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Themenwelten Berliner Morgenpost
Inklusionspreis Berlin 2019

Inklusionspreis für kleine, mittlere und große Betriebe in Berlin

Der Inklusionspreis würdigt das Engagement kleiner, mittlerer und großer Betriebe für die Integration behinderter Menschen

Carola Rönneburg

Mehr als ein Zehntel der Mitarbeiter in der Berliner Produktion der Kühne-Gruppe sind schwerbehindert, aber gemerkt hatte das zunächst niemand. „Man nimmt doch vor allem die Persönlichkeit von Mitarbeitern wahr“, sagt Gunnar Gieske, Personalleiter des Standorts. Wenn jemand es mit körperlichen Beeinträchtigungen zu tun bekam, wurde einfach innerbetrieblich geregelt, wie er weiterarbeiten kann. Eine Kollegin aus der Zentrale in Hamburg schlug den Betrieb deshalb für den Inklusionspreis 2018 vor – mit Erfolg. Die Reinickendorfer gewannen in der Kategorie „Mittelständische Unternehmen“. Die Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach, lobte sie dafür, dass Menschen mit Handicap als vollwertige Beschäftigte integriert seien.
Martin Groß ist Beauftragter für Fahrgäste mit Behinderungen und Senioren bei der BVG. Er selbst hat eine Sehbehinderung. FOTO: JÖRN KÄSEBIER (2)
Martin Groß ist Beauftragter für Fahrgäste mit Behinderungen und Senioren bei der BVG. Er selbst hat eine Sehbehinderung. FOTO: JÖRN KÄSEBIER (2)
Den Preis in der Kategorie Großunternehmen erhielten die Berliner Verkehrsbetriebe. In ihren Werbekampagnen tritt die BVG gern offensiv und frech auf, dass die BVG aber weit über den gesetzlichen Vorgaben für eine Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen liegt, posaunt das öffentliche Unternehmen nicht laut hinaus. Dank der Auszeichnung haben es aber nun mehr Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs mitbekommen.

Das preisgekrönte Kleinunternehmen war im vergangenen Jahr Michael Görners Haushalts- und Betreuungsservice, etabliert vom selbst schwerbehinderten Gründer. Auf die Selbstständigkeit bereitete er sich mit einer Schulung durch Fachleute des Landesamtes für Gesundheit und Soziales vor. „Ich kann nur empfehlen, diese Beratung zu nutzen“, sagt der Unternehmer.

Fördern über die Vorgaben hinaus

Michael Görner Service Group
Michael Görner (2. v. r.) nahm alle Mitarbeiter zur Preisverleihung mit.
Michael Görner (2. v. r.) nahm alle Mitarbeiter zur Preisverleihung mit.
Mit einer Quote von 75 Prozent schwerbehinderter Mitarbeiter, darunter auch Lernbehinderte, liegt Michael Görners Kleinunternehmen weit über den gesetzlichen Vorgaben. Aber: „Quoten erfüllen heißt nicht fördern“, sagt er. Fördern bedeute zum Beispiel, Aufgaben verständlich und auch mehrfach zu erklären – oder jemanden über einen längeren Zeitraum morgens anzurufen, damit er pünktlich kommt. „Wir machen das einfach.“ Seine Firma bietet Hilfe in Haushalt und Garten sowie Betreuungsdienste für Senioren und Kinder. Gegründet hat Görner sie, als er nach vielen Berufsjahren im Garten- und Landschaftsbau selbst eine Schwerbehinderung attestiert bekam. Unterstützt durch Berater des Integrationsfachdienstes „enterability“, konnte er seine Geschäftsidee verwirklichen.

„Besonders geholfen hat mir die intensive kaufmännische Schulung“, erzählt Görner. Im nächsten Schritt will er seinen Service als Inklusionsbetrieb etablieren. Zur Preisverleihung 2018 trat der Chef nicht allein an. Sein gesamtes Team kam mit. „Das war schließlich auch eine Auszeichnung für die Mitarbeiter“, sagt Görner. „Wir wollten als eine Einheit herausgehen und uns zeigen. Und klar, alle waren stolz wie Bolle.“

Verpflichtung für die Zukunft

Kühne KG
Mitarbeiter von Kühne nahmen den Preis 2018 entgegen.FOTO: LAGESO BERLIN/ SANDRA RITSCHEL (2)
Mitarbeiter von Kühne nahmen den Preis 2018 entgegen.
FOTO: LAGESO BERLIN/ SANDRA RITSCHEL (2)
„Kollege ist Kollege“ lautet das Credo beim Berliner Standort des Lebensmittelherstellers Kühne. Deutlicher lässt sich wohl nicht sagen, wie wenig eine Schwerbehinderung in diesem Unternehmen ins Gewicht fällt. Traditionell arbeiten die Beschäftigten hier von der Lehre bis zur Rente, fünf Tage die Woche im Dreischichtbetrieb. Dass manche von ihnen im Laufe der Jahre nicht an allen Stationen der Produktionslinie so gut mithalten können wie als junger Mensch, ist bekannt. „Es ist nun einmal so –“, sagt Personalleiter Gunnar Gieske, „im Berufsleben erkranken Leute.“ Wichtig sei, die dann zu integrieren und Lösungen zu finden, wie sie weiter arbeiten können.

Von 275 Beschäftigten sind 30 schwerbehindert, „aber das spüren wir nicht“, so Gieske. Ohnehin wurde im Betrieb ein Rotationskonzept entwickelt: Im tageweisen Wechsel stehen die Mitarbeiter an unterschiedlichen Stationen, damit sie nicht einseitig belastet werden. Löste der Inklusionspreis „Mittelstand“ mehr aus als die Gewissheit, ihn zu Recht erhalten zu haben? Viel mehr, sagt Gieske: „Wir betrachten den Preis als Verpflichtung für die Zukunft und wollen auch, dass Leute von außen zu uns kommen können.“ Die Schwerbehindertenvertretung habe deshalb vorgeschlagen, eine Inklusionsvereinbarung zu schließen – im Grunde genommen eine Regelung, die den Satz „Kollege ist Kollege“ festschreibt. Berlin wäre damit Vorreiter unter den fünf Kühne-Standorten.

Von der Ausbildung bis zum eingerichteten Arbeitsplatz

Berliner Verkehrsbetriebe
Menschen mit Sehbehinderung können dank technischer Hilfsmittel zur Vergrößerung Dokumente auf ihrem Bildschirm lesen.
Menschen mit Sehbehinderung können dank technischer Hilfsmittel zur Vergrößerung Dokumente auf ihrem Bildschirm lesen.
Bereits vor drei Jahren unterzeichnete die BVG eine Kooperationsvereinbarung mit dem Annedore-Leber-Berufsbildungswerk (ALBBW). Das ALBBW bildet seit 40 Jahren junge gehandicapte Menschen in gesetzlich anerkannten Berufen aus. Die Azubis erhalten dabei ärztliche und psychologische Unterstützung, Förderunterricht und Hilfen im Alltag. Ziel ist, dass sie ihre Ausbildung mit bestandener Prüfung abschließen und einen Job in ihrem erlernten Beruf finden.

Durch die Kooperation erleben die ALBBW-Azubis im Ausbildungszentrum der BVG die Praxis, zum Beispiel in der Personalverwaltung oder in Bereichen der IT-Elektronik und Mechatronik, aber auch an anderen Orten, etwa in den Verkaufsstellen oder dem Callcenter. Gleichzeitig lernen die Ausbilder und Ausbilderinnen voneinander, hospitieren im Partnerbetrieb und nehmen an Fortbildungen teil. Als Gewinnerin des Berliner Inklusionspreises 2018 in der Kategorie „Großunternehmen“ spendete die BVG ihr Preisgeld von 10.000 Euro an „Annedore“, den Förderverein des ALBBW.

„Aktuell absolvieren neun Auszubildende mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ihre Ausbildung bei der BVG“, sagt Personalentwicklerin Irina Zueva. Insgesamt beträgt der Anteil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einer Schwerbehinderung bei der BVG 11,6 Prozent. Die BVG hat unter anderem mit der Integration von Menschen mit Sehbehinderung bereits viel Erfahrung gesammelt und Computerarbeitsplätze mit modernen technischen Hilfen eingerichtet. Dazu zählen Vergrößerungs- und Sprachprogramme, Großschrifttastaturen und sprachgesteuerte Telefone. Zueva schätzt die Zusammenarbeit mit der hausinternen Schwerbehindertenvertretung: „Das sind absolute Vertrauenspersonen, die auf die Ausstattung der Arbeitsplätze achten und es uns möglich machen, gute Rahmenbedingungen für alle zu schaffen.“

Die BVG nimmt auch an der Aktion „Schichtwechsel“ teil, bei der einmal im Jahr nicht behinderte Angestellte aus Berliner Unternehmen ihren Job mit Menschen tauschen, die in Werkstätten für Behinderte arbeiten. Von der BVG seien viele Führungskräfte in die Werkstätten gegangen, so Zueva. „Der Tag ist sehr gut angekommen.“

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