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Peter Pankow arbeitet in der Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst

Peter Pankow arbeitet in der Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst, ist Maler und Schauspieler. Ein Ausnahmetalent – und einer, der sich dafür einsetzt, dass seine Karriere nicht die Ausnahme bleibt

Peter Pankow im Atelier vor einem seiner Werke. FOTO: CHRISTOPHER WASMUTH

Christopher Wasmuth

„Peter Pankow – Künstler, Designer, Performer“, so stellt er sich im Gespräch vor. Pankow ist der Schöpfer des Titelbildes dieser Beilage. Er wurde 1968 in Berlin geboren. Seit 1995 arbeitet er in der Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst. Thikwa ist Hebräisch für Hoffnung. In Kreuzberg ist unter diesem Namen etwas Einzigartiges entstanden. Die Kooperation zwischen dem Theater Thikwa e.V., wo Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam Stücke entwickeln, und der Nordberliner Werkgemeinschaft (nbw) ist ein Atelier für Künstler mit Assistenzbedarf. Ein Ort für Kunst – ein Experiment. Mehr als 40 Menschen arbeiten hier in Vollzeit, schaffen und schöpfen.

Pankow ist ein Multitalent

Als Kind hatte Pankow einen Autounfall, lag lange im Koma. Er ist, so sagt er, „70 Prozent schwerbeschädigt“. Pankow wohnt betreut, hat eine Förderschule in Reinickendorf besucht und in den Mosaik-Werkstätten gearbeitet. „Ich bin voller Tatendrang“, erklärt er. „Ich habe mich schon als Gärtner beworben, war in der Kantine arbeiten, aber da macht es keinen Spaß. Ich habe mich für die Kunst entschieden.“
Ohne Titel (IX), 150 x 150 Zentimeter, Buntstift auf Papier, 2015 BILD: PETER PANKOW
Ohne Titel (IX), 150 x 150 Zentimeter, Buntstift auf Papier, 2015 BILD: PETER PANKOW
Pankow ist ein kämpferischer Mensch, ein Idealist. „Ich will etwas gegen die Ungerechtigkeit tun. Wenn wir auf der Bühne stehen und uns beweisen, sind wir auch cool.“ Er ist einer der gefragtesten Thikwa-Schauspieler. In diesem Jahr ist er in „Oz! Oz! Oz! (W)rap the Wizard!“ als Zauberer zu sehen, ein „verhindertes Musical“ nach dem Roman von Lyman Frank Baum. Im Zweipersonenstück „Protokoll Pankow“ hat er seine eigene Biografie erforscht. Gastspiele haben ihn durch Deutschland geführt, nach Zürich, Polen und Russland. Das Konzept macht Schule.

„Wenn ich nicht spiele, male ich“, sagt er. „Ich will das Schöne entwickeln.“ Renoir, van Gogh und da Vinci zählen zu Pankows Lieblingskünstlern, dazu finden sich Einflüsse von Klimt und Klee. Pankow geht es um „Hoffnung, Schönheit und Poesie“. Er sammelt Farben und Formen, Inspiration findet er überall: in Museen, in der U-Bahn, in den Straßen. Er verfremdet Eindrücke von Modenschauen und aus TV-Dokumentationen. Menschen tauchen bei ihm als Fabelwesen wieder auf, Figuren in fließender Bewegung. Natureindrücke übersetzt er in bunte Großformate. „Kunst ist, glücklich zu sein für eine Sekunde.“ Aber in seinen Werken ist viel Unruhe. Je länger man sie betrachtet, desto mehr Brüche und Schatten erkennt man.

Preisgekrönt und ambitioniert

Seine Arbeit „Bavaria Riff“ etwa ist Pankows Kommentar zur Umweltzerstörung. Im Titel klingt das australische Great Barrier Reef an. Das Werk ist an eine bayerische Seenlandschaft angelehnt und besteht aus zehn Teilen, einzeln gerahmt und kantig. „Alles Schöne wird kaputtgemacht“, sagt Pankow. Das Ensemble wirkt wie zerschnitten. Für diese Arbeit ist er im vergangenen Jahr mit dem Lothar-Späth-Förderpreis der Stadt Wehr (Baden-Württemberg) ausgezeichnet worden – der erste Preis im Wettbewerb. Pankows Werke waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Im September werden seine Arbeiten auf der „Positions Berlin Art Fair“ gezeigt. Pankow ist dort mit der Galerie Art Cru Berlin vertreten, die auf sogenannte Art brut oder Outsider Art spezialisiert ist.

Außenseiter? Damit ist er nicht zufrieden. Pankow wünscht sich Anerkennung, spricht von Stolz und Würde. „Ich möchte, dass wir genauso viel wert sind auf dem Kunstmarkt.“ Er träumt von Reisen und von großen Auftritten am Ku’damm: „Wir können was, wir sind gut.“ Er kennt die Hürden und Widerstände. Er will, so nennt er es, „Gleichgerechtigkeit“. Für manches mag Pankow länger brauchen, aber dafür kommt er direkt zur Sache.

Die Kunst zum Beruf machen

Die Thikwa-Werkstatt ist eine Kooperation zwischen dem Theater Thikwa e.V. und der Nordberliner Werkgemeinschaft (nbw) für Theater und Kunst. Sie hat ihre Arbeit 1995 als Modellversuch begonnen und ist inzwischen ein Ort für künstlerische Professionalisierung. Den Künstlern stehen hier Werkstätten für Schauspiel, Tanz, Malerei, Plastik, Handwerk, Grafik zur Verfügung.

Fidicinstr. 40
10965 Berlin
www.thikwa.de
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