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Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung

„Eine Impfung ist wahrscheinlicher als eine Heilung“

Professor Hendrik Streeck vom Universitätsklinikum Bonn erklärt im Interview, wie es um die aktuelle Aids-Forschung bestellt ist

Bald wird ein HIV-Impfstoff erprobt, der Schutz vor der Infektion bieten soll. FOTO: PORNPAK KHUNATORN / ISTOCK

Max Müller 

Berliner Morgenpost: Herr Professor Streeck, in den 80er-Jahren, als HIV- und Aids-Erkrankungen überall auf der Welt auftraten, gab es neben viel Unwissenheit auch große Angst vor einer Übertragung. Heute scheint die Krankheit aus dem Blickfeld gerückt zu sein und Aids seinen tödlichen Schrecken verloren zu haben. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Hendrik Streeck: Vorweg muss klargestellt werden, dass HIV nach wie vor nicht heilbar ist, weshalb das Thema einfach nicht aus dem Bewusstsein verschwinden darf. Problematisch ist es vor allem dann, wenn HIV nicht erkannt und nicht therapiert wird. Für den Patienten bedeutet es im schlimmsten Fall den Tod, zudem ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung unlängst höher als bei Infizierten, die behandelt werden und durch deren Medikamenteneinnahme eine Übertragung ausgeschlossen werden kann. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass es in Deutschland rund 11.000 infizierte Menschen gibt, die noch nichts von ihrer Krankheit wissen. Das Risiko einer Ansteckung besteht also weiterhin. Gleichwohl hat die Forschung in den vergangenen Jahren große Sprünge gemacht: Es gibt effektive, gut funktionierende Medikamente, durch die mit dem HI-Virus infizierte Menschen eine nahezu gleiche Lebenserwartung haben wie gesunde Menschen.
Hendrik Streeck ist HIV-Forscher und berät als Mitglied des Kuratoriums den Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. FOTO: KATHARINA WISLSPERGER / UK BONN
Hendrik Streeck ist HIV-Forscher und berät als Mitglied des Kuratoriums den Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. FOTO: KATHARINA WISLSPERGER / UK BONN
Wie kommt es, dass noch immer so viele Ansteckungsfälle in Deutschland unerkannt sind?

Die Barriere, sich testen zu lassen, ist noch immer hoch. Damit einher geht auch die Gefahr der bewussten oder unbewussten Stigmatisierung. Das beobachten wir vor allem im ländlichen Raum, wo es häufig nicht genügend für das Thema sensibilisierte Ärzte gibt, gerade für die Risikogruppen, wozu Homosexuelle oder Prostituierte zählen. Einen Fortschritt bedeutet eine in diesem Jahr von Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU initiierte Maßnahme, die erstmals den Verkauf von HIV-Schnelltests in Drogerien möglich macht. Diese Tests sind sehr zuverlässig, kosten allerdings Geld. Zumindest im Hinblick auf die Kosten sind die Angebote der Deutschen Aidshilfe, von Checkpoints und Gesundheitsämtern niedrigschwelliger. In dem Zusammenhang möchte ich drauf hinweisen, dass es bei einer akuten Ansteckungsgefahr die Chance gibt, die Infektion noch innerhalb der ersten drei Tage abzuwehren. Die Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP, wird von jeder Notaufnahme verschrieben. Dabei gilt: Je schneller gehandelt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, gesund zu bleiben.

Wie sieht denn die Entwicklung im Präventivbereich aus?

Im Bereich der Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP, gibt es gute Nachrichten. Allen voran konnten in den vergangenen drei Jahren die Kosten für die vorbeugenden HIV-Medikamente drastisch von anfänglich 800 Euro pro Monat im Zulassungsjahr 2016 auf bis zu 40 Euro im Jahr 2019 gesenkt werden. Und selbst dieser Beitrag ist seit Neuestem „hinfällig“. Seit September übernehmen, ebenfalls auf Bestrebungen von Gesundheitsminister Jens Spahn, die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die medikamentöse Prophylaxe gegen HIV. Das ist ein Novum und wird von vielen Medizinern als positiv bewertet. Die Bedingungen sind ein Mindestalter von 16 Jahren sowie die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe. Vor der Ersteinnahme gibt es eine Begleituntersuchung, bestehend aus einer Reihe von Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten, auch die Nierenfunktion wird geprüft.

Können Sie in aller Kürze skizzieren, wie sich die Behandlung erkrankter Patienten in den vergangenen Jahren entwickelt hat?

Die Forschung vom Jahr 1984 bis in die Gegenwart hat eine rasante Entwicklung durchgemacht. Aus der tödlichen Krankheit ist eine chronische Krankheit geworden, die zwar nach wie vor nicht heilbar, aber doch gut zu handeln ist. Auch die Medikation hat sich in den Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Mussten Patienten anfangs noch eine Handvoll Pillen mit teils starken Nebenwirkungen schlucken, ist heute in vielen Fällen nur die Einnahme einer einzigen, kleinen und vielfach nebenwirkungsfreien Tablette nötig. Derzeit werden Langzeitdepots erprobt, deren Wirkung mehrere Wochen anhält. Zudem forschen wir an Mikroimplantaten, die kontinuierlich ihre Dosis abgeben und womöglich bis zu ein Jahr lang ausreichen.

Ist eines Tages eine Heilung möglich?

Ich glaube, nichts ist unmöglich. Und tatsächlich gab es in der jüngeren Vergangenheit in zwei Fällen bereits Beispiele, in denen die Heilung funktioniert hat. Diese Patienten hatten allerdings neben ihrer HIV-Erkrankung auch eine Form des Blutkrebses. Die Behandlung und die damit einhergehende Stammzellentransplantation war extrem toxisch. Es hätte auch tödlich ausgehen können, weshalb diese Therapieform nicht für die breite Masse geeignet ist. Ich halte eine Impfung für wahrscheinlicher als eine Heilung. In Kürze wird in Ländern Südamerikas und Europas ein neuer Impfstoff erprobt. Wir hoffen auf einen fast 70-prozentigen Schutz. Ob es so kommt, wird sich allerdings erst in einigen Jahren zeigen.
 

Biografie

Prof. Dr. med. Hendrik Streeck ist promovierter Mediziner und seit Oktober dieses Jahres neuer Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Er gehört zudem dem Kuratorium der Deutschen Aids-Stiftung an und wurde im Juli zu dessen Vorsitzenden ernannt.
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