Il Processo“ an der Mailänder Scala und „Il Re Nudo“ von Luca Lomardi in Rom. Der Absolvent des Giuseppe-Verdi-Konservatoriums in Mailand gilt auch als Fachmann für den Belcanto und für klassische und frühromantische Musik. Das Berliner Publikum kennt Enrique Mazzola bereits aus Produktionen an der Deutschen Oper. Nach der Operngala dirigiert er hier die Neuproduktion von „Les Contes d’Hoffmann“.

Julia Lezhneva

EMIL MATVEEV
EMIL MATVEEV
„Engelsgleiche Stimme“, „makellose Technik“: Die internationale Presse ist voll des Lobes für die junge russische Sopranistin. Nachdem Julia Lezhneva 2010 mit Rossinis „Fra il padre“ bei den „Classical Brit Awards“ aufgetreten war, stand sie auf zahlreichen großen Opern- und Konzertbühnen. Zuletzt tourte sie mit einem Händel- und Graun-Arienprogramm, gab Gastspiele mit dem Philharmonischen Orchester in Seoul, dem Orquesta Nacional España in Madrid und dem Orchestra Accademia Santa Cecilia in Rom. An der Hamburgischen Staatsoper wird sie bald als Morgana in Händels „Alcina“ sowie in Rossinis „Barbier von Sevilla“ zu sehen sein.

Alexey Markov

PROMO
PROMO
Der russische Bariton, aufgewachsen in Vyborg an der Grenze zu Finnland, bezeichnet das St. Petersburger Mariinsky-Theater als sein Stammhaus. Dort hat er mit zahlreichen Fachpartien auf sich aufmerksam gemacht, etwa als Graf Luna in „Il Trovatore“, Giorgio Germont in „La Traviata“ oder Escamillo in „Carmen“. Publikum und Fachpresse feiern Alexey Markov für sein warmes Timbre und sein musikalisches Ausdrucksvermögen. 2007 debütierte er an der New Yorker Metropolitan Opera in „Krieg und Frieden“ – sein internationaler Durchbruch. Der weltweit gefragte Sänger kehrt nun zehn Jahre nach seinem ersten Gastspiel an der Deutschen Oper nach Berlin zurück.

Francesco Meli

VICTOR SANTIAGO (2)
VICTOR SANTIAGO (2)
Der Tenor aus Genua gehört zu den großen Interpreten des Belcanto. Francesco Meli debütierte 2002 als Malcolm in „Macbeth“ beim „Festival Dei due Mondi“ in Spoleto – der Beginn einer Karriere, die ihn an die wichtigsten italienischen Häuser führte. Nach Auftritten in Bologna, Venedig, Florenz, Neapel und Turin kam er auch an die Mailänder Scala. Unter Ricardo Mutis Dirigat trat er in „Dialogues des Carmelites“ auf, es folgten zahlreiche weitere Gastspiele und internationale Debüts. Im Verdi-Jahr 2013 begeisterte Francesco Meli in einer von Riccardo Muti dirigierten Neuproduktion von „Simon Boccanegra“. Seither gilt er als begnadeter Verdi-Interpret.

Maria Mudryak

„Risikoverhalten ist grundsätzlich nicht von der sozialen Schicht abhängig“ Image 1
Mit zehn Jahren kam die Sopranistin mit kasachischen Wurzeln nach Mailand, wo sie 2012 ihr Studium am Verdi-Konservatorium abschloss. Innerhalb weniger Jahre avancierte Mudryak zu den gefragtesten Sopranistinnen ihrer Generation. Die 24-Jährige wird für ihre charismatische Bühnenpräsenz gefeiert und hat bereits mit namhaften Dirigenten wie Carlo Rizzi, Renato Palumbo, Aldo Sisillo, Fabrizio Carminati sowie mit Regisseuren wie Hugo De Ana, Ferzan Ozpetek und Andrea Cigni gearbeitet. Jüngst begeisterte sie in „La Bohème“ am Moskauer Bolschoi-Theater. Im Frühjahr wird sie in Avignon als Adina in „L’elisir d’amore“ auf der Bühne stehen.

Olga Peretyatko

ALIKHAN
ALIKHAN
Die St. Petersburger Sopranistin ist Berlin eng verbunden. Als Absolventin der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ erhielt sie Engagements an der Deutschen sowie der Staatsoper Berlin, aber auch am Théâtre des Champs-Elysées in Paris, am La Fenice in Venedig sowie beim „Rossini Opera Festival“ in Pesaro. Nach zahlreichen umjubelten Festivalauftritten löste vor allem ihr kurzfristiges Einspringen für die erkrankte Miah Persson bei den Pfingstfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden Begeisterung aus. An der Wiener Staatsoper ist sie derzeit als Donna Anna in „Don Giovanni“ zu erleben. In Berlin sang sie zuletzt die Leila in Bizets „Die Perlenfischer“ in der Regie von Wim Wenders.
Weitere Artikel