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Themenwelten Berliner Morgenpost
Kulturzeit - Herbst 2019

„Durch Mauern gehen“ beim Martin Gropius Bau in Berlin-Kreuzberg

30 Jahre nach dem Mauerfall widmet der Gropius Bau dem zeithistorisch bedeutsamen Ereignis eine umfangreiche, multimediale Gruppenschau

Die brasilianische Künstlerin Regina Silveira ist mit der raumfüllenden Arbeit „Intro 2“ aus dem Zyklus „Irruption Series“ vertreten. FOTOS: MATHIAS VOELZKE (2)

Max Müller  

Im Gropius Bau kann man buchstäblich „Durch Mauern gehen“. Gutav Metzgers (1926–2017) im Obergeschoss errichtete Installation ist löchrig, sodass man als Besucher leicht durch die vielen Lücken hindurchschlüpfen kann. Zudem ist sie nicht sehr stabil: Die einzelnen Elemente bestehen aus Pappe, man könnte sie leicht umstoßen. Ganz anders als die massiven Stelen, denen sie im Kern nachempfunden sind und die draußen, in der Nähe des Museums, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas bilden.

Metzgers Arbeit ist einer von 27 Beiträgen internationaler Künstler aus Ländern wie den USA, Brasilien, Nordirland oder Israel, die bis zum 20. Januar in einer großen Gruppenschau gezeigt werden. Konzipiert wurde die Ausstellung anlässlich des 30. Jahrestags des Falls der Berliner Mauer. Statt klassische Erzähltechniken aufzugreifen und allzu naheliegende Narrative zu wählen, entschieden sich die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath dafür, assoziative Positionen zu zeigen und hierdurch neue Perspektiven auf die Themen Aus- und Abgrenzung aufzuzeigen.
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So spielt die aktuelle Abschottung Europas gleich in mehreren Arbeiten eine wichtige Rolle. Am deutlichsten wird das Schicksal der Geflüchteten wohl bei Michael Kvium (*1955) dargestellt. Sein Gemälde „Beach of Plenty“ zeigt eine Szene, in der Sonnen anbetende Urlauber am Strand auf flüchtende Menschen in Schlauchbooten treffen – Momentaufnahmen, wie sie dutzendfach in den vergangenen Jahren auf den Fernsehbildschirmen zu sehen waren. Auch Javier Téllez (*1969) lässt Geflüchtete in seiner Videodokumentation zu Wort kommen. Dabei wird einmal mehr deutlich, wie das Mittelmeer als Mauer funktioniert – und wie wir in Europa eigentlich unsere Werte definieren.
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Die Bandbreite der Kunsttechniken ist verblüffend: Es gibt Malereien, Fotografien, Video- und Objektkunst. Manche Beiträge wie José Becharas Installation aus Dutzenden Tischen, zwischen denen zwei Stühle regelrecht eingeklemmt sind, ist ausladend und füllt fast einen ganzen Ausstellungsraum. Andere Arbeiten wie die Fotografien von Sibylle Bergemann, die 1989 und 1990 die Umgebung rund um die Berliner Mauer aufnommen hat, sind geradezu intim, aber keinesfalls minder ausdrucksstark.
        
Fred Sandbacks sechsteilige skulpturale Arbeit „Untitled“ (1980/2019).
Fred Sandbacks sechsteilige skulpturale Arbeit „Untitled“ (1980/2019).
Wichtig war den beiden Kuratoren, trotz der abstrakten Annäherung an die Thematik den Bezug zur Realität und auch zur Vergangenheit des Ausstellungshauses nicht zu verlieren. Schließlich verlief die Mauer selbst unmittelbar entlang des einstigen Kunstgewerbemuseums, sodass für mehrere Jahrzehnte der Eingang von der Nord- an die Südseite des Hauses verlegt werden musste. Statt verhangener Ausstellungsräume mit abgedunkelten Fenstern können die Besucher in fast allen Räumen ins Freie blicken, auf die Mauerreste, aber auch auf die Topographie des Terrors oder Mit das Abgeordnetenhaus im Preußischen Landtag. Das Spannungsfeld zwischen dem, was draußen passiert, und dem, was die Kunst bietet, ist eindrucksvoll und verfehlt seine Wirkung nicht.

Zu den Highlights zählt eine Audio-Installation von Emeka Ogboh. „The Sound of the Germans“ lässt das Deutschlandlied in verschiedenen afrikanischen Sprachen erklingen und wurde bereits auf der Venedig-Biennale 2015 dem Publikum vorgestellt. Erstmalig in Berlin zu sehen ist auch eine Arbeit des 2003 verstorbenen minimalistischen Künstlers Fred Sandback, der einen Raum mit Schnüren so absteckt, dass immer wieder neue Blickwinkel entstehen. Ebenso beeindruckend ist die Schatten-Technik, mit der Nadia Kaabi-Linke die Silhouette eines Wachturms in die Ausstellung projiziert.

Mit „Durch Mauern gehen“ führt der Martin Gropius Bau zudem seine eigene innerliche Erneuerung fort. Statt voneinander getrennte Einzelausstellungen zu zeigen, gehen diese unter der Leitung von Stephanie Rosenthal nun ineinander über. Das Zentrum bildet dabei der neu konzipierte und nunmehr öffentlich zugängliche Lichthof, in dessen Mitte aktuell eine riesige Pflanzen- Installation aus der Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ zu sehen ist. Die Mauerausstellung im ersten Stock kündigt sich bereits durch mehrere Exponate auf den Umgängen an. Eines hiervon bedient sich der Militärtechnik und sendet über mehrere Meter Vogelgeräusche durch den Raum. Man könnte auf die Idee kommen, die Vögel hätten sich in den Pflanzen der Installation eingenistet. Doch wer dem Geräusch folgt, kommt schließlich zu einer mehr als lohnenswerten Ausstellung über die Mauern, die es heute wie damals in unseren Köpfen und leider auch ganz real gab.
        

Termine

Martin Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
Kreuzberg
Tel.: 030/ 254 86-0
http://berlinerfestspiele.de

Durch Mauern gehen
Bis 20. Januar
ÖZ: Mi.-Mo., 10-19 Uhr
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