Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Karriere: Ausbildung & Studium 2019

Die Kunst, gut reden zu können

In Debattierclubs üben sich Studierende im Meinungsaustausch. Das nützt der Karriere

Ausbilder Wolfgang Mayer (l.) unterrichtet Uhrmacherlehrling Jonas Küblbeck. Voraussetzung für den Job sind handwerkliches Geschick und Verständnis für Technik. FOTOS: ARMIN WEIGEL/DPA-TMN (2)

VON INGA DREYER 

Bei ihrer Abschlussrede konzentrierte sich Ilze Zīlmane ganz auf ihre Worte. „Ich habe die Zuschauer überhaupt nicht mehr gesehen“, erzählt die 26-Jährige. Im Finale der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2018 in Jena (ddm-jena.de) hat sie mit ihrer Team-Partnerin Cui Wang den Meistertitel in der Kategorie Deutsch als Fremdsprache geholt. Ilze Zīlmane diskutiert auf Deutsch wortgewandt über Politik, Gesellschaft oder Religion, obwohl sie die Sprache erst als Erwachsene gelernt hat. Sie stammt aus Lettland, war nach der Schule sieben Monate als Aupair in Deutschland und studiert seit 2016 Geschichte in Berlin.

In ihrem Studiengang werde viel diskutiert, sagt Zīlmane. „Ich wollte mir deswegen etwas suchen, bei dem ich ins Sprechen komme.“ Da sie bereits während ihrer Schulzeit in Lettland einem Debattierclub angehörte, schaute sie sich auch in Berlin danach um. So kam sie zur Berlin Debating Union, dem Debattierclub der Berliner Hochschulen, der sich jede Woche am Dienstagabend an der Humboldt-Universität trifft (s. Info).

Die Debatten funktionieren nach bestimmten Regeln: Es gibt vier Teams, die jeweils aus zwei Personen bestehen, erklärt Zīlmane. Zwei Teams nehmen die Position der Regierung ein und präsentieren Pro-Argumente. Die beiden anderen Teams argumentieren als Opposition dagegen. Wie in einem Parlament gibt es festgelegte Rednerabfolgen und Redezeiten.

Bei den Debatten kommt es darauf an, mit guten Argumenten zu überzeugen. Wichtig ist aber auch, zuzuhören und sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen. Die Debattierenden haben immer nur 15 Minuten Zeit, um sich auf ein Thema vorzubereiten.

Hilfsmittel sind bei der Vorbereitung verboten

Ilze Zīlmane diskutierte im Finale der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft beispielsweise über die Frage: „Sollten Wahlumfragen verboten werden?“ Ein gutes Thema für die Studentin, der politische und historische Debatten liegen. Hilfsmittel seien bei der Vorbereitung verboten. „Aber bis man einen Wikipedia-Artikel durchgelesen hat, wäre die Zeit auch schon um“, sagt sie und lacht.

In England wurde der erste Debattierclub Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet. In Deutschland kam der verbale Schlagabtausch erst in den 1990er-Jahren in Mode. Im Jahr 1991 gründeten Studenten in Tübingen den ersten deutschen Club. Inzwischen gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen mehr als 70 Debattierclubs, berichtet Lennart Lokstein, Präsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH).

„Es gibt ein großes Interesse an der Fähigkeit, sich ausdrücken zu können und analytisch zu argumentieren“, sagt Lokstein. Auch bei Auszubildenden und Berufstätigen: „Das ist noch verhältnismäßig neu.“ Sein Verband unterstützt Initiativen, die eigene Clubs gründen wollen – an der Universität und auch außerhalb.

Der VDCH organisiert pro Jahr acht sogenannte Campus-Debatten an verschiedenen Hochschulstandorten. Hinzu kommen drei Regionalmeisterschaften und die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft. Einige Clubs, wie der Berliner und der Tübinger, bieten außer Deutsch auch die Möglichkeit, auf Englisch zu debattieren. Das Interesse an englischsprachigem Debattieren sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aber noch gering, sagt Lokstein.

Einer der Orte, an denen gerade ein Debattierclub gegründet wird, ist Darmstadt. Zur ersten Debatte seien auf Anhieb 40 Interessierte gekommen, berichtet Max Frankenberger (23), Student des Umweltingenieurwesens und einer der Organisatoren. „Ich glaube, wir haben damit einen Nerv getroffen.“ In vielen technischen Studiengängen der Hochschule Darmstadt fehle die Möglichkeit zur Diskussion, erzählt er. Im Studium werde vor allem Fachwissen vermittelt, nicht aber die Fähigkeit, zu überzeugen. Für ihn seien rhetorische Fähigkeiten ein wichtiges Instrument, sich präzise und überzeugend auszudrücken. „Ich finde, gut reden zu können, ist eine unglaubliche Kunst, die ich auch gerne beherrschen würde.“

Einsteiger machen erste Schritte in Seminaren

Außer Debattierabende organisieren die Clubs Seminare, in denen Einsteiger lernen können, worauf es ankommt. Auch die Darmstädter haben zu ihrem ersten Treffen eine Trainerin eingeladen. Wenn die Mitglieder ein bisschen Übung haben, wollen sie an Wettbewerben teilnehmen, erzählt Frankenberger.

Ilze Zīlmane kann sich noch gut an ihre erste Debatte auf Deutsch erinnern. „Ich war sehr, sehr aufgeregt“, erzählt sie. Es sei schwierig gewesen, weil sie damals noch nicht über denselben Wortschatz verfügt habe wie heute.

Inzwischen engagiert sich die 26-Jährige im Vorstand der Berlin Debating Union und unterstützt andere Studierende dabei, die ersten Schritte zu wagen. „Das Debattieren hilft mir, strukturierter zu denken“, erklärt Zīlmane. Das komme ihr im Studium, aber mit Sicherheit auch später im Job zugute. „Die Fähigkeit, vor Publikum aufzutreten, braucht jeder.“

Berlin Debating Union

Der Verein Berlin Debating Union ist ein Debattierclub, in dem sich Studierende aller Berliner Hochschulen treffen. Eingeladen ist, wer Spaß an kontroversen Streitfragen und am Meinungsaustausch hat.

Die Themen, die sich die Debatter vornehmen, sind aktuell und stammen aus den Bereichen - Politik, Gesellschaft und Kultur. Auch Zuhörer sind willkommen.

Die Berlin Debating Union trifft sich dienstags ab 19 Uhr in der Humboldt-Universität. Weitere Infos gibt es online.

debating.de

Bewerbung

Im Anschreiben nur auf Wichtiges eingehen
BERLIN – Stellenanzeigen enthalten oft detaillierte Anforderungen, die ein Wunschkandidat erfüllen sollte. Im Anschreiben müssen Bewerber aber nicht auf alle Kriterien eingehen, sagt Karriere- und Bewerbungscoach Jürgen Hesse. Statt „Häkchen an alle Anzeigenpunkte“ zu setzen, gelte es, sich auf die wichtigsten zu konzentrieren und darzustellen, was man in diesen Bereichen schon gemacht hat. dpa

Homeoffice

Vier von zehn Firmen erlauben Heimarbeit
BERLIN – In 39 Prozent der Unternehmen in Deutschland können Beschäftigte zu Hause arbeiten, zeigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom. 74 Prozent der Firmen geben aber an, dass es feste Tage gebe, an denen Homeoffice wegen gemeinsamer Termine verboten sei. In 61 Prozent der Unternehmen gilt: Homeoffice ist eher die Ausnahme, in der Regel sollten die Angestellten im Büro arbeiten. dpa

Stellenausschreibung

Jeder dritte Bewerber verliert das Interesse
BERLIN – 36 Prozent der Bewerber, die von Unternehmen zum Jobinterview eingeladen wurden, sagten die Stelle noch während des Auswahlprozesses ab. Das ergab eine Studie von Viasto, einem Anbieter von Technologien für Online-Recruiting. 13 Prozent sagten ab, obwohl sie bereits die Zusage des Arbeitgebers hatten, die anderen 21 Prozent nachdem sie die Unternehmensvertreter kennengelernt hatten. BM

Analyse

Wichtigste Fähigkeiten für die Karriere 2019 
MÜNCHEN – Analytisch denken und Mitarbeiter führen ist laut dem Netzwerk LinkedIn besonders karriererelevant. Diese Fähigkeiten waren zum Jahresanfang die auf dem Portal am meisten gesuchten Qualifikationen. Bei weichen Fähigkeiten lagen Überzeugungskraft und Kreativität vorn. Parallel ergab eine LinkedIn-Studie, dass 57 Prozent der Führungskräfte Softskills wichtiger finden als Fachkenntnis. BM

Arbeitgeber

Mehr Jobs durch den digitalen Wandel
MANNHEIM – Der digitale Wandel wirkt sich positiv auf die Beschäftigung aus, glauben Arbeitgeber in Deutschland. Laut HR-Report des Personaldienstleisters Hays erwarten 54 Prozent, dass die Zahl der Arbeitsplätze in der IT wachsen wird. Auch im Vertrieb (50 Prozent) und im Marketing sowie in Forschung und Entwicklung (jeweils 43 Prozent) rechnen die Befragten mit deutlichen Jobzuwächsen. BM
Weitere Artikel