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Inklusionspreis Berlin 2019

Berliner Senatorin für Integration im Gespräch

Elke Breitenbach ist Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Ein Gespräch über die Entwicklung der Inklusion am Arbeitsmarkt und bürokratische Hürden

Elke Breitenbach hofft, dass Betriebe, die Fachkräfte suchen, die Potenziale von Menschen mit Behinderungen erkennen. FOTO: FOTOSTUDIO CHARLOTTENBURG

Jörn Käsebier 

Berliner Morgenpost: Frau Breitenbach, eine Quote von fünf Prozent ist ab 20 Beschäftigten Pflicht, wie viele behinderte Menschen arbeiten in Berliner Ämtern?

Elke Breitenbach: Im Land Berlin sind 7,74 Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzt. Die Beschäftigungspflicht ist damit sogar übertroffen. In meiner Behörde kommen wir auf 12,42 Prozent.

Wie bewerten Sie die Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt allgemein?

In der Tendenz gut, aber noch lange nicht gut genug. Die Zahl schwerbehinderter Arbeitsloser ist ebenso gesunken wie die Zahl der Arbeitslosen insgesamt. In Berlin waren bei privaten und öffentlichen Arbeitgebern mit 20 und mehr Arbeitsplätzen im Jahr 2016 rund 5,4 Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten oder ihnen gleichgestellten Menschen besetzt. Damit liegt Berlin an der Spitze der Bundesländer, die einen Anteil von durchschnittlich 4,7 Prozent erreichen. Diese positiven Zahlen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen mit Behinderungen, insbesondere mit geistigen und psychischen Behinderungen, oftmals große Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.

„Das Wunsch- und Wahlrecht der Menschen mit Behinderung soll weiter gestärkt werden“

Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales

Mit dem Berliner Inklusionspreis werden Unternehmen unterschiedlicher Größe ausgezeichnet. Wie gut klappt die Eingliederung schwerbehinderter Menschen in den Betrieben?

Unabhängig von der Unternehmensgröße überzeugen viele Berliner Betriebe durch beispielhaftes Engagement. In zahlreichen großen sowie mittelständischen Unternehmen ist die Inklusion fest verankert. Diese Firmen haben für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Einschränkungen ein verstärktes Bewusstsein entwickelt und leben Inklusion. Neben den Förderungen der Rehabilitationsträger und des Integrationsamtes leisten die Firmen zum Teil beachtliche Investitionen in die technische Modernisierung von Arbeitsplätzen, oft im universellen Design. Dies bringt dann allen Arbeitserleichterungen. Kleinere Betriebe folgen oft den Empfehlungen des Reha-Bereichs der Agentur für Arbeit. Gerade für diese Betriebe sind die Fördergelder der Reha- Träger und des Integrationsamtes eine sehr wichtige Unterstützung. Ich kann nur dafür werben, sich dort beraten zu lassen.

Was müsste passieren, damit es weitere Fortschritte bei der Inklusion gibt? Immer wieder wird über zu lange Entscheidungsprozesse und bürokratische Hürden geklagt.

Mehr direkte Ansprache, mehr Informationen und gezielte Beratung können dabei helfen, dass Unternehmen mehr Menschen mit Behinderungen ausbilden oder einstellen. Viele Betriebe suchen ja jetzt händeringend nach Fachkräften. Die findet man auch, wenn man den Blick erweitert und auf die Potenziale von Menschen mit Behinderung lenkt. Deren Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt muss zu einer Selbstverständlichkeit werden. Auch Jugendliche mit Behinderung sollen einen möglichst hohen Schulabschluss erwerben und anschließend eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren können.

Wo sehen Sie weitere Chancen zur Verbesserung?

Darüber hinaus bietet gerade das neue „Budget für Arbeit“ die Chance, Menschen mit Behinderung, die Anspruch auf Leistungen im Arbeitsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen haben, eine Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das muss allerdings noch mehr genutzt werden! Auch die Digitalisierung in der Arbeitswelt schafft Möglichkeiten der Unterstützung.

Gemeinsam mit der Handwerkskammer haben wir den runden Tisch „Inklusion in den Berliner Ausbildungs- und Arbeitsmarkt“ initiiert. Daran beteiligt sind bislang die Sozialpartner, die Bundesagentur für Arbeit mit dem Kompetenzteam Inklusion des Arbeitgeberservices, andere Verwaltungen und die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Dieses Forum hat sich auch vorgenommen, bürokratische Hürden zu beseitigen. Das Integrationsamt hat bereits seine Antragsformulare vereinfacht.

Damit Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben, müssen sie mobil sein. Wie weit ist die Barrierefreiheit im Berliner Verkehr fortgeschritten?

Die BVG und das Land Berlin wollen bis 2020 alle U-Bahnhöfe mit Aufzügen und taktilen Leitsystemen ausstatten. Von den insgesamt 173 Berliner U-Bahnhöfen sind heute 127 stufenlos erreichbar. 119 Stationen haben Aufzüge, acht weitere verfügen über Rampen und 121 von ihnen über ein Blindenleitsystem.

Bei der S-Bahn sieht es noch etwas besser aus, rund 95 Prozent sind barrierefrei. Von 132 S-Bahnhöfen in Berlin sind 111 mit Aufzügen, 13 mit baulichen Rampen, 117 mit taktilen Leitsystemen und 87 mit Informationsrufsäulen ausgestattet. Bei den Berliner Regional- und Fernbahnhöfen erreicht die Barrierefreiheit rund 91 Prozent.

Alle Busse der BVG und fast alle Straßenbahnen sind für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste nutzbar. Für Seheingeschränkte werden gerade sprechende Fahrzeuge und Haltestellen getestet.

Aufzugstörungen können über die Online-Fahrauskunft von BVG und VBB eingesehen werden. Doch all das ist noch längst nicht ausreichend. Erst bei 100 Prozent Barrierefreiheit können wir zufrieden sein. Und nur dann, wenn auch alles funktioniert.

Teil des Bundesteilhabegesetzes ist, dass die Eingliederungshilfe auf die konkrete Person zugeschnitten werden soll. Wie weit ist Berlin mit der Umsetzung?

Ja, die individuelle Eingliederungshilfe ist das Ziel. In Berlin mussten wir damit nicht bei null beginnen, weil es hier schon das sogenannte Fallmanagement gab. Eine Verbesserung ist natürlich immer möglich.

Ein wichtiges Projekt, kurz vor der Erprobungsphase, ist das Teilhabeinstrument Berlin (TiB). Es soll gemeinsam mit den leistungsberechtigen Menschen den individuellen Bedarf ermitteln. Das Wunsch- und Wahlrecht der Menschen mit Behinderung soll so weiter gestärkt werden. Ich hoffe sehr, dass wir später sagen können: „Ja, es hat funktioniert!“


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