Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Handball-WM 2019

Von Hoffnungsträgern und Arbeitstieren

Auf welche deutschen Nationalspieler es in der Vorrunde in Berlin ankommt

Füchse-Torhüter Silvio Heinevetter (l.) ist mit seinen Paraden ein starker Rückhalt für das deutsche Nationalteam. FOTO: SVEN SIMON/PA

Inga Böddeling    

Berlin - Es ist gerade wieder die Zeit, in der überall der letzte Hauch von Weihnachten entfernt wird, in der die Tannenbäume aus dem Fenster fliegen und Platz gemacht wird für Neues, für einen frischen Start in das Jahr. Kurz vor Beginn der Handball-Weltmeisterschaft, die vom 10. bis zum 27. Januar in Deutschland und Dänemark ausgetragen wird, räumt deshalb auch Christian Prokop auf. „Es ist Zeit für eine neue Identität“, sagt der Bundestrainer. Der immer noch mit den Altlasten vom Januar 2018 zu kämpfen hat, mit diesem enttäuschenden neunten Platz bei der EM in Kroatien, den unerfüllten Hoffnungen an ihn. Und mit dem Image der Bad Boys. Jenem Charakter, den Cheftrainer Dagur Sigurdsson dem Team vor drei Jahren auferlegt hatte. Böse Jungs, die hart, aber nicht unfair spielen. Doch das Team von 2018, es hatte so gar nichts mehr von diesem willensstarken Charakter. Aus bösen Jungs waren zahme Handballer geworden. Also Schluss damit. „Es ist ein neues Zeitalter“, sagt Prokop. Das alte Image und die alten Lasten sollen einer neuen Identität und neuen Erfolgen weichen. Damit Prokops zweiter Anlauf als Bundestrainer die Erwartungen an seinen ersten Versuch erfüllen kann. Auch deshalb ist Prokops Vorfreude auf die WM so groß, weil der 40-Jährige endlich zeigen will, dass er es doch besser kann.
Bundestrainer Christian Prokop will bei seinem zweiten großen Turnier vieles besser machen als noch bei der EM 2018. FOTO: ROSE/BONGARTS/GETTY
Bundestrainer Christian Prokop will bei seinem zweiten großen Turnier vieles besser machen als noch bei der EM 2018.
FOTO: ROSE/BONGARTS/GETTY
„Wir wollen als deutsche Nationalmannschaft wahrgenommen werden“, sagt Prokop. Was so einfach klingt, wird harte Arbeit. Die er nicht ohne seine Mannschaft leisten kann. Das Vertrauen, das der Leipziger nach umstrittenen Taktik- und Personalentscheidungen im vergangenen Jahr verloren hatte, hat er sich zurückerkämpft. „Wir wollen jetzt unsere eigene Geschichte schreiben und nach vorne schauen“, sagt er.

Doch nicht nur der Trainer kämpft. Acht Europameister von 2016 stehen im Kader, sechs von ihnen enttäuschten beim Versuch der Titelverteidigung. Sie waren Titelträger, die die Fußstapfen, die vom Triumph übrig geblieben waren, nicht mehr ausfüllen konnten. Obwohl es ihre eigenen waren. Aber die Mannschaft, die nun die WM im eigenen Land bestreiten darf, sie soll sich nicht mehr in Europameister und Enttäuschte unterteilen.

Prokop will eine Mannschaft, die sich mindestens ins Halbfinale (25. Januar in Hamburg) kämpfen soll. Eine Mannschaft, in der jeder seine Rolle hat, niemand Alleingänge macht und alle füreinander einstehen.

Die Berliner Nationalspieler Fabian Wiede (l.) und Paul Drux können mit ihrem Heimvorteil in der Vorrunde ein entscheidender Faktor für die Mannschaftsleistung sein. FOTO: WOLF/FOTOSTAND
Die Berliner Nationalspieler Fabian Wiede (l.) und Paul Drux können mit ihrem Heimvorteil in der Vorrunde ein entscheidender Faktor für die Mannschaftsleistung sein. FOTO: WOLF/FOTOSTAND
Das Torhüter-Duo mit Andreas Wolff und dem Berliner Silvio Heinevetter, die sich durch beeindruckend starke Paraden gegenseitig zu Höchstleistungen anstacheln. Das Kreisläufer-Trio aus Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Jannik Kohlbacher, die sich mit vollem Körpereinsatz und Durchsetzungsvermögen in Abwehr und Angriff zu unermüdlichen Arbeitstieren entwickelt haben. Kapitän Uwe Gensheimer und Abwehrchef Finn Lemke, die als Führungsspieler vorangehen sollen, wenn der Rest der Mannschaft schwächelt. Und dann wäre da noch die Spielmacherposition in der Rückraum Mitte – der Überraschungsfaktor in Prokops Team. Mit dem Berliner Fabian Wiede (24) und Routinier Martin Strobel (32) hat Prokop einen Mix zur Verfügung, auf den sich die gegnerische Abwehr nur schwer einstellen kann.

Wiede, der Linkshänder, der 2018 noch verschmäht zuschauen musste, mit seinem Hang zu den wichtigen Toren. Strobel, der Rechtshänder, der in der Zweiten Liga spielt, mit seiner Erfahrung und dem Blick für die intelligenten Spielzüge. Zwei Hoffnungsträger, die die zuletzt verwaiste Mittelposition wieder zum Herzstück der deutschen Mannschaft machen sollen.

„Charakterlich haben wir hier nur Jungs, die alle unbedingt dabei sein und ihr Bestes für Deutschland geben wollen“, sagt Torhüter Wolff. Es ist also alles angerichtet für eine WM, die den Schaden des vergangenen Jahres vergessen machen soll. Der Weg der Wiedergutmachung startet in Berlin. Wo die deutsche Mannschaft in der Mercedes-Benz Arena in der Vorrunde gegen Weltmeister Frankreich, Russland, Serbien, Brasilien und ein vereintes Team aus Korea um den Einzug in die Hauptrunde kämpft (19. bis 23. Januar in Köln). Alle Spiele mit deutscher Beteiligung sind nahezu ausverkauft. Es wird auf die DHB-Auswahl ankommen, dass sie diesen Heimvorteil nutzt. Bevor es für ein mögliches Finale nach Herning in Dänemark (27. Januar) gehen würde.

Der WM-Kader

Tor: Andreas Wolff (THW Kiel), Silvio Heinevetter (Füchse Berlin).
Linksaußen: Uwe Gensheimer (Paris St. Germain/ FRA), Matthias Musche (SC Magdeburg).
Rückraum links: Finn Lemke (MT Melsungen), Fabian Böhm (TSV Hannover-Burgdorf), Steffen Fäth (Rhein-Neckar Löwen), Paul Drux (Füchse Berlin).
Rückraum Mitte: Martin Strobel (HBW BalingenWeilstetten), Fabian Wiede (Füchse Berlin).
Rückraum rechts: Steffen Weinhold (THW Kiel), Franz Semper (SC DHfK Leipzig).
Rechtsaußen: Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen).
Kreis: Patrick Wiencek (THW Kiel), Hendrik Pekeler (THW Kiel), Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen).
Weitere Artikel