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Kulturzeit - Herbst 2019

Gewandhaus Leipzig eröffnet Beethoven-Jahr 2020 am Neujahrstag

Das Gewandhaus Leipzig stellt das Wirken Ludwig van Beethovens und Felix Mendelssohns gegenüber

Ronald Klein  

2020 hätte Ludwig van Beethoven seinen 250. Geburtstag gefeiert. Zahlreiche Konzerthäuser zelebrieren das Beethoven-Jahr mit Aufführungen der Sinfonien sowie von Klavier- und kammermusikalischen Werken. Das Leipziger Gewandhaus lenkt unter dem Motto „Beethoven 2020 und Mendelssohn“ den Fokus auf zwei Komponisten. „Wenn man sich mit Mendelssohn Bartholdys Wirken als Gewandhauskapellmeister beschäftigt, stellt man fest, dass Beethoven für ihn immer eine zentrale Rolle gespielt hat“, erläutert Tobias Niederschlag, Leiter des Konzertbüros des Gewandhausorchesters Leipzig. „Er hat hier viel Musik von Beethoven dirigiert, darunter auch die damals noch umstrittene neunte Sinfonie, und das vierte Klavierkonzert zum Beispiel mehrfach auch als Pianist aufgeführt.“
Mit Leipzig verband Beethoven eine besondere Beziehung, die vor allem mit Gottfried Christoph Härtel zu tun hat. Der Jurist wirkte seit 1796 als Alleininhaber des noch heute existierenden Musikverlags Breitbach & Härtel und gab ab 1798 die „Allgemeine musikalische Zeitung“ heraus, in der Beethoven anfangs äußerst kritisch rezensiert wurde. Der Komponist fühlte sich unverstanden, was er in zahlreichen Briefen an Härtel ausdrückte. Beide verband eine häufige Korrespondenz, später eine Arbeitsbeziehung und enge Freundschaft. Bereits 1808 stellte Beethoven fest: „Denn komme ich nach Leipzig, so soll’s ein wahres Fest seyn, mit [der] Leipziger mir bekannten Bravheit und [dem] guten Willen der Musiker diese aufzuführen.“ Die sächsische Metropole war schließlich auch die erste Stadt, in der sämtliche Beethoven-Sinfonien zu dessen Lebzeiten als Zyklus aufgeführt wurden. „Das macht die Bedeutung der Stadt im frühen 19. Jahrhundert aus: dass hier viele musikhistorisch relevante Umstände zusammenkamen“, betont Niederschlag. „Ein großes, internationales Verlagswesen, bedeutende musikalische Zeitschriften und natürlich auch Institutionen wie das Gewandhaus, wo zahlreiche der hier verlegten Kompositionen aufgeführt wurden. Die Rezeptionsgeschichte der Musik Beethovens reicht beim Gewandhausorchester so weit zurück wie bei keinem anderen großen Ensemble. Deshalb ist es für uns geradezu eine Verpflichtung, das Jubiläum im kommenden Jahr entsprechend zu würdigen.“
        
Seit 2018 ist Andris Nelsons Gewandhauskapellmeister. FOTOS: JENS GERBER; GERT MOTHES
Seit 2018 ist Andris Nelsons Gewandhauskapellmeister. FOTOS: JENS GERBER; GERT MOTHES
Beide Komponisten haben neue Wege beschritten, wenngleich ihr Ansatz unterschiedlicher nicht hätte sein können: „Beethoven war ein Revolutionär. Er hat Grenzen gesprengt und eine neue Ästhetik entwickelt“, stellt Niederschlag klar. „Das ist etwas, das man bei Mendelssohn in dieser Form nicht findet. Aber auch er war ein wichtiger Erneuerer, vor allem in seiner Zeit als Gewandhauskapellmeister. Viele seiner Reformen, zum Beispiel die Wiederentdeckung von historischem Repertoire, prägen das Musikleben bis heute. Seine Neuerungen fußten aber immer im Bewusstsein der Tradition.“

Den Auftakt markiert Beethovens neunte Sinfonie, die seit 1918 stets an Silvester und am Neujahrstag aufgeführt wird. Diese Leipziger Tradition haben mittlerweile auch die großen Häuser von Los Angeles bis Tokio übernommen. Dem richtungsweisenden Werk stellt Dirigent Daniele Gatti die Mendelssohn-Kantate „Wie der Hirsch schreit“ gegenüber, die auf den Tag genau vor 182 Jahren an derselben Stelle zur Uraufführung gekommen ist.

Neue Werke stehen auch im Laufe des Jahres an. „Die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff hat eine Beethoven-Reflexion geschrieben, die im Februar uraufgeführt wird“, sagt Niederschlag. Die Traumdeutung basiert auf Eindrücken der Lektüre von Beethovens Notizbüchern. Bis zum Ende der Spielzeit folgen weitere Konzerte, die thematische Schnittmengen aufweisen, beispielsweise die Auseinandersetzung von Beethoven und Mendelssohn mit Goethe. Das Programm geht über die Spielzeitpause im Sommer hinaus. Einer der Höhepunkte ist die Aufführung der „Unvollendeten“ an Ludwig van Beethovens Geburtstag, dem 17. Dezember.
         

Termine

Gewandhaus Leipzig
Augustusplatz 8
04109 Leipzig
Tel.: 0341/127 02 80
www.gewandhausorchester.de

Eröffnung des Beethoven-Jahres 2020: Felix Mendelssohn Bartholdy
Der 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“ op. 42 MWV A 15
Ludwig van Beethoven
9. Sinfonie d-Moll op. 125
1. Januar, 20 Uhr

Felix Mendelssohn Bartholdy
Konzert für Mandoline (Violine)
Klavier und Orchester d-Moll
MWV O 4
Ella Milch-Sheriff
Der ewige Fremde
Ludwig van Beethoven
4. Sinfonie B-Dur op. 60
20.+21. Februar, 20 Uhr, 23. Februar, 11 Uhr

Felix Mendelssohn Bartholdy
Konzertouvertüre „Meeresstille
und glückliche Fahrt“ D-Dur op.
27 MWV P 5
Ludwig van Beethoven
„Meeresstille und glückliche
Fahrt“ für Chor und Orchester
op. 112
Ludwig van Beethoven
Fantasie c-Moll op. 80
Felix Mendelssohn Bartholdy
Die erste Walpurgisnacht op. 60
MWV D 3
27.+28. Februar, 20 Uhr

Ludwig van Beethoven
Streichquartett c-Moll op. 18/4
Felix Mendelssohn Bartholdy
Vier Stücke für Streichquartett
op. 81
Ludwig van Beethoven
Streichquartett a-Moll op. 132
7. Juni, 20 Uhr
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