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Classic Open Air 2019

Italienische Opern beim Classic Open Air in Berlin

Das Philharmonische Orchester Vorpommern zelebriert am Sonnabend die italienische Oper

Das Philharmonische Orchester Vorpommern FOTO: VINCENT LEIFER

Martina Helmig 

Warum liebt eigentlich alle Welt die italienische Oper? Es gibt mehr als eine Antwort auf diese Frage. Der besondere Sinn der Italiener für einprägsame Melodien spielt eine wichtige Rolle. Italienische Komponisten waren immer darauf bedacht, die Sänger, ihre schönen Stimmen, Farben und Emotionen in den Mittelpunkt zu stellen. Die italienische Oper ist eine Feier der menschlichen Ausdrucksmacht.

Die Oper hat in Italien natürlich auch die längste Tradition. Vor mehr als vier Jahrhunderten ist die Gattung in Florenz aus einem Missverständnis heraus entwickelt worden. Man wollte eigentlich die antike griechische Tragödie wiederbeleben. Auch wenn die Oper in alle Welt exportiert und überall weiterentwickelt wurde, blieb Italien doch immer ein einzigartiges, traditionsbewusstes Opernland.
Karo Khachatryan und Franziska Ringe im Duett. FOTO: DAVIDS/SVEN DARMER
Karo Khachatryan und Franziska Ringe im Duett. FOTO: DAVIDS/SVEN DARMER
Am wichtigsten ist vielleicht, dass die italienische Oper den Menschen immer nahe war, ohne sich anzubiedern. In Deutschland gilt die Oper oft als etwas Elitäres. Italiener haben eine andere Beziehung zu ihrer Oper. Jeder Italiener glaubt, etwas von Gesang zu verstehen, und viele empfinden die Oper als die amüsanteste und verständlichste Kunstform. Die Oper ist in Italien schon seit langer Zeit volksnah. Über den Erfolg eines Werkes entschieden nicht die vornehmen Logen, sondern Parkett und Galerie. In der goldenen Ära der italienischen Oper im 19. Jahrhundert konnte die Bedeutung einer Oper daran gemessen werden, ob ihre Melodien auf der Straße gesungen und gepfiffen wurden. Seitdem ist Italien, wie Goethe mit seinem Gedicht über das Land der blühenden Zitronen ausdrückte, der Sehnsuchtsort nieselregengeplagter Nordeuropäer. In diese Blütezeit der italienischen Oper führt der Abend „Opera Italiana“ beim Classic Open Air.

Gioacchino Rossini war der erfolgreichste Opernlieferant seiner Zeit. „La Cenerentola“, das italienische Aschenputtel, schwärmt in ihrer großen Arie im zweiten Akt in den furiosesten Koloraturen von ihrer Liebe zum Prinzen. Große Emotionen und weit ausschwingende Melodiebögen bieten die Opernhits von Rossinis Belcanto-Kollegen Bellini („Casta Diva“) und Donizetti („Una furtiva lagrima“).

Gioachino Antonio Rossini war einer der bedeutendsten Belcanto-Komponisten. FOTO: KEN WELSH / PA
Gioachino Antonio Rossini war einer der bedeutendsten Belcanto-Komponisten. FOTO: KEN WELSH / PA
Die große Zeit der Oper ist nicht zu trennen von der bewegten politischen Geschichte des Landes. Der größte Teil des italienischen Stiefels war aufgeteilt in Herrschaftsgebiete der spanischen Bourbonen, der Habsburger und des Hauses Savoyen. Unter der Fremdherrschaft bestimmten Zensur und Repression die Atmosphäre. Der Dichter Heinrich Heine beschrieb seinen Eindruck so: „Dem armen geknechteten Italien ist ja das Sprechen verboten, und es darf nur durch Musik die Gefühle seines Herzens kundgeben.“ Die Oper, die über die Grenzen hinweg für alle verständlich war, wirkte also auch als Ventil und politisches Fanal. Rossini und Bellini ging es wie vielen zeitgenössischen Künstlern darum, das Land zu einigen. Bellini siedelte seine „Norma“ zwar im Gallien der Römerzeit an. Doch das Publikum verstand das Gleichnis, und der wilde Kriegschor der Druiden „Guerra, guerra“ wurde in ganz Europa als italienische „Marseillaise“ bekannt.

Vor allem Verdis Opern durchdringt das turbulente politische Leben, das die Jahrzehnte zu Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts prägte. Im Gegensatz zu Rossini, der sich selbst zum letzten Komponisten der Klassik stilisierte, betrachtete Verdi seine Musik als modern. Viele seiner Opern waren zur damaligen Zeit umstritten. Sie spiegelten den ganzen Hass, den Verdi auf die Österreicher und den Vatikan empfand. Die Aufführung einer neuen Oper von Verdi wurde zum Anlass politischer Demonstrationen.

Giuseppe Verdi war im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Erneuerer des Musiktheaters. FOTO: ZENO
Giuseppe Verdi war im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Erneuerer des Musiktheaters. 
FOTO: ZENO
Wenn Straßenorchester eine seiner Melodien anspielten, betrachteten die italienische Bevölkerung und die österreichischen Behörden das als eine Äußerung politischer Opposition. Der Gefangenenchor aus „Nabucco“ wurde als Protest gegen Tyrannei zur inoffiziellen italienischen Nationalhymne. Heute zählen Verdis lebenspralle Opern zu den Eckpfeilern des internationalen Opernrepertoires. „Il trovatore“, „Don Carlos“, „Macbeth“, „Simone Boccanegra“, „Attila“ und „La Traviata“ sind auch eine Fundgrube für Operngalas wie die am Gendarmenmarkt.

Der süffige Spätromantiker Giacomo Puccini übernahm die lodernde Flamme der italienischen Oper von Verdi und trug sie mit Opern wie „Tosca“, „La Bohème“ und „Gianni Schicchi“ weiter. Er war ein Theatermann, der das Publikum verzaubern, bewegen, zum Jubeln bringen wollte. „Ich will euch weinen und leiden lassen“, lautete sein Credo.

Man kann sie mitsingen, die italienischen Opernmelodien, lauthals oder in Gedanken. Sie vermitteln das Gefühl, als befände man sich in den sonnenwarmen steinernen Sitzreihen der Arena di Verona. Auch auf dem Gendarmenmarkt verbinden sich die Melodien mit lauer Sommerluft und sternklarem Himmel. Die italienische Oper spricht nicht nur die Ohren an, sondern alle Sinne.
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