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Themenwelten Berliner Morgenpost
Classic Open Air 2019

Vier Pianisten bei Berlins Classic Open Air

Die „Vier Pianisten“ begeistern in diesem Jahr mit einem brandneuem Programm

FOTO: DAVIDS/SVEN DARMER

Martina Helmig 

Mozart mit rollenden Boogie-Bässen oder „Summertime“ im Barockstil? Man weiß nie, was die vier Tastenkünstler bei ihren Proben aushecken. Ungewöhnlich wird es auf jeden Fall. Was ihnen gefällt, wenn sie die Finger und Köpfe zusammenstecken, kommt anschließend auf die Konzertbühne. Beim Classic Open Air sind sie schon zum dritten Mal mit einem neuen Programm dabei. Die vier Pianisten kommen aus unterschiedlichen Genres: Klassik-Pianist Sebastian Knauer ist auf den Konzertbühnen in aller Welt zu Hause.

Der Schwede Martin Tingvall ist ein preisgekrönter Jazzer. Axel Zwingenberger gilt als „King of Boogie“, und Joja Wendt ist zwischen Pop, Blues und Klassik bei vielen Stilen sattelfest. Sie haben viel Freude bei ihrer Suche nach einem gemeinsamen Nenner. „Niemand drängt sich in den Vordergrund, wir sind vier gleichberechtigte Pianisten“, freut sich Sebastian Knauer, der den entspannten Umgang mit den drei Kollegen schätzt. „Alle drei sind super Profis in ihrem eigenen Metier, trotzdem gibt es viel Wertschätzung untereinander.“

Joja Wendt hat sich das Projekt vor drei Jahren ausgedacht, und es war auf Anhieb erfolgreich. Alle vier wohnen in Hamburg. Jeden Sommer treffen sie sich, um eine neue Auflage von „Vier Pianisten – ein Konzert“ für Hamburg und Berlin vorzubereiten. In der übrigen Zeit des Jahres sind sie dann wieder mit ihren eigenen Karrieren beschäftigt. Im ersten Teil des Konzerts brilliert jeder der vier Pianisten in seinem eigenen Stil. Danach beginnt der freiere Teil, in dem alle zusammenarbeiten. Wenn Sebastian Knauer ein klassisches Musikstück im Original anstimmt, übernehmen seine Mitspieler die Melodie und improvisieren darüber. Oder das Quartett spielt das neue Stück, das Martin Tingvall ihnen in die Finger geschrieben hat. „Man darf sich nicht zu weit von seinem eigenen Bereich entfernen, muss sich aber trotzdem den anderen Genres öffnen, so dass eine Schnittmenge entsteht“, meint Knauer. „Das ist ein schmaler Grat, aber es gelingt, weil wir uns alle auf der Bühne wohlfühlen und uns nicht verbiegen.“

Der klassisch ausgebildete Pianist ist es gewöhnt, Werke auf der Grundlage von Noten zu studieren. Spieltechnisch ist er seinen drei Kollegen voraus. Aber das Improvisieren ist für ihn eine große Herausforderung. Knauer ist aber ein neugieriger Musiker, der viele Musikrichtungen schätzt und anhört. Er hat in den drei Jahren viel Interessantes von den anderen Pianisten über Improvisation gelernt.

Mit vier Jahren hatte Sebastian Knauer schon verkündet: „Ich werde Pianist!“ Er ist tatsächlich dabei geblieben, obwohl in seiner Familie sonst niemand Berufsmusiker war. Als Junge hat er in der Hamburger Laeiszhalle Klavierlegenden wie Rubinstein und Horowitz gehört. Sein größter Wunsch war es, dort auch einmal zu spielen. Mit 14 Jahren gab er sein Konzertdebüt – natürlich in der Laeiszhalle. Nun unternimmt er schon seit drei Jahrzehnten Konzertreisen zwischen den internationalen Konzertzentren. Normalerweise spielt er in Sälen. Das Konzerthaus kennt er von innen sehr viel besser als von außen. Für ihn ist es ganz besonders spannend, nun schon zum dritten Mal draußen auf dem Gendarmenmarkt zu spielen. „Die Atmosphäre ist einfach berauschend,“ findet Sebastian Knauer, „und bisher hatten wir immer unverschämtes Glück mit dem Wetter.“

Sonntag, 7. Juli, 19.30 Uhr

Kurzporträts der Mitwirkenden
Joja Wendts Repertoire ist äußert facettenreich. FOTO: CHRISTIAN BARZ
Joja Wendts Repertoire ist äußert facettenreich. FOTO: CHRISTIAN BARZ
Joja Wendt

Er ist der Erfinder der „Vier Pianisten“ und auch das Bindeglied zwischen den musikalischen Stilen. Anders als Axel Zwingenberger (Boogie-Woogie), Martin Tingvall (Jazz) und Sebastian Knauer (Klassik) ist Joja Wendt in vielen musikalischen Welten zu Hause. Jazzklavier hat er in Hilversum und New York studiert, aber ebenso gern spielt er Blues, Boogie und seine eigenen gewitzten Versionen von klassischen Ohrwürmern. Südafrika, Singapur, China, Russland und die USA hat er mit seiner Musik bereist. Rund 100 Konzerte gibt er im Jahr, daneben schreibt er Filmmusik, betreibt eine Online-Piano-Schule und moderiert im Klassikradio. Beim Classic Open Air zählt der Hamburger seit langer Zeit zu den Stammkünstlern.
Der König des Boogie-Woogie: Axel Zwingenberger. FOTO: DOBIAS.AT
Der König des Boogie-Woogie: Axel Zwingenberger. 
FOTO: DOBIAS.AT
Axel Zwingenberger

Wenn es um Boogie-Woogie geht, macht ihm keiner etwas vor. In seiner Nische ist er der Tastenkönig. Big Joe Turner lud ihn zu Plattenaufnahmen, Lionel Hampton und Champion Jack Dupree zu Tourneen ein. Mit Charlie Watts spielt er in der Band The ABC&D of Boogie Woogie. In den letzten 45 Jahren hat Zwingenberger zahlreiche Pianisten inspiriert. Als er anfing, kannte er nur vier andere Boogie-Pianisten, heute zählt er mehr als 100 Kollegen in ganz Europa. Nebenbei ist er stolzer Autor des vielverkauften Eisenbahn-Fotobuches „Vom Zauber der Züge“. Im Frühjahr war er auf Tournee in Großbritannien, Österreich und Deutschland. Jetzt freut er sich darauf, mit seinen Hamburger Pianofreunden wieder die Berliner Open-Air-Bühne zu rocken.
  
Für seine Jazz-Alben wurde Martin Tingvall oft ausgezeichnet. FOTO: J. KORNBACHER
Für seine Jazz-Alben wurde Martin Tingvall oft ausgezeichnet. FOTO: J. KORNBACHER
Martin Tingvall

Mit seinem Sinn für raffinierte Klangfarben und Stimmungen gilt der Schwede als lyrischer Schöngeist unter den Jazzpianisten. Nach dem Studium in Malmö und den Niederlanden zog er nach Hamburg. Er arbeitete mit Udo Lindenberg, Inga Rumpf, Till Brönner, Chris Barber und Klaus Doldinger zusammen. 2003 gründete er das Tingvall Trio, das rasch erfolgreich wurde. Die CDs des Ensembles gewannen zahlreiche Preise, unter anderem drei Mal den Echo Jazz. In diesen Wochen erscheint Tingvalls drittes Soloalbum. Auch als Komponist hat sich der Musiker einen Namen gemacht. Tingvall schrieb Filmscores, das Shakespeare-Musical „Was ihr wollt“ für das Staatstheater Kiel und auch einige Stücke für die Vier Pianisten. Erst kürzlich erhielt er den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA für sein vielfältiges kompositorisches Schaffen.
  
Sebastian Knauer ist seit Jahrzehnten international erfolgreich. FOTO: G. HOHENBERGER
Sebastian Knauer ist seit Jahrzehnten international erfolgreich. FOTO: G. HOHENBERGER
Sebastian Knauer

In 50 Ländern auf vier Kontinenten hat er bereits klassische Konzerte gegeben. Mit 14 Jahren gab der Hamburger Pianist 1985 sein Konzertdebüt, und seitdem ist er zwischen London, Wien, New York und Tokio unterwegs. Er arbeitet mit Dirigenten wie Fabio Luisi, Thomas Hengelbrock, Ingo Metzmacher und immer wieder besonders intensiv mit Sir Roger Norrington zusammen. Besonders gern gestaltet er musikalisch-literarische Abende mit Schauspielerinnen wie Martina Gedeck, Iris Berben und Gudrun Landgrebe. Außerdem ist Knauer als Organisator gefragt. Er ist verantwortlich für drei Festivals: mozart@augsburg, die Musikwoche Bad Berleburg und Ludwig FUN Beethoven 2020 in Aachen.
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