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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2017

„Ich lebe nur für die Musik“

Lucia Aliberti feiert ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum mit einem Belcanto-Abend auf derm Gendarmenmarkt

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„Hoffentlich muss ich auf der Bühne nicht weinen. Es wird ein sehr emotionaler Abend“, sagt Lucia Aliberti. Beim Classic Open Air feiert die Sopranistin ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Außerdem wird ihr auf der Bühne ein besonderer Preis verliehen: der Bellini d’oro, den vor ihr schon Größen wie Montserrat Caballé, Luciano Pavarotti und Grace Bumbry bekamen. „Eine romantische Nacht – Arien des Belcanto von Puccini bis Verdi“ heißt ihr Konzert. Es wird ein Abend voller Koloraturen und Farben, denn die „Königin des Belcanto“ hält Hof. Mit dem russischen Tenor Pavel Kolgatin an ihrer Seite singt sie Höhepunkte aus ihrem Repertoire, auch Arien und Duette von Verdi und Puccini und – zum ersten Mal – populäre Volkslieder wie „O sole mio“. An diesem besonderen Abend stellt sie auch drei preisgekrönte Nachwuchssänger vor.

Berlin ist für Lucia Aliberti ein ganz spezieller Ort. 1983 hat sie an der Deutschen Oper Berlin ihren ersten triumphalen Erfolg mit „Lucia di Lammermoor“ gefeiert. Danach war sie Stammgast an dem Berliner Opernhaus. Hier hat sie viele ihrer großen Partien gesungen, in „Der Liebestrank“, „La Sonnambula“, „I Puritani“, „Anna Bolena“ und „Beatrice di Tenda“. Von Berlin aus ist der Belcantostar in die weite Opernwelt zwischen New York, Mailand, London und Wien aufgebrochen. Die Sizilianerin ist aber immer wieder an die Spree zurückgekehrt und hat Galaabende gegeben. Die Berliner Fans sind ihr immer treu geblieben.

Vor dem ersten Open-Air-Konzert hat sie sich allerdings lange geziert. Freiluftkonzerte mit ihren unvorhersehbaren Wetterbedingungen sind nicht ganz ungefährlich für empfindliche Sängerkehlen. Auch das Singen mit Verstärkung war sie nicht gewöhnt. Doch dann stand sie auf dem Gendarmenmarkt und verliebte sich sofort in den Platz und das besondere Festival. Nun ist sie schon zum vierten Mal dabei.

„Als Kind war ich ein Multitalent, ich spielte sieben Instrumente“, erzählt die Sopranistin aus Messina. Die warmherzige Italienerin plaudert gern und hat ein ansteckend fröhliches Lachen. Ihr Talent hat sie wohl von ihrem Großvater, einem Dirigenten. Doch auch ihre Eltern – eine Lehrerin und ein Anwalt – waren große Musikliebhaber. Früh studierte sie am Konservatorium ihrer Heimatstadt Messina Musiktheorie, Dirigieren und Klavier, doch mit 13 Jahren entschied sie sich für den Gesang.

Karajan warf sie nach zwei Jahren raus, doch vergessen hat er sie nie

Sie legte auch ein Diplom als Schullehrerin ab, doch dann gewann sie mehrere Opernwettbewerbe, und der Weg auf die großen Bühnen war frei. 1977, also vor 40 Jahren, gab sie in Spoleto ihr Debüt mit Rossinis „Il cambiale di matrimonio“. „Es war sehr aufregend, ich habe Tage davor gezittert. Doch als ich dann auf die Bühne trat, habe ich mich sofort wohlgefühlt und gemerkt: Das ist mein Haus“, erinnert sie sich.

Ihren Lehrern ist sie bis heute dankbar. Sie war die letzte italienische Schülerin von Luigi Ricci, der noch mit Puccini und Mascagni gearbeitet hatte. Von ihm hat sie Belcantotechnik und Disziplin gelernt. Auch Herbert von Karajan und Alfredo Kraus zählt sie zu ihren Lehrern. Nach ihrem sensationellen Berliner Debüt besuchte Karajan eine ihrer Vorstellungen und lud sie ein, mit ihm zu arbeiten. Zwei Jahre lang haben sie gemeinsam Konzerte in Berlin und Salzburg gegeben und Plattenaufnahmen gemacht.

Dann kam es zum Streit, weil der Maestro die junge Sängerin in „Il trovatore“ einsetzen wollte. „Ich war viel zu jung für diese Oper und sagte ihm das mit allem Respekt“, erinnert sie sich. Karajan warf sie hinaus und wollte sie nicht wiedersehen. Einen Monat vor seinem Tod schrieb er allerdings, dass er Lucia Aliberti gern in der Oper „Norma“ hören würde. „Es ist dann nicht mehr dazu gekommen, aber er hat mich nie vergessen.“

Mit Alfredo Kraus hat sie zwölf Jahre lang auf den Bühnen der Welt gestanden. Von ihm lernte sie, die Stimme gut zu pflegen und die richtigen Werke auszuwählen. „Lucia, du musst alt werden mit einer jungen Stimme. Es gibt zu viele junge Sänger mit alten Stimmen“, hat er ihr immer wieder gesagt. La Scala, die Met, die Bayerische Staatsoper – alle großen Häuser standen ihr offen. Trotzdem hat sie sich auf ein überschaubares Repertoire beschränkt und nicht mehr als 30 Vorstellungen im Jahr gesungen.

Als Primadonna ist sie eine bekennende Perfektionistin. Lucia Aliberti stellt die höchsten Ansprüche an sich selbst und auch an die Menschen, mit denen sie arbeitet. Sie braucht nicht zu viele und nicht zu wenige Proben, ein oder zwei Tage Pause zwischen Generalprobe und Aufführung und ein Klavier im Hotelzimmer. Schließlich möchte sie für ihr Publikum in Topform sein. „Ich bringe viele Opfer“, sagt die charismatische Diva, die in Monte Carlo und Mailand lebt. Eine Vorstellung von „Beatrice di Tenda“ in der Mailänder Scala hat sie sogar mit einer Nierenkolik durchgestanden.

„La Straniera“ und „Beatrice di Tenda“ sind die Opern, die sie am liebsten gesungen hat. „Ich bin eine durch und durch romantische Persönlichkeit“, sagt Lucia Aliberti, die sich in großen Ausstattungs-Inszenierungen wohl fühlt. „Ich habe auch nichts gegen moderne Inszenierungen, wenn sie intelligent gearbeitet sind und Respekt vor dem Komponisten und den Sängern haben.“ In einer „Norma“-Inszenierung sollte sie einmal eine Stunde lang mit den Füßen im Wasser stehen, da hat sie abgesagt. „So etwas hält meine Stimme nicht aus.“

Inzwischen gibt sie sehr viel mehr Konzerte als Opernvorstellungen. Sie ist stolz darauf, für Papst Johannes Paul II, Prinz Hiro von Japan, Fürst Albert von Monaco und den Präsidenten von Turkmenistan gesungen zu haben. „Prinz Charles ist ein humorvoller Gentleman“, sagt sie. Für ein Foto mit ihm wollte sie sich anders aufstellen. „Warum?“ fragte der Prinz. „Weil meine große Nase dann vorteilhafter aussieht“, antwortete sie. „Oh, die Nase, lachte Prinz Charles. „Dieses Problem kenne ich sehr gut.“ Vor dem Konzert für Königin Sirikit in Bangkok gab es eine große Zeremonie. Alle mussten eine Stunde lang in gebeugter Haltung knien. Nur die Sängerin bekam eine Ausnahmegenehmigung.

Wenn sie gerade keine Konzerte gibt, erholt sich Lucia Aliberti, indem sie im Garten arbeitet oder für Freunde Spaghetti alla Norma kocht. Oder sie restauriert alte Möbel. Außerdem ist sie jetzt Tante. Von ihren drei Geschwistern hat nur ihr jüngster Bruder Kinder bekommen. „Costanza ist zwei Jahre alt und Matilde zwei Monate. Ich bin verrückt nach ihnen.“ Kinder sind für die Sängerin eine ganz neue Erfahrung. Sie selbst hat nie geheiratet. „Ich habe immer all meine Energie für die Bühne aufbewahrt. Ich lebe nur für die Musik.“

EINE ROMANTISCHE NACHT

FREITAG 21. Juli 19.30 Uhr

Roman Brogli-Sacher dirigiert die Norddeutsche Philharmonie Rostock HOLGER BRAACK
Roman Brogli-Sacher dirigiert die Norddeutsche Philharmonie Rostock HOLGER BRAACK
Auch Mezzosopranistin Sandra Borgarts gehört zu den Gratulanten PROMO
Auch Mezzosopranistin Sandra Borgarts gehört zu den Gratulanten PROMO
Zum Bühnenjubiläum singt Lucia Aliberti Arien des Belcanto

Sie gilt als unantastbare Königin des Belcanto: Lucia Aliberti. Seit nunmehr 40 Jahren brilliert die italienischstämmige Opernsängerin auf Bühnen in der ganzen Welt. Beim Classic Open Air lädt sie zu „einer romantischen Nacht“, in der sie „Arien des Belcanto von Puccini bis Verdi“ singt. Doch allein wird sie dieses Konzert nicht gestalten. Anlässlich ihres Bühnenjubiläums sind zahlreiche Gratulanten angereist. Unter ihnen ist der russische Startenor Pavel Kolgatin sowie mit Sopranistin Sandra Borgarts und den Künstlern Grzegorz Sobczak und Viktor Shevchenko eine Reihe aufstrebender Nachwuchskünstler. Den sinfonischen Part übernimmt die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Leitung ihres Dirigenten Roman Brogli-Sacher. Durch den italienischen Schmuseabend führt Nadine Schori.

Ein Startenor und drei junge Stimmen

Startenor Pavel Kolgatin PAVEL MOLCHANOV
Startenor Pavel Kolgatin PAVEL MOLCHANOV
Schon einmal durfte Pavel Kolgatin der Duettpartner von Lucia Aliberti sein. Das war ganz am Anfang seiner Sängerlaufbahn vor sieben Jahren beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen. Nun freut sich der Tenor auf die Wiederbegegnung. Seine Karriere hat sich glänzend entwickelt. Seit fünf Jahren ist er Ensemblemitglied an der Wiener Staatsoper und singt dort große Rollen wie Graf Almaviva und Don Basilio. Er hat in Salzburg, Neapel, Dresden und immer wieder am Moskauer Bolschoi-Theater gesungen. Gemeinsam mit der „Königin des Belcanto“ wird er sich in Donizettis „L‘elisir d’amore“ und „Lucia di Lammermoor“ vertiefen.

Die Moderatorin des Abends, die Schweizer Schauspielerin Nadine Schori, wird zudem drei Nachwuchssänger vorstellen. Die Mezzosopranistin Sandra Borgarts begann im Extrachor des Essener Aalto-Theaters. Sie studierte in Rostock und sang ihre erste Rolle an der Oper Halle: den Ferdinand in Yasmin-Melissa Engelkes Oper „Die Verwicklungen des Herrn Schikaneder“. Grzegorz Sobczak aus Polen studierte ebenfalls in Rostock. In Poznan und Bydgoszcz stand er als Papageno und Figaro auf der Bühne. Zwei Jahre lang sammelte er erste Ensembleerfahrungen im Opernelitestudio des Theaters Lübeck. Seit Dezember ist er nun wieder in Rostock.

Der Bassbariton Viktor Shevchenko aus der Ukraine studierte Geige und Dirigieren, bevor er seine Stimme entdeckte. Nach dem Gesangsstudium gewann er mehrere internationale Wettbewerbe. Gastspiele führten den jungen Sänger nach Deutschland, Frankreich, Schweden und an die Wiener Staatsoper. Seit acht Jahren ist er als Solist an der Nationaloper Odessa engagiert. MH

Was ist Belcanto?

GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO
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MARTINA HELMIG

Belcanto – das ist ein verwirrend vielseitig gebrauchter Begriff. Nicht nur, weil sich Laienchöre, Gesangsstudios, aber auch Restaurants und Boxspringbetten so nennen. Verbreitet ist das Missverständnis, dass Belcanto einfach nur „schöner Gesang“ bedeutet. Die Übersetzung aus dem Italienischen ist zwar richtig, aber Fachleute wissen, dass viel mehr dahinter steckt. Auch sie sind sich aber nicht einig, ob mit Belcanto eine Gesangstechnik, ein Musikstil oder ein Repertoire bezeichnet werden soll.

Der Begriff ist erst im 19. Jahrhundert für die italienische Gesangskunst entstanden, die den Wohlklang der Stimme in den Mittelpunkt stellt. Die Ära des Belcanto reicht vom frühen 17. Jahrhundert über die große Zeit des barocken Kastraten-Ziergesangs bis zum frühen Verdi. Im engeren Sinn bezeichnet Belcanto aber den abschließenden Höhepunkt dieser Opernepoche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gioachino Rossini, Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini und sind die Hauptvertreter.

Farben schimmern besonders schön im Reich des Belcanto. Es geht um den reich verzierten Sologesang, der sich in Anlehnung an instrumentale Spieltechniken entwickelte, um Beweglichkeit, Ausgeglichenheit, die Veredlung der Tonbildung und Nuancierungskunst der Stimme. Die Sänger brillieren in Bravourarien mit dem „Instrument“ ihrer Stimme. Geschmeidige Legato-Verbindungen zwischen allen Tönen sind ein Hauptmerkmal der Belcanto-Technik. Sie verlangt außerdem die Beherrschung einer speziellen Atemtechnik, die Übung des An- und Abschwellens eines Tons („Messa di voce“), mühelose Koloraturen und Verzierungen wie Appoggiaturen und Portamentos. Die Improvisationskunst, die ursprünglich zum Belcantostil gehörte, fand mit Rossini ihr Ende, da er die Gesänge bis ins Detail festlegte. Donizetti und Bellini bereicherten den Belcanto in seiner goldenen Epoche mit expressiven Zügen.

Als Sänger braucht man eine „saubere“ Stimme, denn die Begleitung in Belcanto-Opern ist leicht und durchsichtig. Aber gleichzeitig benötigt man auch Kraft, um so etwas wie die Wahnsinnsarie aus „Lucia di Lammermoor“ oder Maria Stuardas wilden Wutausbruch zu interpretieren. In diesem Repertoire dominieren die tragischen Heroinnen, die leidenschaftlichen und mordenden Frauen. Die unkeusche Oberpriesterin Norma und die unglückliche Königin Anna Bolena, die am Ende wahnsinnig wird wie Lucia di Lammermoor, gehören dazu.

In Verdis Frühwerken wie „Un giorno di regno“, „I due Foscari“ und „Attila“ sind die Belcanto-Einflüsse von Donizetti und Bellini noch offensichtlich. Danach wird der Ziergesang abgelöst vom dramatischen Ausdrucksgesang. Der Belcantostil schien fast vergessen, ehe er in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine Renaissance erlebte und es wieder Sänger gab, die sich auf den alten Stil einließen und das Publikum dafür begeisterten.

Bellini, Rossini, Donizetti – das ist Lucia Alibertis Welt. Sie hat die traditionelle Kunst des Belcanto, des Ziergesangs, der Koloraturen, die Technik des nuancenreichen Pianissimo jahrzehntelang studiert. Die leisen Töne liebt sie besonders. Immer wieder wird sie nach ihrer Piano-Technik gefragt. Sie möchte Melodien mit der Stimme malen. Diese Metapher gebraucht sie gern. Belcanto beschreibt sie als das Gefühl, sanft von einer Blume aus Samt berührt zu werden. Für eine Sängerin wie Lucia Aliberti, die sich vor langer Zeit auf dieses Repertoire spezialisiert hat, ist Belcanto auch ein Lebensgefühl, das sie umgibt wie eine zweite Haut.
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