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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2017

Ohne sie können die Stars nicht glänzen

Nicht nur die Musiker sind für den Erfolg von Classic Open Air verantwortlich. Rund 230 Mitarbeiter vom Pyrotechniker bis zur Platzanweiserin sind dafür im Einsatz

Viel Arbeit hinter den Kulissen: Der Aufbau der Bühne beginnt eine Woche vor dem Start des Festivals. Wird Regen angesagt, rückt das Orchester tiefer zurück unter das Bühnendach. CLASSIC OPEN AIR/PICTURE ALLIANCE (3)

Spreequell
Nach dem Festival ist vor dem Festival. Wenn der letzte Applaus verklungen und das letzte Gerüst abgebaut ist, richten sich die Gedanken der Organisatoren schon wieder in die Zukunft. Die Manöverkritik steht am Anfang. Was könnte man beim nächsten Mal noch verbessern? Bei dieser Frage helfen oft Hinweise aus der Fanpost des Festivals.

Im September müssen die Programmideen für den nächsten Sommer festgeklopft werden. „Ein grobes Konzept entwickeln wir immer schon zwei, drei Jahre vorher, denn manche Weltstars müssen wir mit einem langen Vorlauf buchen“, erklärt Festivaldirektor Gerhard Kämpfe. Für so ein großes Festival mit mehr als 6000 Sitzplätzen müssen auch Werbung und Kartenvorverkauf frühzeitig beginnen. „Im Oktober schließen wir Künstlerverträge und bereiten dann die Werbekampagne vor. Ende November gehen wir in den Verkauf, weil viele Menschen die Tickets gern zu Weihnachten verschenken“, sagt Geschäftsführer Mario Hempel. 40.000 Stammkunden aus aller Welt werden per Mail und per Post eingeladen.

Der Kern des Organisationsteams besteht aus neun Personen, die schon im Winter ständig Meetings abhalten. Der Ablauf der Konzerte, Regie- und Probenpläne werden festgelegt, Hotels und VIP-Shuttles reserviert. „Es ist wie ein Mosaik aus hunderten von Steinchen. Nach und nach gibt es immer mehr zu tun, bis es die Form einer Lawine annimmt“, so Mario Hempel. Berechnungen, Finanzen, Timing und Logistik müssen stimmen.

Monate vor dem Festival werden die Pläne für das VIP-Zelt, die gastronomischen Stände, Container und Müllentsorgung beim Bau-, Tiefbau- und Hygieneamt eingereicht. Die Feuerwehrdurchfahrt zwischen dem Zelt und dem Deutschen Dom muss den Richtlinien entsprechen. Auch lange Strom- und Wasserleitungen werden geplant. Die für das Classic Open Air lebensnotwendigen Sponsoren müssen intensiv betreut werden. Das gute Verhältnis mit den Anwohnern ist den Veranstaltern wichtig, deshalb bekommen sie zwei Freikarten geschenkt. Die Proben finden meist dort statt, wo die Orchester zu Hause sind. Also reisen die Solisten nach Rostock, Greifswald oder Potsdam, und am Ende fahren dann alle nach Berlin.

Festival-Management bedeutet auch, mitten in der Nacht noch einmal die Vorverkaufszahlen abzufragen, um zu prüfen, ob zusätzliche Werbemaßnahmen nötig sind. „Es kommt vor, dass ich mich nach einem langen Arbeitstag um 23 Uhr ins Auto setze und an Mario Hempels Auto vorbeifahre, das gerade ankommt. Er setzt sich dann noch einmal bis ein, zwei Uhr ins Büro, weil es nachts so schön ruhig ist“, erzählt Gerhard Kämpfe. Bei den beiden Festivalleitern laufen alle roten Fäden zusammen. Sie tauschen sich in allen Bereichen aus.
„Wir sind beide Teamplayer – und sehr stolz auf unsere Mannschaft“, sagt Hempel. Wenn das Festival naht, wächst das kleine Organisationsteam auf 230 Mitarbeiter an. Dramaturgen, Fachleute für Licht, Ton und Pyrotechnik sind dann ebenso gefragt wie Bühnengestalter, Techniker, Fahrer, Ticketverkäufer, Platzanweiser und Chefköche.
Die Stars (hier: Nora Tschirner) werden eifrig umsorgt, sie sollen ja wieder kommen.
Die Stars (hier: Nora Tschirner) werden eifrig umsorgt, sie sollen ja wieder kommen.
400 Meter Zaun werden rund um den Gendarmenmarkt gezogen. Eine Woche vor der „First Night“ beginnt der Aufbau. Drei Tage dauert allein die Konstruktion des Bühnendaches über der Freitreppe des Konzerthauses. Dann kommt die 32 x 18 Meter große Bühne, auf der neben 100 Orchestermusikern und Solisten oft noch ein 150-köpfiger Chor und Tänzer Platz finden sollen.

Licht und Ton werden unter das Dach gehängt. Tribüne, Bestuhlung, Beschallungsanlage, VIP-Zelt und Getränketheken werden aufgestellt. Zehn Pyrotechniker befestigen hunderte von Feuerwerkskörpern am Konzerthaus. In dieser Phase sind 150 Menschen, unzählige LKW und Gabelstapler rund um die Uhr beschäftigt. „Bevor ein einziger Ton erklingt, liegen mit Technik und Infrastruktur schon 500.000 Euro auf dem Platz“, erklärt Geschäftsführer Hempel.

An den Konzerttagen hält das Management stündlichen Kontakt zum Wetterdienst in Potsdam. Sieht es mittags nach schlechtem Wetter aus, stellen sich alle auf die Regenvariante ein. Dann baut sich das Orchester weiter hinten unter der Überdachung auf.

Gegen 17 Uhr wird am Konzertabend der Gendarmenmarkt für die letzten Vorbereitungen gesperrt. 45 Hostessen sorgen dafür, dass jeder Gast seinen Platz findet. Hinter den Kulissen wird noch schnell eine spezielle italienische Kaffeesorte für eine Solistin besorgt, und zahlreiche Helfer verstecken kleine Mikrofone in den Kostümen der Sänger. „Wichtig ist uns die Rundum-Betreuung unserer Künstler. Sie müssen sich umsorgt fühlen, denn sie sind das Herzblut des Festivals“, sagt Mario Hempel.

Wenn die Künstler am Ende des Abends so glücklich sind wie das Publikum, hat sich die Arbeit gelohnt. Ein Kompliment an das Team wird Festivaldirektor Kämpfe nie vergessen. Nach der fünften Zugabe wollte er sich bei der großen Montserrat Caballé für einen außergewöhnlichen Abend bedanken, doch sie winkte energisch ab: „No, Señor Kämpfe, ich muss mich bedanken für all das, was Sie hier auf die Beine stellen und dafür, dass wir uns so gut betreut fühlen. In solch einer Atmosphäre kann ich sorglos auf die Bühne gehen und muss dann einfach nur noch singen.“


„Ich liebe es, wie sich die Musiker verausgaben“

Das Classic Open Air Festival lebt von großen Namen und dem Mix der Stile. Aber auch von treuen Fans wie Hans-Joachim Huth, der jedes Mal dabei ist

Hans Joachim Huth mit dem Programmheft 2016 BM/MH
Hans Joachim Huth mit dem Programmheft 2016 BM/MH
MARTINA HELMIG

„Beim ersten Classic Open Air war ich noch ein jungscher Spund, und nun werde ich schon 72“, sagt Hans-Joachim Huth lachend. Für ihn ist das Festival ein Teil seines Lebens. Jedes Jahr bestellt er 60 bis 80 Karten für sich selbst, seine Frau, Familie und Freunde. An den Festivaltagen sitzt die ganze Clique dann zusammen in Block C. Vorher gehen alle zusammen essen und hinterher noch ein Bier trinken.

Huth war immer ein Fan der Drei Tenöre. Deshalb war er von dem ersten Classic-Open-Air-Abend mit José Carreras im Jahr 1992 sofort hellauf begeistert. „Wir hatten für 22.30 Uhr einen Tisch im Domhotel, dem heutigen Hilton, bestellt. Carreras stand um 23 Uhr aber immer noch auf der Bühne und sang eine Zugabe nach der anderen. Es war sensationell! Unseren Tisch haben wir dann trotzdem noch bekommen.“ Damals feierte er die Premiere des Festivals mit seiner Frau und drei befreundeten Paaren. Danach kam er jedes Jahr mit immer mehr Begleitern wieder. Seine Begeisterung wirkte einfach ansteckend.

„Das Besondere ist für mich die Mischung aus Oper, Klassik, Jazz und Pop, die für jeden etwas bietet. Ich erinnere mich an Johann-Strauss-Abende mit viel Wiener Charme und Sonnenschein, aber auch an Stars wie Udo Jürgens und Chris de Burgh, die sich völlig verausgabten. Außerdem gehört der Gendarmenmarkt zu den schönsten Plätzen. Ich kann das sagen, denn ich kenne alle wichtigen europäischen Städte.“

Hans-Joachim Huth ist für alle Musikstile offen. Er ist ein großer Fan von Joja Wendt, den er nicht nur beim Classic Open Air, sondern auch zwischendurch immer wieder gern erlebt. Ebenso begeistert erzählt er aber auch vom Abend mit Montserrat Caballé und ihrer Tochter. Wie José Carreras gemeinsam mit Klaus Meine von den Scorpions „Wind of Change“ gesungen hat, wird er nie vergessen. Oder das singende und moderierende Multitalent Lars Redlich, das erst als Countertenor und dann mit Songs in allen Stimmlagen das Publikum verzückte. „Ein Höhepunkt war für mich das Konzert mit José Cura. Ich höre eine Arie von Puccini und denke: Na, wo ist er denn? Da kommt er singend von hinten durch das Publikum an uns vorbei auf die Bühne. Das gab Standing Ovations.“ Hans-Joachim Huth stammt aus einer musikalischen Familie. Sein Bruder und er hätten gern Instrumente gelernt. „Leider hat dafür das Geld nicht gereicht. Es war bei uns in den 50er Jahren erbärmlich knapp.“ Sein Vater war Geiger und hat mit einem Trio Tanzmusik gespielt. Tagsüber hat er zusätzlich Autos repariert, um die Familie zu ernähren. „Ich sang dann in einer Skiffle-Band und spielte auf einem selbstgebauten Bass. Mein Bruder bediente das Waschbrett.“ Mit 16 Jahren lernte er durch Freunde auch die Klassik lieben. Die Begeisterung für die Musik ist geblieben. Hans-Jürgen Huth kennt die Berliner Konzerthallen und Opernhäuser von innen.

Der Musikliebhaber, der auch im Rentenalter noch ein Studio für Muskelaufbau im Kosmetiksalon seiner Frau betreibt, war auch schon bei anderen Freiluftkonzerten, aber für ihn geht nichts über das Classic Open Air. Von einem Konzert mit den Drei Tenören im Münchener Olympiastadion war er sehr enttäuscht. „Die Akustik war schlecht. Dann fing es an zu regnen und in der VIP-Lounge wurden die Regenschirme aufgespannt, so dass man dahinter nichts mehr sehen konnte. Das ist in Berlin alles viel besser organisiert. Hier gibt es Regencapes, und Schirme sind verpönt.“ Er muss jedes Mal lachen, wenn sich Leute neben den Regencapes noch Müllsäcke für die Füße mitbringen. „Dabei kann ich die Regenabende an zwei Händen abzählen.“

Einmal hat er sich überreden lassen, sich draußen zu den Zaungästen zu gesellen, die es sich regelmäßig rund um den Gendarmenmarkt gemütlich machen. „Wir hatten Rotwein und Baguette, waren am Ende aber doch enttäuscht. Man sieht nichts und hört auch wenig, weil nur gequatscht wird.“ Beim nächsten Konzert saß er wieder in seinem Block C. Hans-Joachim Huth freut sich, wenn Festivaldirektor Gerhard Kämpfe seinen treuen Stammgast begrüßt. „Er hatte es am Anfang schwer, aber er hat durchgehalten. Jetzt fragen die Stars bei ihm an, früher musste er hinterher sein, sie zu bekommen.“ Auch Anna Maria Kaufmann hat er persönlich kennen gelernt. „Sie gab Autogramme nach ihrem Konzert, und ich konnte ihr Grüße bestellen, denn die Cousine meiner Schwiegermutter ist ihre Freundin. Da hat sie uns alle gleich gedrückt, das fand ich klasse!“

Einige Male war er mit seiner Frau ins VIP-Zelt eingeladen. „Das war schon schön, aber unsere Freunde saßen alle draußen. Irgendwann sagten wir uns: Wir feiern lieber mit unserer Truppe.“ Das Classic Open Air hat ihn noch nie enttäuscht. Hans-Joachim Huth kauft Karten für alles und freut sich, wenn er etwas Neues für sich entdeckt. Die Abende mit Andrej Hermlin, Roger Cicero, Tom Gaebel, Paul Kuhn und Max Greger haben ihn überrascht: „Da bin ich durch das Festival tatsächlich zum Swing-Fan geworden.“

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