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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2017

Italienische Exportschlager

Kein Opernhaus der Welt kommt ohne Rossini, Verdi und Puccini aus. Drei Komponisten im Profil

Das Philharmonische Orchester Vorpommern entstand durch die Fusion der Orchester in Greifswald und Stralsund. Golo Berg ist hier seit 2012 Generalmusikdirektor.

Feuersozietät
Bella Italia! Schon die italienischen Worte mit ihren vielen Vokalen klingen wie Gesang. Jenseits der Alpen singen nicht nur Gondolieri und Capri-Fischer, auch Opernstimmen strahlen dort etwas heller als anderswo. Kein Wunder, denn die Oper ist eine italienische Erfindung. Vor 420 Jahren fand in Florenz das allererste Musikdrama ein beeindrucktes Publikum. Die Begeisterung blieb. Opernmelodien von Rossini, Verdi und Puccini wurden zu Volksliedern, die nach den Uraufführungen auf den Straßen gesungen wurden. Ohne das italienische Komponisten-Trio könnte kein Opernhaus der Welt existieren.

Der Opernchor umfasst 23 Mitglieder und wird seit dieser Spielzeit von Julija Domaseva geleitet PHILHARM. ORCHESTER VORPOMMERN
Der Opernchor umfasst 23 Mitglieder und wird seit dieser Spielzeit von Julija Domaseva geleitet PHILHARM. ORCHESTER VORPOMMERN
Die italienische Oper ist ein Exportschlager ersten Ranges. Auch auf dem Gendarmenmarkt darf das mediterrane Flair von Bella Italia nicht fehlen. Das Theater Vorpommern aus Greifswald und Stralsund war 2016 mit seinem Debüt beim Classic Open Air so erfolgreich, dass die Festivalleitung das Ensemble nach ihrem Auftritt im Vorjahr gleich wieder engagiert hat. Diesmal bescheren uns Solisten, Chor und Orchester des Opernhauses unter der Leitung von Generalmusikdirektor Golo Berg die „Opera Italiana in Licht und Feuer“. Der Abend führt durch die goldene Ära der italienischen Oper, die vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum frühen 20. Jahrhundert reichte. Zwischen Belcanto und Verismo verspricht die italienische Nacht ein Feuerwerk aus beliebten Arien, Duetten, Ensembleszenen und Ouvertüren.

Giuseppe Verdi
Giuseppe Verdi
Gioachino Antonio Rossini
Gioachino Antonio Rossini
ROSSINI

„Meine Musik ist für jedermann“, fand Gioachino Rossini, der den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch grandios bewältigte. In den 1820er Jahren galt er als der berühmteste Komponist der Welt. Bis heute begeistern sich Opernfreunde vor allem für den turbulenten, heiteren Komödianten Rossini. Sie schätzen seine Leichtigkeit und Eleganz, eine Oper wie „Il barbiere di Siviglia“ versetzt das Publikum in Sektlaune. Doch der italienische Meister hat auch 21 musikalische Tragödien wie „Semiramide“ komponiert. Rossini war ein unglaublich schneller Arbeiter, der „Il barbiere“ in 13 Tagen und „La Cenerentola“ sogar in drei Tagen schrieb. Wegen seiner von ihm selbst bezeugten „Passion der Faulheit von jeher“ musste man ihn mitunter bis zur Lieferung eines bestellten Werkes einsperren.

Der „Schwan von Pesaro“, der einen verschwenderischen Lebensstil pflegte, gilt auch als Inbegriff des Bonvivants und Gourmets. Seine 39 Opern entstanden zwischen 1813 und 1829. Danach schrieb er nur noch wenig Musik und widmete sich lieber dem Komponieren von Gerichten. Der Maestro war eine Autorität in allen Küchendingen und erlangte Ruhm als Erfinder raffinierter Leckereien. Wir verdanken ihm den Salambo-Salat und natürlich die Cannelloni alla Rossini. Von ihm stammt der Ausspruch: „Ich gebe zu, dreimal in meinem Leben geweint zu haben: als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.“

In seinen Opern pflegte Rossini den Belcanto-Stil, der Kehlkopfakrobatik, virtuose Verzierungen, Koloraturen, Arpeggien und Rouladen verlangt. Erst Giuseppe Verdi schlug ein neues Kapitel der Operngeschichte auf. Die Sänger hatten sich gegenüber einem vergrößerten Orchesterapparat durchzusetzen. Der deklamative, musikdramatische Vortrag löste den Ziergesang ab. Der artifizielle Canto fiorito wich einem natürlicheren Gesangsstil.



 ,,Ich bin ein großer Jäger, ich jage wilde Vögel, Opernlibretti und schöne Frauen"

Giacomo Puccini, Komponist

VERDI

Verdi ist der Meister der großen Emotionen und Schicksale, des Klangdramas und der zündenden Ohrwürmer. Seine Werke sind die prächtigsten und stabilsten Eckpfeiler des Opernrepertoires. Für viele ist er der Inbegriff der italienischen Oper schlechthin. Er hat unvergängliche Meisterwerke wie „Aida“, „Falstaff“, „Nabucco“, „La Traviata“, „Otello“, „Don Carlos“, „Il trovatore“ und „Un ballo in maschera“ geschaffen. Der Mensch und alles Menschliche stehen bei ihm im Mittelpunkt. Sein bekannter Freiheitschor „Va pensiero, sull’ali dorate“ wurde als Protest gegen Tyrannei und politische Willkür zu einer zweiten italienischen Nationalhymne.

Natürlich war Verdi nicht der einfache Bauer, als den er sich gern stilisierte. Man sieht ihn heute als hochprofessionellen, marktorientierten und zukunftsweisenden Künstler, der den Blick fest auf die Theaterkasse richtete. Er tat alles, um bloß das Publikum nicht zu langweilen. Zu seinen Erfolgsrezepten gehören blitzartige Stimmungsumschwünge, die damals ungeheuer modern wirkten. Rossini und Verdi konkurrierten heftig um die Gunst des Publikums. Freunde wurden sie nie. Aber beide verwendeten ihr reiches Erbe, um Altersheime für Musiker zu gründen: Verdi in Mailand und Rossini in Paris, wo er lange lebte.

GETTY IMAGES (3)
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PUCCINI

Ende des 19. Jahrhunderts stand die italienische Oper wieder an einem Wendepunkt. Angeregt durch das naturalistische Schauspiel trat ein neuer Opernstil seinen Siegeszug an: der Verismo, der sich vom italienischen Wort vero (wahr) ableitet. Es geht um ein Abbild des wirklichen Lebens. Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Leoncavallos „Pagliacci“ gelten dafür als Musterbeispiele.

Auch Giacomo Puccinis Opern tragen veristische Züge. Mit ihm brachte die italienische Oper eine letzte große Blüte hervor. George Bernard Shaw erklärte ihn zum „Kronprinzen Verdis“. In seinen herzzerreißenden Operndramen lotete er alle Höhen und Tiefen der menschlichen Seele aus. Frauenschicksale stehen im Zentrum von Puccinis Opern wie „Tosca“, „Turandot“, „La Bohème“, „Manon Lescaut“ oder „Madame Butterfly“.

Puccini war kein Avantgardist, nicht einmal ein Intellektueller. Er umgab sich lieber mit schönen Frauen und Autos als mit theoretischen Schriften. Sein Selbstverständnis hat der Komponist einmal so formuliert: „Gott berührte mich mit seinem Finger und sagte: ,Schreibe fürs Theater. Nur fürs Theater‘.“ Der Theatermann wollte das Publikum verzaubern, bewegen, zum Jubeln bringen. Er stellte einfache Menschen als Protagonisten auf die Bühne, lebte ihre Gefühle und Leidenschaften aus. Die Musik hält in einer Weise Schritt mit der Handlung, wie es zuvor nicht vorgekommen war. Er wusste, wie man Musik schreibt, die eine spezielle Atmosphäre einfängt, die Landschaften und Menschen charakterisiert. Seine Musik berührt durch ihre Humanität oder wie es Puccini selbst formulierte: „Ich will euch weinen machen und leiden.“

OPERA ITALIANA

SONNABEND 22. Juli 19.30 Uhr

Ein Meer aus Licht schafft Stimmung beim Classic Open Air  PROMO
Ein Meer aus Licht schafft Stimmung beim Classic Open Air PROMO
Die große Nacht der italienischen Oper

Ein Abend, der die Sinne verzaubert: Während der „Großen Nacht der italienischen Oper“ gibt es Mediterranes für die Ohren und Pyrotechnisches für die Augen. Das Philharmonische Orchester Vorpommern unter Leitung seines scheidenden Dirigenten Golo Berg lässt die schönsten Melodien der wahrlich großen italienischen Meister wie Verdi, Puccini und Rossini erklingen. Stimmungsvolle Lichtspiele, traumhafte Projektionen und faszinierende Feuerwerkseffekte begleiten die traumhafte Musik. Es singt der Opernchor des Theaters Vorpommern, der durch den renommierten Ernst Senff Chor begleitet wird. Als Solisten des Abends wirken Kristi-Anna Isene (Sopran), Katarzyna Rabczuk (Sopran), Karo Khachatryan (Tenor), Alexandru Constantinescu (Bariton) und Thomas Rettensteiner (Bariton).

40 Finger, zwei Klaviere, eine Idee

Von Boogie über Jazz bis Klassik: Vier Pianisten mit unterschiedlichen Stilen geben ein Konzert

Sebastian Knauer, Joja Wendt, Martin Tingvall und Axel Zwingenberger geben ein gemeinsames Klavierkonzert HA/ANDREAS LAIBLE
Sebastian Knauer, Joja Wendt, Martin Tingvall und Axel Zwingenberger geben ein gemeinsames Klavierkonzert HA/ANDREAS LAIBLE
MARTINA HELMIG

Er gehört zu den Stammkünstlern des Classic Open Air. Wie oft er schon auf dem Gendarmenmarkt war, weiß er selbst nicht mehr genau. „Es ist ein Festival im Herzen Europas, das große Strahlkraft hat und international beachtet wird. Für mich ist es eine große Ehre, immer wieder eingeladen zu werden“, sagt Joja Wendt. Der Hamburger Pianist liebt Berlin als Hauptstadt der kreativen Subkultur, und er mag die Berliner: „Offen, eloquent, schlagfertig – das gefällt mir.“

An seinen Auftritt mit Roger Cicero beim Classic Open Air erinnert er sich gut, auch an mehrere „First Nights“. Bisher war Joja Wendt immer als Gastkünstler dabei, diesmal gestaltet er erstmals einen ganzen Abend mit einem eigenen Projekt. „Vier Pianisten – Ein Konzert“ ist der schlichte Titel für eine ungewöhnliche, ja einzigartige Produktion. Bei der Premiere in der Hamburgischen Staatsoper im vergangenen Jahr war das Publikum aus dem Häuschen.

Das Stück „Summertime“ verbindet alle am meisten miteinander

In Hamburg leben vier Pianisten, die alle gut miteinander befreundet sind. Jeder steht für ein eigenes Genre. Sebastian Knauer gab sein Konzertdebüt als klassischer Pianist mit 14 Jahren und ist seitdem auf den internationalen Konzertbühnen gefragt. Der Schwede Martin Tingvall hat sich mit seinem Trio in der europäischen Jazzszene etabliert und wurde mit drei Echos ausgezeichnet. Axel Zwingenberger ist das weltweit bekannte Urgestein des Boogie Woogie, das mittlerweile 30 CDs veröffentlicht hat und auch immer wieder mit dem Stones- Schlagzeuger Charlie Watts durch die Clubs zieht. Joja Wendt steht für stilübergreifende virtuose Klaviermusik. Er spielt Blues, Boogie und Jazz, präsentiert in seiner humorvollen Art aber auch gern angeschrägte Klassik.

Joja Wendt hatte die Idee, die vier Freunde gemeinsam auf die Bühne zu bringen: „Wir bewundern uns alle gegenseitig und begegnen uns auf Augenhöhe. Das ist die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Projekt. Wenn wir uns treffen, sprudeln wir vor Ideen, das teilt sich auch auf der Bühne mit. Gemeinsam wollen wir das Klavier in all seinen Facetten beleuchten.“ Alle vier sind Spezialisten auf ihrem musikalischen Terrain, alle vier sind aber auch offen und voller Neugier. „Für die Zuschauer ist es toll zu hören, wie wir vier dasselbe Stück spielen – jeder auf seine Weise“, sagt der Pianist, der mit Legenden wie Jerry Lee Lewis, Fats Domino, Chuck Berry und Joe Cocker die Bühne teilte.

Bei den Proben wurden erst einmal alle Ideen in einen Topf geworfen. Wo liegt der gemeinsame musikalische Nenner? Welche Stücke klingen in allen vier Stilen interessant? Über welches klassische Werk könnten die anderen drei improvisieren? Spannend wird es immer, wenn sich zwei oder mehr Pianisten an den beiden Flügeln niederlassen. Im Konzert erklingen klassische Werke, Jazzklassiker, Blues- und Boogie-Titel. Am Ende spielen alle vier das Stück, das sie am meisten verbindet: „Summertime“ von George Gershwin. „Ich war erst einmal skeptisch, schließlich hat jeder von uns seine eigene musikalische Welt“, meint der Jazzer Martin Tingvall. „An diesem Abend bauen wir aber tatsächlich Brücken, und die Grenzen verschwinden.“

Inzwischen liebt er es, über klassische Themen zu improvisieren. Schubert und Jazz, Rachmaninow und Boogie verschmelzen zu etwas Neuem. „Es gehen immer neue Türen auf. Ich bin überrascht und glücklich darüber, wie gut das Konzept aufgeht“, freut sich Tingvall, der für das besondere Quartett das Stück „Piano Men“ komponiert hat.

Für den Klassiker Sebastian Knauer war die Zusammenarbeit am schwierigsten. Wenn es um Klaviertechnik geht, ist er seinen Kollegen voraus, aber an Improvisation ist er nicht gewöhnt. In der klassischen Musik verlässt man sich auf die Noten. Ein Abweichen von dem, was die Komponisten aufgeschrieben haben, ist absolut nicht gestattet. Für die drei anderen Pianisten gehört die Improvisation zum Wesen ihrer Musik.

Vier ausverkaufte Konzerte haben die Virtuosen mit dem Programm in Hamburg gegeben. Sie sind in diesem Jahr auch wieder gemeinsam zum „Hamburger Pianosommer“ eingeladen. Es ist für sie ein Abenteuer, jedes Mal begeben sie sich auf eine neue Reise. Im Herbst setzt Joja Wendt, der Vladimir Horowitz und Keith Jarrett zu seinen Vorbildern zählt, seine Solo-Tournee „Die Kunst des Unmöglichen“ fort. Der gewitzte Entertainer liebt seine großen Konzertreisen, die ihn in die USA, nach Russland oder China führen. Kürzlich war er in Äthiopien und Uganda, auch nach Kasachstan ist er eingeladen.

Die klassische Musik ist auch für Jazz-Pianisten ein großer Fundus

Joja Wendt schätzt die Freiheiten, die er bei seinen Solo-Konzerten hat. Da kann er nach Herzenslust improvisieren, ganze Programmteile umstellen oder neu erfinden. Er liebt aber auch die Zusammenarbeit mit Orchestern, Big Bands oder in kleineren Formationen, denn das ist für ihn die Quelle der Inspiration.

Die Inspiration war selten größer als bei dem Projekt „Vier Pianisten – Ein Konzert“. Nicht nur Joja Wendt, sondern auch jeder seiner Kollegen hat dabei etwas Neues gelernt. Axel Zwingenberger musste sich plötzlich in den Jazz- Harmonien zurechtfinden. Martin Tingvall stellte sich technischen Herausforderungen, die er nicht gewöhnt war. Er lernte ganz neue Läufe und hatte dabei viel Spaß. Schließlich kann er sie später auch in seinen Solokonzerten verwenden. Sebastian Knauer zeigte seinen Kollegen, welche verschiedenen Ausdrucksformen die Klassik bietet. „Wir haben gemerkt, dass die klassische Musik auch für Jazzer ein großer Fundus ist. Alles befruchtet sich gegenseitig“, erklärt Joja Wendt.

Die vier Pianisten genießen ihre Zusammenarbeit wie eine Art genreübergreifenden Workshop. Wendt hat Jazz studiert, Knauer Klassik. Das sind zwei völlig unterschiedliche Studiengänge. Axel Zwingenberger hat gar nichts studiert, sondern sich sein Können autodi jedaktisch in den Clubs und in der Zusammenarbeit mit den alten Meistern erworben. „Jeder hat seine eigene Schule“, sagt Joja Wendt, „und auf wunderbare Weise kreuzen sich die Wege bei der Berlin-Premiere unseres Programms auf dem Gendarmenmarkt.“

VIER PIANISTEN

SONNTAG 23. Juli 19.30 Uhr

Joja Wendt, Sebastian Knauer, Axel Zwingenberger & Martin Tingvall

Klassik, Jazz, Boogie Woogie und Blues treffen am vorletzten Abend des Classic Open Air aufeinander. Doch nicht ein und derselbe Künstler wagt den Parforceritt durch die Genrelandschaft, gleich vier Pianisten – jeder ein Experte auf seinem eigenen Gebiet – wagen den Crossover. Der Hamburger Joja Wendt ist ein Jazz-Pianist, der schon mit Chuck Berry und Pur auf der Bühne stand und daneben erfolgreich Filmmusik komponiert. Sebastian Knauers Herz hingegen schlägt für die Klassik. Auf Konzertreisen durch Europa, die USA, Südamerika und Asien schlägt er einen Bogen von klassischen bis hin zu modernen Werken. Martin Tingvall ist wohl der „Poppigste“ im ungleichen Quartett. Der schwedische Jazz-Pianist und Songwriter wurde schon dreimal mit dem Echo ausgezeichnet und komponiert wie sein Kollege Joja Wendt von Zeit zu Zeit für Film und Fernsehen. Der vierte im Bunde fällt nicht nur durch seine seit Jahrzehnten unveränderte Frisur auf. Mit dem Boogie Woogie ist der Name Axel Zwingenberger mittlerweile untrennbar verwoben. Gemeinsam lassen die acht Hände durchkomponierte Stücke wie George Gershwins „Summertime“ in vier ganz individuellen Versionen erklingen. Daneben bleibt jedoch auch genug Raum für Improvisation und den Versuch, die Genregrenzen aufzulockern. Ein spannender Abend für das Classic Open Air, bei dem erstmals kein Orchester auf der Bühne sitzt, dafür vier Starpianisten, die jeweils das Beste auseinander herausholen werden – ganz sicher.

Spielfreudig und open-air-erfahren

Nach dem umjubelten Debüt: Das Theater Vorpommern kehrt mit „Dolce Vita“ zurück

Dirigiert eines seiner letzten Konzerte mit seinem Orchester: Generalmusikdirektor Golo Berg. Er geht nach Münster PROMO
Dirigiert eines seiner letzten Konzerte mit seinem Orchester: Generalmusikdirektor Golo Berg. Er geht nach Münster PROMO
MARTINA HELMIG

„Wie sie alle in einem Atem singen und spielen!“ – Festivaldirektor Gerhard Kämpfe schwärmt geradezu von der Leistung des Theaters Vorpommern, das im vergangenen Jahr sein Debüt beim Classic Open Air gegeben hat. Diesmal präsentiert das Ensemble ein italienisches Programm inmitten einer Inszenierung aus Licht und Feuer.

„Wenn wir in Berlin gut ankommen, freut es uns ganz besonders“, sagt Dirk Löschner, Intendant des Theaters Vorpommern. Von den Hauptstädtern wird das Opernensemble sonst bestenfalls im Urlaub wahrgenommen. Ein Berlin-Gastspiel versetzt die Solisten, Chor und Orchester in den Ausnahmezustand. Sie bringen große Spiellust, Kostüme und Requisiten mit.

Das Theater Vorpommern ist 1994 durch den Zusammenschluss der Theater in Stralsund und Greifswald entstanden. Zwölf Jahre später kam das Theater Putbus dazu. Bald soll noch eine Fusion mit den Ensembles aus Neubrandenburg und Neustrelitz erfolgen. Staatstheater Nordost wird der große Verbund dann heißen. Neben Opern bietet das Theater Vorpommern eine große Bandbreite an Schauspielen, Balletten, Musicals, Operetten, Konzerten und Kinderprogrammen.

„Ein wesentliches Anliegen von uns ist es, junge Sängerpersönlichkeiten auf einen guten Weg zu bringen. Das ist unsere wichtige und große Verantwortung“, meint der Intendant Dirk Löschner. Viele Nachwuchssänger unternehmen an seinem Theater ihre ersten Schritte, bevor sie an größere Häuser weiterziehen. Besonders stolz ist er aber auch auf seinen Chor: „Es ist einer der spielfreudigsten Opernchöre, die ich kenne.“ Vor drei Jahren hat die Zeitschrift Opernwelt die Sänger aus Vorpommern sogar als Chor des Jahres nominiert.

Einen Vorteil hat das Theater Vorpommern auf dem Gendarmenmarkt: Es ist ausgesprochen erfahren mit Open-Air-Veranstaltungen. 2003 hat es die Ostseefestspiele ins Leben gerufen, die von Juni bis August jedes Jahr rund 20.000 Besucher anzogen. Vor zwei Jahren hat das Theater sein Festival in „Ahoi – Mein Hafenfestival“ umbenannt. Mit einem bunt gemischten Programm bespielt es verschiedene malerische Open-Air-Kulissen an der Ostsee. Auch dort gestaltet das Ensemble unter dem Motto „Nessun Dorma“ italienische Opernnächte.

„In Berlin bieten wir vor der Pause Werke von Rossini, Donizetti und Verdi. Nach der Pause gehen wir zum Verismo, zu Mascagni, Leoncavallo und Puccini über“, erzählt der Intendant, der den Abend moderieren will. Natürlich gibt es auch Ausschnitte aus „Ein Maskenball“, der Verdi-Oper, die in Vorpommern gerade im März Premiere feierte. Für den Generalmusikdirektor Golo Berg wird der Abend letzter Höhepunkt, bevor er ans Theater Münster wechselt.

Drei Tenöre, hunderte Bläser

Der Trend, Virtuosen als Gruppe musizieren zu lassen, erreicht das Klavier

Placido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti 1996 PA/DPA
Placido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti 1996 PA/DPA
Im Juli 1990 jubelten nicht nur die deutschen Fans nach dem Finalsieg ihrer Equipe bei der Fußballweltmeisterschaft frenetisch, auch die Herzen sämtlicher Klassikconnaisseurs schlugen fortan höher. In der Nacht vor dem Endspiel lag der Fokus nicht auf sportlichen Höchstleistungen, sondern auf klassischem Genuss: In den römischen Caracalla-Thermen spielte unter der Leitung von Zubin Mehta ein 200-köpfiges Orchester vor Millionenpublikum an den TV-Geräten. Als Solisten traten erstmals die drei legendären Opernsängern Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras gemeinsam auf. Es war die Nacht, in der „Die drei Tenöre“ geboren wurden.

Spätestens seit diesem Jahr fesselt die Klassikszene immer wieder diese besondere Form der Bündelung individueller, teils virtuoser Talente. Konzertveranstalter setzten auch in den folgenden Jahren auf den Trend, viele Musiker des gleichen Instruments, der gleichen Stimmlage auf die Bühne zu stellen – und das in immer größeren Besetzungen. So verzückten elf Jahre nach dem WM-Auftritt die australischen „The Ten Tenors“ mit einem Überraschungsbeitrag beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2002 das TV-Publikum. Ihr deutsches Pendant, „Die zwölf Tenöre“, treten seit 2007 als musikalisches Dutzend auf und lassen massentauglich in Hallen und Konzertsälen die Grenzen zwischen klassischer und populärer Kultur verschmelzen. Auch die finnische Band Apocalyptica wandelt auf diesen Pfaden: Das Cellistenensemble, auf der Bühne durch Sänger verstärkt, produziert energetischen Metalpop. Bei Großveranstaltungen ist der Trend ebenso ein Dauerbrenner: Erst beim Kirchentag anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums kamen in Wittenberg hunderte Blechbläser zum gemeinsamen Musizieren zusammen.

Es verwundert daher nicht, dass auch beim diesjährigen Classic Open Air am vierten Tag nicht ein, sondern gleich vier Pianisten auf der Bühne stehen. Joja Wendt, Sebastian Knauer, Axel Zwingenberger und Martin Tingvall sind allesamt Experten auf ihrem Gebiet und bieten ein Crossover-Programm bestehend aus Klassik, Jazz, Boogie Woogie und Blues mit acht Händen an zwei Klavieren. Und auch in diesem Fall wird das Maß an geballter Virtuosität verzücken, denn das macht an diesem Phänomen der multiplen Besetzung schließlich den Reiz aus. MM


Dezent, seriös, zuverlässig: Der Ernst Senff Chor

MARTINA HELMIG

Im Berliner Musikleben sind sie eine feste Größe: Die Sänger des Ernst Senff Chors haben schon mit Dirigenten wie Herbert von Karajan, Zubin Mehta, Riccardo Muti und Carlo Maria Giulini gearbeitet. Große chorsymphonische Abende haben sie mit den Berliner Philharmonikern gestaltet. Nun unterstützen sie den Opernchor des Theaters Vorpommern, um die „Opera Italiana“ noch voluminöser und schlagkräftiger klingen zu lassen.

Sein 50-jähriges Jubiläum hat der Chor im vergangenen Jahr gefeiert. Da werden ein paar Sektkorken geknallt haben, aber nicht zu laut. Großes Spektakel gehört nicht zum Selbstverständnis dieses Chors. Die Sänger agieren eher dezent, seriös, zuverlässig. Ernst Senff, der damalige Chordirektor der Städtischen Oper Berlin, gründete den Chor 1966 und leitete ihn zweieinhalb Jahrzehnte lang. Heute liegt die künstlerische Leitung in den Händen von Steffen Schubert, der sich schon für Choreinstudierungen bei den Salzburger Festspielen und an der Oper Zürich verantwortlich zeichnet.

Der Schwerpunt liegt auf romantischer und zeitgenössischer Musik

In Berlin singen fünf Profichöre: die drei Opernchöre, der Rundfunkchor und der Rias-Kammerchor. Daneben gibt es eine große Zahl von Laienchören. Der Ernst Senff Chor ist ein semiprofessioneller Chor. Alle Sänger haben eine Gesangsausbildung, aber die meisten gehen anderen Berufen nach. Viele singen auch in den Extrachören der Berliner Opernhäuser. Flexibilität zählt zu den Erfolgsgeheimnissen des Ernst Senff Chors. Er tritt mal mit 20 und mal mit 120 Sängern auf. Das Repertoire schlägt einen weiten Bogen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, wobei die romantische und zeitgenössische Musik eine besonders große Rolle spielt.

Die Sänger machen sich ein Zitat von Richard Wagner zu eigen: „Musik ist die Sprache der Leidenschaft.“ Im Sommer treten sie gern und häufig bei Freiluftkonzerten auf. In der Waldbühne haben sie beispielsweise schon gastiert, und eine Woche nach dem Abend auf dem Gendarmenmarkt singen sie erneut mit den Solisten des Theaters Vorpommern, dann jedoch beim Heimspiel des Theaters auf der Hansawiese in Stralsund. MH

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