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Themenwelten Berliner Morgenpost
Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung

Hilfe zur Selbsthilfe

In einem Haus an der Reichenberger Straße in Kreuzberg leben und arbeiten Männer und Frauen, die an HIV, Aids oder chronischer Hepatitis erkrankt sind. Dort erhalten sie seit mehr als 20 Jahren ambulante, psychosoziale Unterstützung

Ein gutes Team: Lara Franco, Doris Steimanis und Angelika Dzemailova (v.l.). BARBARA DIETL

Im kommenden Jahr feiert Doris Steimanis ihr 20-jähriges Betriebsjubiläum. Das Betreute Wohnen an der Reichenberger Straße, ein Haus mitten in Kreuzberg, in dem HIV-, Hepatitis- und Aids-Erkrankte unter einem Dach leben, wurde am 1. April 1999 eröffnet. Genauso lange ist auch Steimanis bereits mit an Bord. Die Arbeit bereitet ihr Freude, anders lässt sich nicht erklären, warum sie all die Jahre geblieben ist und eifrig daran mitarbeitete, dass sich aus dem einstigen Vorzeigeprojekt mittlerweile eine gestandene Institution entwickelt hat, die im Kiez fest verankert ist. Neben dem Wohnhaus, in dem derzeit fünf Frauen und 22 Männer leben, umfasst das Haus mit der Orangerie auch ein Café-Restaurant. „Die Anerkennung und Wertschätzung für unsere Arbeit ist schon gewaltig“, sagt Steimanis, die ihr Haus in der Vergangenheit auch schon Politgrößen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gezeigt hat. Doch die Zeiten waren nicht immer einfach.

„Am Anfang sind viele Klienten gestorben“, erinnert sich Steimanis. „Innerhalb der ersten acht Monate sind neun von 19 Bewohnern von uns gegangen, die schon bei ihrem Einzug deutlich von der Krankheit gezeichnet waren.“ Damals war die Not groß, denn die medizinische Lage war noch nicht so gut, wie sie heute ist. Zudem machte dem Team an der Reichenberger Straße der knapp berechnete Versorgungsschlüssel zu schaffen. Die Arbeit, die anfiel, war kaum zu bewältigen. Heute sieht die Situation in beiderlei Hinsicht zum Glück besser aus: Viele der Bewohner können dank guter medizinischer Versorgung nach einiger Zeit wieder in die Selbstständigkeit entlassen werden, und auch der Versorgungsschlüssel wurde auf ein vertretbares Niveau angehoben. „Auch wenn es manchmal den Anschein erweckt, so sind wir doch kein Hospiz“, gibt Steimanis zu bedenken. „Wir sind vielmehr eine ambulante Einrichtung, deren primäres Ziel darin besteht, unsere Bewohner wieder fit für ein eigenständiges und selbstorganisiertes Leben zu machen. Das Ziel ist es, das höchstmögliche Maß an Eigenständigkeit zu erreichen. Unser Credo ist daher, den Bewohnern immer nur die Hilfestellung zu geben, die sie auch wirklich benötigen.“
Seit 1999 unterstützt das Kreuzberger Haus Erkrankte. ZIK
Seit 1999 unterstützt das Kreuzberger Haus Erkrankte. ZIK
Dass es um das höchstmögliche Maß an Selbstständigkeit geht, zeigt sich bereits an der Organisation des Hauses. Die Bewohner leben in eigenen kleinen Wohneinheiten, mit einem Wohn- und Schlafraum, einer eigenen Küche, Badezimmer und sogar einer Klingelanlage, um eigenständig Besuch zu empfangen. Wer in das Haus einziehen will, bekommt zwei Dokumente: einen Miet- und einen Betreuungsvertrag. Um das Amtliche kümmern sich das Team von der Zuhause im Kiez (ZIK) gGmbH.

Die Klienten kommen freiwillig in die Einrichtung, die unweit des Drogen-Hotspots Kottbusser Tor liegt. Bei einem ersten Treffen „beschnuppern“ sich die Wohnungssuchenden und die Hausleitung zunächst einmal. Ein paar Tage später wird telefoniert. Wenn es für beide Seiten passt und auch die verschiedenen Ämter die finanzielle Unterstützung bewilligen, darf eine freie Wohneinheit neu bezogen werden.

Anders als in der Anfangszeit stabilisiert sich bei vielen Klienten die Lebenssituation. So ziehen viele nach kurzer Zeit wieder aus, da in der Regel der dringende Wunsch besteht, wieder autonomer leben zu können. Doch der Weg zurück in die Selbstständigkeit ist nicht leicht.

Verwurzeltim Kiez

Denn vergessen werden darf nicht: Wer in die Reichenberger Straße kommt, hat zahlreiche Probleme. Dazu zählen oftmals fehlende familiäre Bindungen, der falschen Freundeskreis, Schulden und mitunter auch Süchte und Abhängigkeiten. Neben der medikamentösen, pflegerischen und psychosozialen Unterstützung geht es in dem Haus in erster Linie darum, sinnvolle (Freizeit-)Beschäftigungen anzubieten und aufzuzeigen. Das kann die Arbeit in einer Tagesstätte sein oder eine ehrenamtliche Tätigkeit – am einfachsten geht das im hauseigenen Restaurant, der Orangerie, in dem auch Klienten anderer ZIK-Einrichtungen arbeiten.

In dem Kiezrestaurant, das vor allem mittags sehr beliebt ist, treffen nicht nur die Anwohner auf die Menschen aus dem Kiez, die Bewohner der Einrichtung sorgen vielmehr selbst für den reibungslosen Ablauf. „Die Menschen sind in allen Bereichen des Betriebs eingebunden und arbeiten in der Küche, im Service oder am Tresen“, sagt Nicola Nieboj, die Leiterin der Orangerie. Die Kiezbewohner nehmen das Angebot seit vielen Jahren gut an, das Haus erfreut sich großer Beliebtheit. Auch innerhalb der Einrichtung geht es um gute und gesunde Nachbarschaft. In einem offenen Bereich können sich die Bewohner der Reichenberger Straße begegnen, zudem gibt es ein vielfältiges Betreuungs- und Gemeinschafsangebot, beispielsweise eine Kochgruppe.

Die Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert. Etwa 30 Prozent der Bewohner schaffen es innerhalb der ersten beiden Jahre, das Haus wieder zu verlassen und fortan auf eigenen Beinen zu stehen. Auch beim möglichen Auszug helfen Steimanis und ihr Team den Klienten, auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt wieder eine Wohnung zu finden. „Doch auch bei denjenigen, die länger bei uns bleiben, sehen wir viele Fortschritte“, sagt Steimanis. „Unser Ziel ist es, die Hilfe für die einzelnen Klienten kontinuierlich anzupassen.“

Das 20-jährige Jubiläum, das nun ansteht, ist Anlass genug, die Einrichtung als grandiosen Erfolg zu zelebrieren, zu dem auch die Deutsche Aids-Stiftung mit ihren finanziellen Zuwendungen beigetragen hat. Doch die Hürden bleiben weiterhin hoch. Dass Wissen darum, dass die Finanzierung noch immer ein heikles Thema ist, macht Steimanis auch nach fast 20 Jahren noch zu schaffen. „Ich wünsche mir, dass die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes im Land Berlin im Sinne der Klienten erfolgen wird und der niedrigschwellige Zugang zu unseren Leistungen weiterhin gewährleistet ist“, sagt sie. Der Erfolg der Reichenberger Straße spricht eigentlich dafür, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen sollte.

Wie Positive durchs Leben gehen

Dank wirksamer antiretroviraler Therapien scheint der Schrecken um Aids gebannt. Doch wie lebt es sich mit HIV?
Stephan Kemsies auf der Dachterrasse des Wohnprojekts. ROUVEN KÜHBAUCH
Stephan Kemsies auf der Dachterrasse des Wohnprojekts. 
ROUVEN KÜHBAUCH
Rouven Kühbauch

HIV? Das habe ich schon, seit ich 16 bin“, sagt Stephan Kemsies und winkt ab. Der 52-Jährige wohnt seit 2011 in einer betreuten Einzelwohnung in der Einrichtung Zu Hause im Kiez (ZIK) in Kreuzberg. Auch wenn sich das Betreuungsangebot an HIV-Kranke richtet, war der Grund für den Einzug eine Krebserkrankung. Infolge dieser wurde Kemsies am Gehirn operiert und er verlor einen Großteil seiner Erinnerungen. Noch im Krankenhaus musste er sich rechtliche Betreuung suchen. Über einen Bekannten, der für ZIK arbeitet, kam er dann zum Wohnprojekt. Stephan Kemsies wohnt und arbeitet hier auch: Einerseits in der Orangerie, außerdem im Café Kurve, einem Projekt für psychisch Kranke. Er erhält eine Erwerbsunfähigenrente, die Jobs sind sein Zuverdienst. Mittlerweile sind die meisten seiner Erinnerungen wiedergekommen. Doch der Krebs hat seine Spuren hinterlassen. Sein Sehnerv ist geschädigt, weshalb sein Auge häufig zuckt. Vor seiner Erkrankung stand er voll im Berufsleben. Er ist gelernter Konditor und arbeitete lange in der Gastronomie.

In den 80er-Jahren angesteckt

1984 lebte er zusammen mit seinem Freund in Braunschweig, als er im Zuge einer Blutspende die Diagnose „positiv“ erhielt. Das HI-Virus war erst kurz davor entdeckt worden. Eine Therapie war noch weit entfernt. Die Boulevardpresse, erzählt Kemsies, habe damals die Angst vor Aids geschürt und das Klischee der „wilden Schwulen“ und „ihrer“ Krankheit verbreitet. Es war aber auch die Zeit, in der Aids noch einem Todesurteil gleichkam. Viele schwule Prominente verstarben, es war ein medialer Schockmoment. Und es traf eben nicht nur Prominente. Wer sich mit HIV ansteckte, konnte nicht auf eine Behandlung, geschweige denn Heilung hoffen. Der Arzt, der Stephan Kemsies die Diagnose mitteilte, schickte ihn nach Hause. Er solle sich melden, sobald es ihm schlechter gehe.

Anfang der 90er-Jahre zog Kemsies nach Berlin, wo er erstmals eine Therapie erhielt. Wie genau diese damals aussah, weiß er nicht, er erinnert sich aber an die Anzahl der Tabletten: 20 morgens und 20 abends, sie hatten einen schlechten Beigeschmack. Nebenwirkungen gab es bei ihm aber nicht.

Die Zeit bis zur ersten Therapie blieb nicht ohne Folgen. Kemsies Immunsystem war angegriffen. Er kann nicht sagen, ob die Krebserkrankung erst durch das Virus kam, er will es aber auch nicht ausschließen. Einige krebsauslösende Viren bekommen durch die Immunschwäche tatsächlich bessere Chancen, man spricht von opportunen Erregern.

Heute sieht die Situation für HIV-Positive anders aus. Wird die Infektion rechtzeitig behandelt, kann das Virus im Körper nicht viel ausrichten. Moderne antiretrovirale Kombinationstherapien sorgen dafür, dass das Virus im Körper nicht mehr nachweisbar ist. Das ist mittlerweile auch bei Kemsies der Fall. Heute schluckt er täglich zwei Tabletten gegen HIV, ansonsten spielt das Virus in seinem Alltag keine Rolle mehr. Die Virenlast ist „unter der Nachweisgrenze“.

Trotzdem ist er froh, ein Wohnprojekt speziell für HIV- und Aids-Kranke zu haben. Denn noch heute werden HIV-Positive oft diskriminiert. Im ZIK muss er sich darum keine Gedanken machen. Jedoch war Kemsies kurz nach seinem Einzug verwundert, wie wenige Homosexuelle hier wohnen. Modellrechnungen des Robert-Koch-Instituts legen nahe, dass in Deutschland etwa 4,9 bis 6,7 Prozent der Männer, die Sex mit anderen Männern haben, mit einer HIV-Infektion leben. In Großstädten ist der Anteil eher größer. Betrachtet man die Gesamtbevölkerung, sind es etwa 0,11 Prozent, die mit dem Virus leben.

Auch daher empfinden vor allem heterosexuelle HIV-Positive oft ein größeres Stigma. Und auch im ZIK geht längst nicht jeder so offen mit seinem HIV-Status um wie Stephan Kemsies. In Braunschweig hielt er die Infektion noch geheim, aber spätestens im Rahmen der Krebsdiagnose haben es auch seine Eltern erfahren.

Nach wie vor fühlt sich Stephan Kemsies im ZIK wohl, doch irgendwann endet sein Betreuungsstatus. Dann müsste er wahrscheinlich wegziehen und den Kiez verlassen. Blickt er in die Zukunft, ist das seine größte Sorge, denn hier hat er viele enge Freundschaften und eine Arbeit, die ihm gefällt.

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