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Zukunft des RAW-Geländes in Friedrichshain

Das RAW-Gelände in Friedrichshain gehört zu den größten Entwicklungsgebieten innerhalb des S-Bahn-Rings. Was hier künftig passieren soll, wird kontrovers debattiert. Eines wird hier aber wohl nicht gebaut: neuer Wohnraum

Neben Hallen sind auch Freiflächen und Sitzgelegenheiten geplant. INTERNATIONAL CAMPUS

Lars Klaassen 

Die Größenvergleiche auf dem begehbaren Modell machten die Dimensionen erfahrbar: Der maßstabgerechte Reichstagsnachbau passte ebenso problemlos auf die Fläche wie der Grundriss des Alexanderplatzes. Im März 2018 wurde erstmals im Rahmen einer „Dialogwerkstatt“ über die Zukunft des RAW-Geländes in Friedrichshain debattiert. Im April und Juli ging es weiter. Die städtebaulichen Beteiligungsverfahren sollten laut Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg einen „kooperativen Prozess zwischen Eigentümer*innen, Nutzer*innen, Stadtteilbewohner*innen, Politik und Verwaltung“ anstoßen, damit „schrittweise eine gemeinsam getragene Vision für die Entwicklung des Areals“ entsteht. Die Pläne für das 71.000 Quadratmeter große RAW-Gelände nehmen mittlerweile konkretere Formen an, im Herbst soll der Masterplan vorgestellt werden. Über den wird aber weiterhin lebhaft debattiert.
Buwog Group
Neues Angebot aus Ruinen

Da sind einerseits die Investoren, mit klaren Vorstellungen, wie es dort einmal aussehen soll. Das Unternehmen International Campus (IC) etwa, europaweit Bauherr studentischer Wohnungen im großen Stil, ist Eigentümer von rund 17.000 Quadratmeter Fläche auf der östlichen Seite des Areals: „Die historischen Hallen des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks sind teils Ruinen, sie müssen zunächst einmal aufwendig wiederhergestellt werden, um sie dann neu bespielen zu können“, sagt der IC-Projektverantwortliche Andreas Malich. „Die Baumbestände bleiben so weit wie möglich erhalten und mit neuen Elementen wie Sitzgelegenheiten entstehen attraktive Freiflächen.“

Der bisherige Plan sieht den Abriss des größten Teils des RAW vor.

Das Gelände soll zudem durch Neubauten verdichtet werden. Wohnungen allerdings werden dabei wohl nicht entstehen, weder für Studierende noch für sonst jemanden. Denn genau dies wird auf dem gesamten Areal ausgeschlossen. Unter anderem lehnt die Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das ab. „Die kulturelle Nutzung wäre künftig gefährdet, wenn Anwohner sich über den Lärm beschweren“, argumentiert Bezirksbaustadtrat Florian Schmidt.

Wohnraum ist bislang nicht geplant. INTERNATIONAL CAMPUS
Wohnraum ist bislang nicht geplant. INTERNATIONAL CAMPUS
Hierin ist sich der Politiker mit den derzeitigen Nutzern einig, Kneipen und Clubs prägen das RAW-Gelände bislang. Zudem hielten die Dialogwerkstätten fest, dass die soziokulturelle Nutzung erhalten bleiben soll. „Eine Monokultur, die nur aus Nachtleben besteht, soll das allerdings auch wieder nicht bedeuten“, betont Schmidt. „Das Gelände soll den ganzen Tag auf über bis in die Nacht hinein von unterschiedlichen Menschen auf verschiedene Arten genutzt werden.“ Wichtig ist laut Dialogwerkstätten demnach: Kiez und RAW künftig stärker miteinander zu verbinden – nicht nur durch mehr Zugänge, sondern vor allem durch vielfältige Angebote.

„In wenigen Wochen öffnet in der ehemaligen Radsatzdreherei auf 4.500 Quadratmetern das House of Music, mit Proberäumen, Tonstudios und Musikausbildung“, sagt Lauritz Kurth, Juniorchef des gleichnamigen Familienunternehmens, das 2015 rund 52.000 Quadratmeter des Geländes gekauft hat. „Da ist Raum für die bisherige Kultur des RAW und Platz für Neues.“ Mit dem aus Friedrichshain stammenden Unternehmen Noisy Music und dem Netzwerk Music Pool Berlin ziehen dort Mieter ein, die in enger Nachbarschaft arbeiten. „Ohne unsere Entwicklung“, so Lauritz, „stünde hier noch eine ruinöse Halle ohne Nutzen für die Stadt“. Bei IC wiederum sind eine Schule und eine Kita Thema, außerdem Coworking, Ateliers, eine Schwimmhalle sowie Veranstaltungsräume für Initiativen aus der Nachbarschaft. Was davon in welcher Form und zu welchen Konditionen kommen kann, hängt für die Eigentümer aber auch von den künftigen Rahmenbedingungen ab. Wie dicht und wie hoch zwischen dem Bestand neu gebaut werden darf, ist noch nicht ausgemacht.

Bonava
Initiative fordert Strukturerhalt
Auch ein öffentliches Bad könnte auf dem Gelände entstehen. INTERNATIONAL CAMPUS
Auch ein öffentliches Bad könnte auf dem Gelände entstehen. INTERNATIONAL CAMPUS
„Der bisherige Strukturplan sieht den Abriss des größten Teils des RAW vor und ermöglicht enorme Baumassen sowie Hochhäuser“, kritisiert Carsten Joost, der mit seiner Planungsagentur eine Alternative entwickelt hat. „Der Bestand soll den Hauptmaßstab bilden.“ Die Initiative RAW-Kulturensemble, bei der auch Joost aktiv ist, hat mit einem Einwohnerantrag das Instrument der „städtebaulichen Erhaltungsverordnung“ in die Diskussion gebracht. Deren Ziel ist der Erhalt einer besonderen Bebauungsstruktur sowie der Schutz des vorhandenen Nutzungsspektrums. Neubauten sollen sich demnach in das bestehende Ensemble einfügen und Nutzungen, die wichtige stadträumliche Funktionen erfüllen, werden geschützt. Der Antrag wird am 27. März in der BVV behandelt.

Wie auch immer das RAW-Gelände in einigen Jahren aussehen mag: Das in Berlin vieldiskutierte Thema Wohnraum wird auf einem der größten Areale in der Stadt keine Rolle spielen. Darüber zumindest sind sich fast alle Beteiligten einig.

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