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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2019

Florian Csizmadia mit seinem Theater Vorpommern bei Berlins Classic Open Air

Von Belcanto bis Verismo – die italienische Oper des 19. Jahrhunderts hat viele unterschiedliche Gesichter

Figurinen zu Rossinis „Barbier von Sevilla“ aus dem Jahr 1830. FOTO: AKGIMAGES / PA; GRAFIK ZITRONEN; ELENA LUX/ISTOCK

Martina Helmig 

Verdi, Puccini oder Rossini – das sind wohl die Namen, die einem beim Stichwort „italienische Oper“ zuerst in den Sinn kommen. Die große Blütezeit der italienischen Oper liegt im 19. Jahrhundert. Ohne diese Ära würde das Repertoire der Opernhäuser weltweit viel ärmer wirken. Das Belcanto-Dreigestirn Rossini, Bellini und Donizetti läutet die große italienische Opernepoche ein. Belcanto bedeutet „schöner Gesang“ und stellt den Wohlklang der Stimme in den Mittelpunkt. Es geht um den reich verzierten Sologesang, um Beweglichkeit, Ausgeglichenheit, die Veredelung der Tonbildung und Nuancierungskunst der Stimme. Die Sänger brillieren in Bravourarien mit dem „Instrument“ ihrer Stimme.

Rossini perfektionierte den Belcanto-Stil

Geschmeidige Legato-Verbindungen zwischen allen Tönen sind ein Hauptmerkmal der Belcanto-Technik. Sie verlangt außerdem die Beherrschung einer speziellen Atemtechnik, die Übung des An- und Abschwellens eines Tons („Messa di voce“), mühelose Koloraturen und Verzierungen wie Appoggiaturen und Portamentos. Die Improvisationskunst, die ursprünglich zum Belcantostil gehörte, fand mit Rossini ihr Ende, da er die Gesänge bis ins Detail festlegte. Als Sänger braucht man eine „saubere“ Stimme, denn die Begleitung in Belcanto-Opern ist leicht und durchsichtig. Aber gleichzeitig benötigt man auch Kraft, um so etwas wie die Wahnsinnsarie aus „Lucia di Lammermoor“ oder Maria Stuardas wilden Wutausbruch zu interpretieren.

Unangepasste Frauen als Protagonistinnen

In diesem Repertoire dominieren die tragischen Heroinnen, die leidenschaftlichen und mordenden Frauen. Die unkeusche Oberpriesterin Norma und die unglückliche Königin Anna Bolena, die am Ende wahnsinnig wird wie Lucia di Lammermoor, gehören dazu. In Verdis Frühwerken wie „Un giorno di regno“, „I due Foscari“ und „Attila“ sind die Belcanto-Einflüsse noch offensichtlich.

Danach wird der Ziergesang abgelöst vom dramatischen Ausdrucksgesang. Verdi proklamierte einen natürlicheren, deklamativen und musikdramatischen Gesangsstil. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Welt der Oper drastisch verändert. Rossini komponierte schon lange nicht mehr. Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti waren früh verstorben. Verdis Werke bedeuteten keine Revolution. Der große Komponist war eher ein Evolutionär der Oper. In der Weiterführung bereits bestehender dramatischer und kompositorischer Modelle gelangte er zu einzigartigen Lösungen. Mit welchem Raffinement er Grundschemata der italienischen Oper zu variieren, auszuweiten und letztlich zu überhöhen verstand, das hob ihn weit hinaus über die italienische Konkurrenz seiner Zeit. Große Schicksale werden in seinen Opern verhandelt. Der Mensch und alles Menschliche stehen im Mittelpunkt. Nicht alle seine 26 Opern haben den Weg ins Repertoire der großen Opernhäuser gefunden. Unter den Frühwerken sind noch Entdeckungen zu machen.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen die Veristen das Zepter. Verismo kommt vom italienischen Begriff „vero“, was „wahr“ bedeutet. Die Bewegung erklärte die emotionale Nabelschau für zu künstlich. Man verlegte sich darauf, explosive, affektgeladene Handlungen auf die Bühne zu bringen. In Mascagnis „Cavalleria rusticana“ oder in Puccinis „Tosca“ stehen die Eifersuchts- und Totschlagsdramen im Vordergrund, die Motive der Figuren sind schlicht, ihre Handlungen oft unreflektiert. Die Verismo-Opern, die schon ins 20. Jahrhundert weisen, verhalten sich zur romantischen Oper wie „Dracula“ zu den „Buddenbrooks“.

Sonnabend, 6. Juli, 19.30 Uhr

Kurzporträts der Mitwirkenden
Dirigent Florian Csizmadia wirkt zum zweiten Mal mit. FOTO: VINCENT LEIFER
Dirigent Florian Csizmadia wirkt zum zweiten Mal mit. FOTO: VINCENT LEIFER
Florian Csizmadia

Der musikalische Leiter des Abends ist seit zwei Jahren Generalmusikdirektor am Theater Vorpommern. Wie im vergangenen Jahr bringt er Gesangssolisten, Chor und Orchester seines Hauses mit. Der Mannheimer Dirigent und Musikwissenschaftler debütierte 2005 an der Hamburgischen Staatsoper und blieb dort elf Jahre lang, bevor er ans Staatstheater Mainz wechselte.

Theater Vorpommern

Das Theater Vorpommern ist ein Zusammenschluss der Theater in Stralsund, Greifswald und Putbus. Im Repertoire befinden sich Opern, Schauspiele, Ballette, Musicals, Operetten, Konzerte und Kinderprogramme. Die Ensemblemitglieder sind ausgesprochen erfahren mit Open-Air-Veranstaltungen. Jedes Jahr gestalten sie vor der malerischen Ostseekulisse das bunt gemischte Programm von „Ahoi – Mein Hafenfestival“ und italienische Opernnächte unter dem Motto „Nessun Dorma“. Nach Berlin bringen sie wieder Spiellust, Kostüme und Requisiten mit.
Die gebürtige Berlinerin ist auf vielen Bühnen ihrer Heimatstadt zuhause. FOTO: PRIVAT
Die gebürtige Berlinerin ist auf vielen Bühnen ihrer Heimatstadt zuhause. FOTO: PRIVAT
Neben italienischen Opern hört Pihla Terttunen gern Mozart. FOTO: V. LEIFER
Neben italienischen Opern hört Pihla Terttunen gern Mozart. FOTO: V. LEIFER
Der Tenor hat schon mehrere CDs eingesungen. FOTO: VINCENT LEIFER
Der Tenor hat schon mehrere CDs eingesungen. 
FOTO: VINCENT LEIFER
Semjon Bulinsky

Als Luzerner Sängerknabe entdeckte er seine Liebe zur Musik. Der deutsch-schweizerische Tenor hat schon Opernerfahrungen in Zürich, Budapest und Jerusalem gesammelt. Er sang beim Opernsommer Chorin und beim Britten-Festival seiner Heimatstadt Luzern. Seit letztem Herbst ist er in Vorpommern engagiert.

  
Als Il Ré in Verdis „Aida“ begeisterte der Sänger das Publikum. FOTO: VINCENT LEIFER
Als Il Ré in Verdis „Aida“ begeisterte der Sänger das Publikum. FOTO: VINCENT LEIFER
Andrey Valiguras

Seine Gesangsausbildung bekam er in Kiew, und danach schaffte er gleich den Sprung ins Ensemble der Staatsoper Odessa. Seit 2003 lebt der litauisch- ukrainische Sänger in Deutschland. Er wirkte an den Theatern in Hagen und Oldenburg, bevor er als schwerer Spielbass und seriöser Bass nach Vorpommern kam.

Dirk Löschner

Der Intendant des Theaters Vorpommern wird den italienischen Abend moderieren. Der Berliner arbeitete als Schauspieler und Regisseur, bevor er ins Büro wechselte, Verwaltungsdirektor in Detmold und schließlich Theaterleiter in Vorpommern wurde.
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