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Berliner Coach Christoph Uhl berät Menschen bei Unzufriedenheit

Christoph Uhl ist Coach und berät Menschen, die in ihren Jobs unzufrieden sind. Doch es muss nicht immer der große Bruch sein

Christoph Uhl ist systemischer Coach, Managementberater und Supervisor. Er berät seit mehr als 25 Jahren Fach- und Führungskräfte. FOTO: PRIVAT

Simone Jacobius 

Berliner Morgenpost: Herr Uhl, die Mehrheit der Menschen ist unzufrieden mit ihrer Arbeit. Haben Sie da konkrete Zahlen?

Christoph Uhl: Ihr Gefühl deckt sich mit einer Reihe von Studienergebnissen. Ein Großteil der Arbeitnehmer ist nicht hinreichend mit seiner Arbeit zufrieden. So hat zum Beispiel die FOM Hochschule in Frankfurt am Main 2017 herausgefunden, dass fast zwei Drittel der Arbeitnehmer mit ihrem Job nicht zufrieden sind. Und das Forschungsinstitut Gallup ist vergangenes Jahr zu dem Ergebnis gekommen, dass sich 75 Prozent der Beschäftigten nur emotional gering an ihre Arbeit gebunden fühlen.

Was macht die Menschen unzufrieden? Definiert man sich heutzutage mehr über seine Arbeit und hat daher höhere Anforderungen?

Es liegt nicht an höheren Anforderungen, sondern an ANDEREN Anforderungen. Mit Beginn der Industrialisierung veränderte sich die Arbeit von der Berufung hin zum Tauschgeschäft: Arbeitsleistung gegen Lohn. Wir befinden uns nun offenbar in einer Phase weg von diesem rein materiellen Tauschgeschäft. Guter Lohn, Benefits (zum Beispiel flexible Arbeitszeit oder eine Betriebskita) sowie Aufstiegschancen reichen für eine hohe Zufriedenheit im Job nicht mehr aus. Den Menschen wird immer wichtiger, dass ihnen ihre Arbeit sinnvoll erscheint. Dabei werden vor allem solche Aufgaben als sinnvoll erlebt, die Selbstverwirklichung ermöglichen. Tatsächlich erleben die meisten Beschäftigten jedoch, dass selbst in vermeintlich sinnvollen Berufen, etwa den Pflegeberufen, Sinn und Selbstverwirklichung auf der Strecke bleiben. Wir leben in einer Zeit, in der das Niveau des Wohlstands und der Freiheit einen hohen Level erreicht hat. Diese Bedürfnisse sind gedeckt. Daher rückt jetzt zunehmend der Drang nach Selbstverwirklichung in den Vordergrund – ein Thema, auf das die Arbeitswelt noch nicht optimal vorbereitet zu sein scheint. Die Antwort auf Ihre Frage lautet daher: Ja. Genauer muss man sagen: Der Mensch definiert sich wieder mehr über seine Arbeit. Wir scheinen zurückzukehren zu einer Gesellschaft, in der ein Beruf wieder der Berufung entspricht.
Suchen sich die Unzufriedenen professionelle Hilfe, versuchen sie ihre Probleme selbst zu lösen oder leidet der Großteil, ohne zu handeln?

Alle drei Varianten kommen vor, häufig auch in Mischformen. Was wir beobachten ist: Immer weniger Menschen nehmen den Frust einfach so hin. Sie suchen nach Wegen, um ihren Bedürfnissen nach Sinn und Selbstverwirklichung besser gerecht werden zu können. Doch daraus ist noch keine flächendeckende Bewegung geworden. Es entwickelt sich gerade erst ein breites Selbstbewusstsein, mehr Sinn in der Arbeit anstreben und sich von schwachen Führungskräften nicht weiter drangsalieren lassen zu wollen.

Was empfehlen Sie den Menschen, wenn sie zu Ihnen kommen? Muss es immer der große Einschnitt sein?

Der große Einschnitt muss es nicht immer, aber doch sehr häufig sein. Bevor Klienten zum Coaching kommen, haben sie ja schon Etliches versucht. Und doch sind die gewünschten Veränderungen ausgeblieben. In vielen Fällen müssen Menschen mit solchen Versuchen sogar zwangsläufig scheitern, weil die notwendige Veränderung vom Unternehmen oder vom direkten Vorgesetzten ausgehen müsste. Doch das passiert nicht. Dann bleibt oft nur noch der Einschnitt. Dabei ist in den seltensten Fällen ein anderer Beruf erforderlich. Die meisten Klienten denken zwar zunächst, sie müssten in einen anderen Beruf wechseln. Meist erkennen sie dann jedoch sehr schnell, dass nicht der Beruf, sondern der konkrete Arbeitgeber, der konkrete Arbeitsplatz, der konkrete Chef das Problem sind.

Wie kitzeln Sie aus den Betroffenen heraus, was wirklich der richtige Weg für sie ist?

Das Wichtigste ist, die Klienten darin zu bestärken, sich selbst zu glauben. Viele meinen, sie seien das Problem und müssten an sich etwas verändern. Bei genauer Betrachtung stellen sie dann aber fest: „Bei mir ist eigentlich alles in Ordnung!“ Sie sehen dann: Der Frust am aktuellen Arbeitsplatz ist zwar nicht schön, aber folgerichtig, da er den eigenen Bedürfnissen nach Sinn, korrekter Behandlung und Anerkennung nicht hinreichend gerecht wird. Nach dieser Erkenntnis wendet sich oft das Blatt und aus der Liste mit negativen Punkten im Job wird in der Umkehrung die Checkliste für die potenziell neue Arbeitsaufgabe.

Untersuchungen sagen, dass 85 Prozent der Beschäftigten sich mit ihrem Job kaum oder gar nicht verbunden fühlen. Kann diese fehlende Identifikation zu Unzufriedenheit führen?

Ja, definitiv. Fehlende Identifikation ist ein großer Stressfaktor. Sechs Stunden Arbeit ohne Sinn sind Stress – zwölf Stunden Arbeit, die Freude macht, geben dagegen Kraft und Energie.

Was kann man tun, wenn man sich in einer Spirale aus Leistungsdruck, Arbeitsbelastung und Zeitdruck befindet?

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: Die Situation verändern oder sie verlassen. Welche Möglichkeit die richtige ist, kann immer nur individuell beantwortet werden. So kann eine von vielen denkbaren Lösungen sein, sich für eine absehbare Zeit erst einmal mit dem aktuellen Job zu arrangieren, ihn perspektivisch aber verlassen zu wollen. Ein wichtiger, häufig unterschätzter Aspekt ist, was man selbst verändern kann. Dabei geht es vor allem darum, eine andere innere Haltung sich selbst und seiner Arbeit gegenüber zu bekommen. Viele Menschen erleben es als erleichternd, wenn sie ihren Frust als eine angemessene Reaktion auf unerfüllte Bedürfnisse anerkennen. Damit kann man natürlich nicht dauerhaft glücklich werden. Aber diese neue Grundhaltung ist dann oft ein kraftvoller und motivierter Anfang vom Ausstieg. Denn mittel- oder langfristig ist oft doch der Wechsel in einen anderen Job die bessere Lösung.

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