Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Handball-WM 2019

Heimvorteil als Fluch und Segen

Bei den Siegchancen scheint entscheidend zu sein, wer Gast und wer Gastgeber ist. Stecken Fakten hinter der Vermutung?

Grund zum Feiern: Unter Bundestrainer Heiner Brand (r.) gewann die deutsche Mannschaft 2007 das WM-Finale gegen das polnische Team in Köln. FOTO: PA/NORDPHOTO

Berlin - Das Geheimnis des Heimvorteils liegt im Mund. Mithilfe von Speicheltests konnten britische Forscher jüngst nachweisen, dass die Anfeuerungsrufe des Publikums bei der Heimmannschaft einen besonderen Testosteronschub auslösen. Es handele sich um eine Art Revierverhalten, so die Wissenschaftler. Wer zu Hause spielt, verteidigt also in gewisser Weise sein Territorium.

Den deutschen Handballern ist das in der Geschichte der Weltmeisterschaften bereits zweimal erfolgreich gelungen. Besonders das als Wintermärchen bekannte Turnier 2007 dürfte dabei vielen noch in Erinnerung sein, als Deutschland im Finale in Köln angefeuert von 19.000 enthusiastischen Zuschauern Polen mit 29:24 bezwang und sich die WM-Krone aufsetzte.

Zuvor hatte man bereits 1938 im eigenen Land triumphiert, als die WM erstmals ausgetragen wurde – jedoch mit lediglich vier Teilnehmern und sechs Spielen an zwei Tagen. Nur 1978 konnten die Deutschen den Titel im Ausland holen, in Dänemark nämlich. Dass das Finale der WM dieses Jahr wieder in dem skandinavischen Königreich stattfindet, dürfte das deutsche Team als gutes Omen deuten.

2019 wird die WM zum 26. Mal ausgetragen. Sechs Titel sind bisher an die Gastgeber gegangen: Deutschland gewann 1938 und 2007, Schweden 1954, Frankreich 2001 und 2017, Spanien holte 2013 den Titel. Auffällig ist, dass der Heimvorteil seit 2001 besonders deutlich zum Tragen kommt: Gleich vier Mal gingen die Gastgeber siegreich aus dem Turnier hervor. Kroatien 2009 sowie Katar 2015 wurden im eigenen Land Vizeweltmeister.

Als weitere Erklärung für den Heimvorteil wird oft genannt, dass sich die Unparteiischen von den Rufen des Heimpublikums beeindrucken lassen und gerade in strittigen Situationen tendenziell eher weiterspielen lassen, anstatt eine Entscheidung gegen die Heimmannschaft zu pfeifen. Die Deutschen mussten das vor vier Jahren beim Turnier in Katar erfahren, als sie auch aufgrund einiger fragwürdiger Pfiffe der Schiedsrichter im Viertelfinale gegen den Gastgeber den Kürzeren zogen. Selbst Katars spanischer Trainer Valero Rivera räumte nach der Partie ein: „Wenn dieses Spiel in Deutschland ausgetragen worden wäre, hätten es die Deutschen gewonnen.“

Ein Selbstläufer ist der Heimvorteil aber trotzdem nicht. Eine zu hohe Erwartungshaltung des Heimpublikums kann auch zum Bumerang werden und für zusätzlichen Druck sorgen. 2007 beim bislang letzten deutschen WM-Erfolg war dieses Phänomen anfangs zu beobachten. In der Vorrunde unterlagen die Gastgeber den Polen, gegen die sie im Finale erneut antreten sollten. Der vermeintliche Heimvorteil habe das Team gerade zu Beginn des Turniers stark gehemmt, erzählte Torhüter Henning Fritz später. „Irgendwann haben wir uns das Heimrecht dann zum Vorteil gemacht, sind ein bisschen lockerer geworden, haben das Publikum mitgenommen und die Emotionen geweckt.“ Genau darauf hoffen die deutschen Handballer auch dieses Mal wieder. Philip Häfner

TV-Deal mit ARD und ZDF schürt die WM-Euphorie

Berlin - Ein Gewinner der Handball-WM steht schon fest: der TV-Zuschauer. Erstmals seit 2013 findet die WM wieder im Free-TV statt, einem zweiten Wintermärchen nach dem Titelgewinn 2007 steht zumindest übertragungstechnisch nichts mehr im Wege. Bei der bislang letzten WM im eigenen Land wurde Deutschland vom Handball-Fieber gepackt, beim Finalsieg gegen Polen schauten im Schnitt 16,17 Millionen Zuschauer zu – bis heute gültiger TV-Rekord der Sportart.

Kein Wunder, dass die Freude über den neuen TV-Vertrag mit ARD und ZDF bei den Verantwortlichen des Deutschen Handballbundes (DHB) groß ist. Zumal der Deal die Übertragung aller WMs und EMs bis 2025 beinhaltet, also auch die der EM 2024 in Deutschland. „Das gibt uns und unseren Sponsoren eine gigantische Planungssicherheit, um unsere Sportart noch populärer zu präsentieren“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann. Bundestrainer Christian Prokop weiß, dass er und seine Spieler ab sofort unter stärkerer Beobachtung stehen. „Wir wissen um unseren Auftrag, was wir für diese Sportart tun können“, sagte Prokop: „Im Optimalfall werden unsere tollen Leistungen einem breiten Publikum transportiert.“ Bei den beiden vorangegangenen Weltmeisterschaften hatten deutsche TV-Zuschauer ohne Pay-TV noch in die Röhre geschaut. 2015 sprang kurzfristig der Bezahlsender Sky ein, 2017 wurden ausgewählte Spiele von einem DHB-Sponsor im Internet übertragen. ARD und ZDF hätten schon damals die Spiele gern live übertragen. Aber die Verhandlungen mit den früheren Rechteinhabern MP, Silva und beIN-Sports waren schwierig.

Umso mehr freute sich ZDF-Intendant Thomas Bellut über die „Kontinuität in der Berichterstattung“ durch den langfristigen Deal mit dem neuen Rechteinhaber Lagardère Sports. Die Deutschen spielen mindestens einmal zur Primetime: Am 15. Januar gegen Frankreich (20.30 Uhr). Sollte sich das Team für die Hauptrunde qualifizieren, liefe ihr erstes Spiel am 19. Januar auch 20.30 Uhr. sid

Weitere Artikel