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Themenwelten Berliner Morgenpost
Karriere: Ausbildung & Studium 2019

Wie man vom Tanzen leben kann

Ballett oder Show, professionelle Ausbildung oder autodidaktisch – junge Berliner berichten von ihrem Weg in die Branche

Matheus Barboza de Jesus und Frieda Kaden werden an der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Allein in Deutschland gibt es 70 feste Ensembles, die ihre Arbeitgeber werden könnten. FOTO: M. RODARI

VON SEBASTIAN BLOTTNER 

Zwölfstundentage sind nicht jedermanns Sache. Für Frieda Kaden (16) und Matheus Barboza de Jesus (18) aber sind sie Alltag. Die Zeit für Hausaufgaben ist dabei noch gar nicht mitgerechnet. Es ist kein typisches Teenagerleben, das die beiden an der Staatlichen Ballettschule Berlin zwischen Training und Unterricht führen. Allerdings wollen sie das auch gar nicht. Sie wollen tanzen – professionell.

Wer Profitänzer werden will, muss seinen Weg sehr zielstrebig verfolgen. „Man braucht vor allem Hartnäckigkeit“, sind sich die beiden Jugendlichen einig. „Ich bin sehr glücklich, und keine Freizeit zu haben, ist mir völlig egal“, so Matheus Barboza de Jesus. Und auch Frieda Kaden findet Verzicht selbstverständlich: „Wenn ich nach Hause komme, kann ich vor dem Schlafen gerade noch duschen, Abendbrot essen und Hausaufgaben machen“, sagt sie. „Fast jeden Tag dasselbe. Feiern zu gehen, ist nicht drin.“

Die Staatliche Ballettschule genießt weltweit Renommee. Schüler aus 28 Nationen sind dort eingeschrieben. Der Nachwuchs für die internationale Tanzelite wird in Berlin ausgebildet. „Man wartet sehnsüchtig darauf, in den Job zu starten“, sagt die 16-Jährige, deren Abschluss schon in Sichtweite ist. Das Ziel lange vor Augen, tut sie alles dafür und belegt selbst in den Ferien Sommerkurse, zum Beispiel beim Royal Ballet in London, ihrem Traumarbeitgeber.

Das sind zwei wesentliche Merkmale von Tänzerkarrieren: Sie beginnen früh und erfordern außergewöhnlich viel Leidenschaft und Disziplin. „Wer erst mit 18 oder 25 anfängt zu tanzen, wird kein herausragender Virtuose mehr“, sagt Ralf Stabel, Leiter der Ballettschule, „sondern höchstens jemand, der sich mit Tanz beschäftigt“.

Immerhin 70 feste Ballett-Ensembles gibt es in Deutschland, eine weltweit einzigartige Dichte potenzieller Arbeitgeber. Die Ansprüche an körperliche Leistungsfähigkeit und künstlerische Gestaltung sind dort extrem hoch. Doch auch außerhalb altehrwürdiger Musiktheater kann man mit dem Tanzen Geld verdienen. Man denke nur an die Tänzer in Musicals, Musikvideos oder beim Showtanz. Auch sie kommen um jahrelange harte Arbeit nicht herum.

Eine eigene Sparte ist beispielsweise der Turniertanz. Im Unterschied zu Ballett, zeitgenössischem Tanz oder einer Musicalausbildung gibt es dafür keine staatliche Ausbildung und keinen Studiengang. „Der klassische Turniertanz funktioniert über Vereinsstrukturen“, sagt Profi Robert Beitsch (27). Vergleichbar ist das mit dem Sport. Beim Turniertanz steht sportliche Spitzenleistung neben musikalisch-künstlerischen Aspekten im Fokus.

Je später man einsteigt, umso schwieriger wird es

Auch Turniertänzer fangen besser früh an. Beitsch zum Beispiel tanzt seit seinem elften Lebensjahr. „Es ist zwar nicht ausgeschlossen, später einzusteigen, aber schwieriger wird es auf jeden Fall“, sagt er. Der Brandenburger begann seine Karriere im Tanzsportclub (TSC) Finsterwalde und zog seiner Leidenschaft wegen mit 15 Jahren nach Berlin. „Da ging ich zum Ahorn Club, dort waren all die Meister.“
Turniertänzer Robert Beitsch arbeitet für TV-Sendungen und produziert Bühnenshows. FOTO: S. BLOTTNER
Turniertänzer Robert Beitsch arbeitet für TV-Sendungen und produziert Bühnenshows. FOTO: S. BLOTTNER
Beitsch reihte sich standesgemäß ein, wurde mehrfach Berliner Landesmeister, fuhr durch die Welt, holte auch international Preise. Er setzte sich beim Casting für die Pro7-Show „Got To Dance“ durch und belegte dort den zweiten Platz. Ebenso machte er beim RTL-Format „Let’s Dance“ mit, und er wird dabei sein, wenn die Show im Herbst 2019 auf Tournee durch große Arenen geht.

Ende 2018 hat Beitsch zum ersten Mal eine eigene Tanzshow auf die Bühne gebracht: „Souldance“ lief mit großem Erfolg im Admiralspalast und wird deswegen 2020 noch einmal ins Programm genommen. Auf der Erfahrung will er aufbauen, er hat schon das nächste Projekt im Kopf. Vom Profitänzer zum Produzenten – Beitsch hat die Verwandlung gemeistert.

„Ungefähr ab Mitte 20 fängt man langsam an, sich über die Zukunft Gedanken zu machen“, sagt Robert Beitsch. Manche werden später Trainer, andere Choreografen oder eben Produzenten, wieder andere alles gleichzeitig. „Es gibt keinen Fahrplan, keine Garantien. Man weiß nie, wohin es einen treibt. Aber wenn man dranbleibt, liebt, was man tut, und kreativ ist, dann ergibt sich fast immer etwas.“ Nur eines sei die Tanzbranche nicht – „etwas für Leute, die vor allem Sicherheit wollen und jeden Monat einen fixen Betrag auf dem Konto“.

Viele Tänzer schlagen sich als Selbstständige durch und geben Tanzunterricht, um sich ein regelmäßiges Grundeinkommen zu sichern. Von Auftritten und Engagements allein können die wenigsten leben. Auch Beitsch gibt regelmäßig Kurse im Ballhaus Walzerlinksgestrickt in Kreuzberg. Eine Lehrtätigkeit, das Weitergeben erworbenen Wissens an zukünftige Tänzergenerationen gehört für viele ohnehin zum beruflichen Selbstverständnis.

Manch einer macht dann gleich eine eigene Tanzschule auf. Prominentes Beispiel in der Stadt ist die Flying Steps Academy nahe des Moritzplatzes. Hinter der Tänzerschmiede steht unter anderem Vartan Bassil, Mitbegründer und künstlerischer Leiter der Breakdance-Truppe Flying Steps, die mit ihrem Programm „Flying Bach“ Furore machte und demnächst eine neue Show im Hamburger Bahnhof uraufführen wird.

Bassil ist der Vordenker hinter fast allen Aktivitäten der Gruppe. Sein Lebenslauf repräsentiert eine weitere Art der Tänzerkarriere, die des Autodidakten. Als der Zehnjährige in den 1980er-Jahren begann, Breakdance zu lernen, musste er sich alles aus dem Fernsehen oder von Videos auf VHS-Kassetten abgucken. Wie besessen trainierte er in einem Weddinger Jugendclub und verdiente sich erste Sporen bei szenetypischen Battles (Wettbewerben).
Vartan Bassil war einer der Gründer der Breakdance-Truppe Flying Steps. Auf deren Erfolg hat er die gleichnamige Akademie und eine Karriere als künstlerischer Leiter aufgebaut. FOTO: PRIVAT
Vartan Bassil war einer der Gründer der Breakdance-Truppe Flying Steps. Auf deren Erfolg hat er die gleichnamige Akademie und eine Karriere als künstlerischer Leiter aufgebaut. FOTO: PRIVAT
Irgendwann räumte seine Crew dann den ersten Weltmeistertitel ab, insgesamt schaffte sie das sogar vier Mal. Das öffnete Türen, und schließlich wurde ein gut laufendes Unternehmen daraus. Die Shows der Flying Steps sind mittlerweile weltweit gebucht, die Gruppe absolviert zwischen 50 und 100 Auftritte pro Jahr. Als Jurymitglied der TV-Show „Masters of Dance“ hat Bassil vergangenen Dezember breite Bekanntheit erlangt und eine Crew zum Sieg geführt.

Was Vartan Bassil macht, bezeichnet er als urbanen Tanzstil: im weitesten Sinne das, was man zum Beispiel aus Musikvideos oder Shows kennt. „Dass man irgendwann Profi darin ist, merkt man erst, wenn jemand dafür bezahlt“, sagt er. „Am Anfang stand für mich aber nur die Leidenschaft im Vordergrund. Man wohnt noch zu Hause, Mama kocht, und auf die Frage meiner Kumpel, was ich so mache, habe ich halt immer ‚Breakdance‘ geantwortet.“ Allerdings bekam er dann häufig zu hören, dass das doch kein Beruf sei. „Tatsächlich muss man sich ab einem gewissen Alter Gedanken machen und sich mit den Berufsaussichten auseinandersetzen.“

Vom Tänzer zum Inhaber einer Tanzschule

Mit über 40 hat Bassil inzwischen den Zenit seiner aktiven Tänzerkarriere überschritten. Heute ist er vor allem künstlerischer Leiter, Tanzschulinhaber und Entertainer. Sein Werdegang beweist: Durchhaltevermögen und der Glaube an sich selbst zahlen sich aus.

Für so etwas wie Urban Dance gibt es keine staatlichen Ausbildungsstrukturen. Gerade in einer Sparte aber, für die es keine klassische Ausbildung gibt, ist Eigeninitiative gefragt. Denn im Job landen auch hier nur jene, die täglich hart an sich arbeiten.

Tänzer in Musikvideos oder Bühnenshows kommen häufig aus privatwirtschaftlich geführten Tanzschulen. Allein an Bassils Flying Steps Academy werden rund 1500 Schüler pro Woche unterrichtet. „Das ist keine klassische Berufsausbildung, aber wir können unsere Erfahrungen weitergeben und Vorbilder sein für Leute auf dem Weg in die Professionalität“, sagt Vartan Bassil. „Intensivklassen führen wir auch bis zu professionellen Auftritten.“

Zahlenwerk

8,9 Millionen Menschen in Deutschland interessieren sich „ganz besonders“ für den Tanzsport. Das ergab eine Befragung aus dem Jahr 2018, die das Statistikportal statista.com veröffentlicht hat. Insgesamt gaben in der Befragung fast 68,5 Millionen Menschen an, dass ihnen der Tanz als Sportart bekannt sei.
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