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Es zählt, was man kann 

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und schafft neue Berufe. Eine „Behinderung“ bietet dabei manchmal Chancen

Digitale Hilfsmittel erleichtern Menschen mit Behinderung die Arbeit ISTOCK/ALEXSL

VIA Blumenfisch gGmbH
Kein Sonnenstrahl erreicht den Arbeitsplatz. Für Ralf Kliesch ist das ideal. „Je heller die Umgebung ist, desto schlechter kann ich sehen“, sagt der 48-Jährige.

Ralf Kliesch ist so gut wie blind. Seit fast 20 Jahren arbeitet er im Vertrieb der Projektwerkstatt Teekampagne in Potsdam. Dank digitaler Hilfsmittel. Ralf Kliesch arbeitet mit zwei Monitoren, von denen einer mit einem Lesegerät verbunden ist. Eine eingebaute Kamera vergrößert die Dokumente so weit, dass selbst Kliesch, der nur noch über ein Prozent seiner Sehleistung verfügt, den Text lesen kann. Die Darstellung in gelber oder grüner Schrift auf schwarzem Grund macht das Erkennen zusätzlich einfacher. Ganze Bücher auf diese Weise zu lesen, wäre allerdings zu anstrengend. Hierbei hilft nun eine spezielle Software, die einen zuvor eingescannten Text vorliest. Auch Texte aus dem Internet und E-Mails kann das Gerät vorlesen. „Die Digitalisierung hat Hör- und Sehgeschädigten ein Tor geöffnet“, sagt er.

Der Forschungsbericht „Chancen und Risiken der Digitalisierung der Arbeitswelt für Beschäftigte mit Behinderung“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2016 weist aber auch auf Risiken hin, die mit der Digitalisierung einhergehen. Die Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter seien gestiegen. Einfache Tätigkeiten werden oft ins Ausland verlagert. Das größte Problem: die Vermittlung durch die Arbeitsagentur. Meist werden für bestehende Arbeitsplätze die passenden Mitarbeiter gesucht. Besser sei es, von den Kompetenzen des Bewerbers auszugehen.

„Wir wollten einen Menschen mit Behinderung einstellen“, sagt Thomas Räuchle, Geschäftsführer der Projektwerkstatt Teekampagne. Mit Ralf Kliesch habe man einen wahren Glücksgriff getan. „Er ist ein Verkäufer, wie er im Buche steht.“

Talente nutzen – das war auch der Ansatz von Dirk Müller-Remus, der 2011 den IT-Dienstleister Auticon gegründet hat. Dabei setzte er auf Asperger-Autisten. Die leiden unter einer milderen Form von Autismus verfügen häufig über ein Spezialwissen. Nur fünf Prozent der Autisten in Deutschland arbeiten in einem festen Job, unter den Aspergern sind es immerhin 20 Prozent.

Querdenker mit System

„Für Asperger-Autisten mit Spezialinteressen in Mathe und Informatik ist die Digitalisierung ein Segen“, sagt Roman Hinz, Niederlassungsleiter von Auticon in Berlin. „Wir schauen immer, was nicht funktioniert. Dabei gibt es Leute, die können einige Dinge besser als andere.“

Wie Martin Neumann. Der 56-Jährige liebt es, akribisch zu arbeiten, sich ganz auf ein Thema zu fokussieren. „Es war schon früh klar, dass ich anders bin als andere“, sagt der Informatiker. Später im Beruf kam es zu Problemen – weil er die Namen der Kunden nicht behielt und mit Höflichkeitsfloskeln nichts anfangen konnte. Mehr als 1000 Regeln bestimmen das menschliche Miteinander. Soziale Gepflogenheiten, das Lesen von Mimik und Gestik lernte Martin Neumann wie eine Fremdsprache.

Neumann ist für die Dauer eines Projektes beim Kunden vor Ort. Bevor er mit seiner Arbeit beginnt, schafft ein Jobcoach das Umfeld dafür, dass Neumann sich voll auf seine Aufgaben konzentrieren kann. „Wie die Wischer beim Eisstockschießen, die dafür sorgen, dass der Puck auf dem Eis besser gleitet.“ Und wenn er wieder einmal vergisst, seinen Kollegen einen guten Morgen zu wünschen, dann ist dort niemand beleidigt.
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