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Themenwelten Berliner Morgenpost
Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung

Abseits der großen Leinwand

Das Thema HIV/Aids fristet in der Kunst wieder ein Nischendasein

1966, als der US-amerikanische Pop-Art-Künstler Robert Indiana seine Skulptur „Love“ erschuf, war die Welt noch in Ordnung. „Love“ war ein in Stein gemeißeltes Statement für die freie Liebe. 20 Jahre später entwarf das kanadische Künstlerkollektiv General Idea die „Aids Wallpaper“ und ersetzte dafür Indianas „Love“ durch „Aids“ – als Folge der Liebe.

Wieder zwei Jahre später, 1988, kuratierte Frank Wagner mit „Vollbild Aids – Eine Kunstausstellung über Leben und Sterben“ eine erste große Schau in Berlin zu diesem The ma. Neu war vor allem, dass die Künstler – darunter etwa die Berliner Salomé, Rinaldo Hopf, Rainer Wahnsinn und viele andere – eigens Arbeiten dafür anfertigten. Sie nutzten diese Schau auch zur persönlichen Verarbeitung des Themas und machten ihre Ängste und privaten Gedanken dazu öffentlich. Auch Arbeiten der inzwischen an der Krankheit verstorbenen Künstler Peter Hujar und Rolf von Bergmann wurden gezeigt.

Aktionen in der Innenstadt

Denzel Washington und Tom Hanks in „Philadelphia“. PA/ UNITED ARCHIVES/TBM
Denzel Washington und Tom Hanks in „Philadelphia“. PA/ UNITED ARCHIVES/TBM
„Aids ist ein Faktor in der kulturellen Dimension unserer Gesellschaft geworden, der sich nicht nur durch den Tod manifestieren soll“ – so hieß es damals in der Pressemitteilung. Dabei beließen die zumeist homosexuellen Künstler es nicht, in den Austellungsräumen zu bleiben. Die Gruppe General Idea machte Plakataktionen in der Innenstadt, das New Yorker Künstlerkollektiv Gran Fury präsentierte eine Installation in einer Berliner Buchhandlung. Rund 25 Jahre später, 2013, kuratierte Frank Wagner erneut eine Ausstellung zum Thema Aids – und wieder für die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin. „Love Aids Riot Sex“ war zweiteiliges Projekt angelegt. Der erste zeigte Arbeiten, die in den Jahren 1987 bis 1995 entstanden sind. Damals stand der von der Krankheit geschundene Körper im Mittelpunkt. Es war ja auch eine Zeit, in der die Diagnose Aids ein Todesurteil war. Ab 1995 wurden die ersten antiretroviralen Medikamente entwickelt, ab 1996 wurde die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) eingesetzt. Heilbar war die Krankheit zwar immer noch nicht, aber ihr Ausbruch ließ sich hinauszögern. Sie wurde chronisch.

Entsprechend hat sich der künstlerische Blick verändert. Das zeigte dann auch der zweite Teil von „Love Aids Riot Sex“, der die Zeit nach 1996 behandelte: Die Infizierten, längst keine Todgeweihten mehr, fordern Respekt. Etwa die drogenabhängige Petra, die der Berliner Fotograf und Künstler Ono Ludwig für sein Triptychon „We can be heroes, just for one day“ porträtierte und offen in die Kamera blicken ließ. Am Pranger steht die Pharmaindustrie, die von der Krankheit profitiert: „Aids is good business for some“ blinkte die Lichtinstallation des dänischnorwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset von der Wand.

„120 BPM“ (o.) und „Sorry Angel“. SALZGEBER&COMPANY MEDIEN (2)
„120 BPM“ (o.) und „Sorry Angel“. SALZGEBER&COMPANY MEDIEN (2)
In den Mainstream gelangte das Thema schließlich 1993. Ein Jahr bevor in Berlin die erste Opern-Gala für Betroffene von Aids stattfand, kam der Film „Philadelphia“ in die Kinos. In der Hauptrolle glänzte Tom Hanks, die Musik stifteten Neil Young und Bruce Springsteen, beide bekannt für ihr gesellschaftliches Engagement. 220.000 Amerikaner waren bis dahin an Aids gestorben. „Philadelphia“ setzte sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit an Aids Erkrankten und Homosexuellen auseinander. Aids galt zu dieser Zeit noch als Problem von Schwulen. Die Hauptfigur, Andrew Beckett, ein erfolgreicher Anwalt, ist beides–und wird schließlich entlassen. Beckett verklagt seinen Arbeitgeber wegen Diskriminierung. Seine Familie und seine Freunde stehen hinter ihm. Der schwarze Star-Anwalt Joe Miller, der Homosexuelle verabscheut, lehnt dessen Verteidigung zunächst ab. Am Ende siegen Mitgefühl und Menschlichkeit über die Vorurteile – der Anwalt übernimmt den Fall und gewinnt ihn. Aids und die Überwindung von Ausgrenzung wecken große Gefühle.

Aids im Arthouse-Kino

Die Skulptur „Aids“ (1989) reagiert auf Robert Indianas Kunstwerk „Love“ (1966), das in Philadelphia zu sehen ist. PA/MATT ROURKE, EPA KEYSTONE KEFALAS
Die Skulptur „Aids“ (1989) reagiert auf Robert Indianas Kunstwerk „Love“ (1966), das in Philadelphia zu sehen ist. PA/MATT ROURKE, EPA KEYSTONE KEFALAS
Heute muss man sich fragen, ob Aids als kulturelles und gesellschaftliches Thema wieder in den Hintergrund gerückt ist. Es wird zunehmend als Problem in Afrika gesehen – ist also weit weg.

Dennoch kamen in jüngster Zeit wieder zwei Filme in die Kinos, die sich mit dem Stoff befassen: Das französische Filmdrama „120 BPM“ feierte 2017 auf dem Filmfest in Cannes unter Standing Ovations Premiere. Der Film, der im Paris der 1990er-Jahre spielt, handelt von einer Gruppe Aids-Aktivisten, die das Thema in die Politik tragen und mehr Aufklärung und bessere Betreuung für Betroffene fordern. In diesem Jahr wurde „120 BPM“ gleich sechsmal mit dem César, dem wichtigsten französischen Filmpreis, ausgezeichnet und lief bereits auf allen namhaften Festivals von Venedig bis Toronto. Ende Oktober dieses Jahres startete „Sorry Angel“ in den deutschen Kinos. Auch dieser Film spielt auf dem Höhepunkt der Aids-Krise 1993 und erzählt von der Liebe in Zeiten von Aids, wenn sich der ältere, an Aids erkrankte Jacques in den jungen Arthur verliebt. In Frankreich hat Regisseur Christophe Honoré schon lange einen großen Namen, nicht nur als Regisseur. Er beschäftigte sich bereits im Roman „Ton père“ und dem Theaterstück „Les Idoles“ mit dieser Krankheit. In seinem Jugendroman „Mein Bruder Leo“ (1996) beschreibt er seine Geschichte aus der Perspektive eines Zehnjährigen, dessen Bruder Aids hat.

Das Thema taucht in der Kunst immer wieder auf. Aber die ganz große Leinwand bespielt es derzeit wohl nicht.

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