Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Offentlicher Dienst & Non-Profit

Notfallsanitäter bei der Berliner Feuerwehr: Ausbildungsprogramm 112 Medic

Die Berliner Feuerwehr braucht dringend Nachwuchs. In den nächsten drei Jahren geht rund ein Viertel der Feuerwehrleute in den Ruhestand. Die „112“-Ausbildungswege sollen diesen Brand löschen

Forum Berufsbildung
GPB mbH
Simone Jacobius

Wer bei der Berliner Feuerwehr arbeitet, gehört zu einer großen Familie. Denn der Teamgedanke und das sich Aufeinander-verlassen-können werden großgeschrieben bei den Feuerwehrleuten – und können letztlich auch lebensrettend sein.

Deswegen sieht es Patrick Göhler auch als zu einfach an zu sagen, man arbeite bei der Feuerwehr, weil man Menschen helfen möchte. „Die Arbeit hier zeichnet so viel mehr aus, sie ist abwechslungsreich, spannend, von Kameradschaft geprägt und einfach nie langweilig“, erklärt der 27-Jährige, der gerade seine Ausbildung zum Notfallsanitäter macht, der höchsten nichtärztlichen Qualifikation im Rettungsdienst. Vorher hatte er sein Fachabitur gemacht und die Ausbildung zum Rettungssanitäter. Deswegen ist er über das Programm „112 Medic“ zur Feuerwehr gekommen. Von Anfang an ist er verbeamtet worden wie die meisten Mitarbeiter der Berliner Feuerwehr. Dank seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter war das erste halbe Jahr für Patrick Göhler ein Heimspiel.
Patrick Göhler (l.) und Milan Uebigau machen gerade eine Ausbildung bei der Feuerwehr. FOTO: SIMONE JACOBIUS
Patrick Göhler (l.) und Milan Uebigau machen gerade eine Ausbildung bei der Feuerwehr. FOTO: SIMONE JACOBIUS
Jetzt kommt neues Wissen dazu, von der Anatomie über Medikamentengaben und Wiederbelebung bis zum Kommunikationstraining ist alles dabei. Schließlich gilt es Leben zu retten, auch wenn kein Arzt in der Nähe ist, oder Menschen davon zu überzeugen, ins Krankenhaus zu fahren. „Die Ausbildung ist sehr praxisnah. Wir machen diverse Praktika – auf dem Rettungswagen genauso wie in unterschiedlichen Abteilungen in Krankenhäusern und im Hospiz“, sagt der junge Mann. Zur Sensibilisierung anderer Blickwinkel gibt es auch Praktika bei der Polizei, in der Leitstelle und auf dem Löschfahrzeug. Nach der dreijährigen Ausbildung stehen noch elf Monate im feuerwehrtechnischen Dienst an – die Voraussetzung für die Verbeamtung in diesem Ausbildungszweig. Denn das Prinzip der Berliner Feuerwehr ist es, dass jeder Mitarbeiter im Notfall in jedem Bereich eingesetzt werden könnte. Nur so kommen auch Auszubildende im feuerwehrtechnischen Dienst wie Milan Uebigau später als Rettungssanitäter auf dem Rettungswagen infrage.

Hoch hinaus – manche Einsätze erfordern auch Schwindelfreiheit. ISTOCK/ INDUSTRYVIEW
Hoch hinaus – manche Einsätze erfordern auch Schwindelfreiheit. ISTOCK/ INDUSTRYVIEW
Wer bei der Feuerwehr anfangen will, sollte Ahnung von Technik haben FOTO: ISTOCK/RALF GEITHE
Wer bei der Feuerwehr anfangen will, sollte Ahnung von Technik haben FOTO: ISTOCK/RALF GEITHE
Die Einsatzgebiete der Berliner Feuerwehr haben sich verlagert. 80 Prozent der Einsätze betreffen mittlerweile die Notfallrettung, nur drei Prozent sind noch Brände. Der Rest gehört in den Bereich technische Hilfeleistung, beispielsweise bei Verkehrsunfällen, Stürmen oder Überschwemmungen. Milan Uebigau hat den „112 Direkt“-Weg gewählt, bei dem er direkt nach der Schule die Ausbildung begonnen hat. Fast direkt, er musste erst erkennen, dass sein eigentlicher Berufswunsch zum Hubschrauberpiloten unrealistisch war. Dann zog er für die Ausbildung extra von Bremen nach Berlin, „denn der ‚112 Direkt‘ wird nur an wenigen Orten in Deutschland angeboten“, sagt er.

Inzwischen hat der 22-Jährige Halbzeit. Das handwerkliche Know-how am Oberstufenzentrum Bautechnik in den Bereichen Elektrotechnik, Maurerhandwerk, Zimmerei, Stahlbetonbauen, Schlosserei und Klempnerei hat er sich bereits angeeignet. „Da geht es darum, ein Gefühl für die Materialien zu bekommen, die uns später im Falle eines Brandes begegnen könnten, und wie wir mit den entsprechenden technischen Geräten umgehen, um Probleme lösen zu können“, sagt Uebigau. Für die feuerwehrtechnische Grundausbildung besucht er nun die Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie (BFRA) in Reinickendorf. Insgesamt werden zwei Drittel der Ausbildung an der Schule unterrichtet, den Rest verbringt man in Praktika. „Wir lernen unter anderem, wie man Straßenbahnen anhebt, Menschen aus Autos herausschneidet, Brände löscht, machen den Kettensägenschein, den Lkw-Führerschein und vieles mehr“, sagt der angehende Feuerwehrmann. Für Milan Uebigau ist „112 Direkt“ der attraktivste Ausbildungsweg gewesen. „Die Feuerwehr braucht junge Menschen und möchte sie nicht an andere Berufe verlieren, deswegen ist vor sieben Jahren neben „112 Classic“ auch dieser Weg eingeführt worden.“ Nina Lauterbach, die für die Nachwuchsgewinnung zuständig ist, sagt: „Wir stellen aber noch viel mehr Menschen über den klassischen Weg ‚112 Classic‘ ein, der eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt. Wir brauchen die vielfältigen handwerklichen Fähigkeiten. Hier werden dann auch etwas höhere Anwärterbezüge gezahlt, weil die Kollegen schon voll im Leben stehen.“

„Die Feuerwehr braucht junge Menschen und möchte sie nicht an andere Berufe verlieren“

Milan Uebigau Feuerwehr-Azubi

Die Berliner Feuerwehr ist mit etwa 4500 Mitarbeitern und 35 Berufsfeuerwachen die älteste und größte Berufsfeuerwehr Deutschlands. Ihr Ziel ist es, Menschen in Notsituationen schnell und qualifiziert zu helfen. Zwar gibt es genügend Bewerber, doch dank jahrelang schleppender Nachwuchsausbildung wird es auf den Wachen trotzdem eng: Etwa ein Viertel der Kollegen geht bis 2022 in Ruhestand (die Altersgrenze liegt im aktiven Dienst bei 60 Jahren), 300 unbesetzte Stellen gibt es bereits jetzt. Etwa 250 Nachwuchskräfte werden pro Jahr eingestellt. Es wird dennoch schwer, die Abgänge auszugleichen. Immerhin gilt es sieben Tage die Woche 24 Stunden lang einsatzbereit zu sein. Dafür wird im Zwei-Schicht-System gearbeitet. Alle zwölf Stunden wechseln die Einsatzkräfte. Göhler und Uebigau sind sich in einer Sache einig: Es fehlt an Frauen bei der Berliner Feuerwehr. Viele trauen sich nicht, weil die Feuerwehr jahrzehntelang als Männerdomäne verschrien war, vermuten sie. „Dabei gibt es grundsätzlich nichts bei der Feuerwehr, was Frauen nicht auch könnten“, weiß Nina Lauterbach. Trotzdem liegt ihr Anteil am aktiven Dienst bei gerade mal fünf Prozent. Vor allem über den Einstieg „112 Medic“ steigt die Zahl kontinuierlich.

Facetten der Feuerwehr: Ausbildung oder Studium, Notfallsanitäter oder technischer Dienst ISTOCK/VANDERWOLF-IMAGES, OLLO; PICTURE ALLIANCE/FELIX KÄSTLE
Facetten der Feuerwehr: Ausbildung oder Studium, Notfallsanitäter oder technischer Dienst ISTOCK/VANDERWOLF-IMAGES, OLLO; PICTURE ALLIANCE/FELIX KÄSTLE
Frauen sollten für das Bewerbungsverfahren vor allem Kraft trainieren – das ist der Bereich, in dem sie den Männern oft unterlegen sind. Denn zum eintägigen Bewerbungsverfahren gehört auch ein umfangreicher Sporttest mit Ausdauer-, Kraft- und Koordinationselementen. Eine gewisse Grundfitness sollten Bewerber bereits mitbringen, denn sie ist Grundvoraussetzung für den feuerwehrtechnischen Dienst. „Das kann man alles trainieren, daran sollte es wirklich nicht scheitern“, meint Milan Uebigau. Bis zum Ende der Ausbildung muss dann auch das Deutsche Feuerwehr-Fitnessabzeichen abgelegt werden. Um die Fitness aufrechtzuerhalten, gibt es übrigens auf jeder Feuerwache auch einen Sportraum, in dem während der Dienstzeit trainiert werden kann. Neben dem Sporttest gehört auch ein computerbasierter Einstellungstest zum Bewerbungsverfahren, in dem es unter anderem um Rechenfähigkeit, logisches Denken und Reaktionsfähigkeit geht. „Man kann sich mit Büchern auf alles gut vorbereiten“, rät Uebigau. Außerdem muss jeder Bewerber eine fünfminütige Selbstpräsentation zu persönlichem Werdegang und Motivation machen, bei der es gerne gesehen wird, wenn man die gestellten Medien dafür nutzt. In einem Rollenspiel werden Kommunikationsfähigkeit und Überzeugungskraft getestet und in einer Gruppenaufgabe steht die Teamfähigkeit auf dem Prüfstand. Wer all das gemeistert hat, muss später nur noch zur ärztlichen Tauglichkeitsprüfung. Dann steht dem Schritt zur zweiten Familie bei der Feuerwehr eigentlich nichts mehr im Wege.

Die 6 Wege zur Feuerwehr

Für alle Ausbildungswege gilt: Mindestgröße 1,65 – 1,95 m, Höchstalter bei Einstellung 35 Jahre bzw. 39 Jahre für den höheren Dienst (112 Master), Deutsches Schwimmabzeichen „Silber“, Führerschein B besitzen oder schnell machen und die deutsche bzw. EU-Staatsangehörigkeit besitzen

112 Classic
Abgeschlossene Berufsausbildung nötig, 18-monatige Ausbildung, inkl. Lkw-Führerschein und Rettungssanitäter-Qualifikation.

112 Direkt
Direkt nach der Schule, mit MSA oder höherem Schulabschluss; Mindestalter 16 1/2 Jahre; 18-monatige Qualifizierung im handwerklich-technischen Bereich am OSZ Bautechnik, anschließend 18 Monate feuerwehrtechnische Ausbildung inkl. Rettungssanitäter und Lkw-Führerschein. Nur 24 Plätze pro Jahr.

112 Medic
Ab 18 Jahren möglich, mindestens MSA nötig; neben der Notfallsanitäter- Ausbildung gibt es auch die feuerwehrtechnische Grundausbildung (4 Jahre). Abschluss: Staatliche Prüfung. Mit der vierjährigen Ausbildung bekommt man die Befähigung für den mittleren feuerwehrtechnischen Dienst und wird verbeamtet. Wer nur den Notfallsanitäter macht (3 Jahre) wird nach Tarif beschäftigt.

112 Bachelor
Der Abschluss ermöglicht nach einem zweijährigen Vorbereitungsdienst den Einstieg in den gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst als Brandoberinspektor/-in – der mittleren Führungsebene.

112 Master
Nach einem zweijährigen Brandreferendariat kommen die Absolventen in die obere Führungsebene, den höheren feuerwehrtechnischen Dienst. Das Referendariat wird an verschiedenen Standorten im ganzen Bundesgebiet absolviert.

112 Bachelor Dual
Seit diesem Jahr gibt es für Abiturienten das Bachelorstudium gepaart mit der Laufbahnausbildung für den gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst. Der Studiengang Brandschutz- und Sicherheitstechnik wird an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin angeboten. In der vorlesungsfreien Zeit werden Praktika in verschiedenen Bereichen der Feuerwehr und die feuerwehrtechnische Grundausbildung absolviert. Dauer: 7 Semester. Beginn zum Wintersemester
Weitere Artikel