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Berlin-Partner-Geschäftsführer Stefan Franzke im Interview

Berlin erlebt seit fünf Jahren einen beispiellosen Aufschwung. Ein Gespräch mit Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, der vor fünf Jahren für seinen Job in die Hauptstadt zog

Zukunftsmetropole: Stefan Franzke träumt von einer Stadt, die Wohn-, Arbeits- und Lebensort zugleich ist.                      FOTO: BERLIN PARTNER/ FOTOSTUDIO CHARLOTTENBURG

Till Schröder 

Berliner Morgenpost: 2019 jährt sich Ihr Umzug nach Berlin und Amtsantritt als Geschäftsführer von Berlin Partner zum fünften Mal. Ein Grund zum Feiern?

Stefan Franzke: Ich könnte jeden Tag in Berlin feiern. Gerade komme ich von BMW, wo das dreimillionste Motorrad vom Band fuhr. Das hat mich sehr beeindruckt. Dass der Standort Berlin einmal so erfolgreich werden würde, hätte damals kaum einer gedacht.

Wie würden Sie die Veränderung der Stadt in der Zeit seit Ihrem Antritt beschreiben?

In dieser Zeit fand die wirtschaftliche Wende statt. Das Bruttoinlandsprodukt wächst das fünfte Jahr in Folge. Außerdem hat sich das Ökosystem für Start-ups gefestigt. Gründer treffen hier auf die Angebote, die sie brauchen.

Sie konzentrieren Ihre Arbeit auf bestimmte Branchen, „Cluster“ genannt. Welche Trends beobachten Sie hier?

Es ist zu beobachten, dass die Themen zusammenwachsen. Betrachten Sie beispielsweise unser größtes Cluster, die Gesundheitswirtschaft: Hier lösen sich durch die Digitalisierung – wie in allen anderen Branchen ja auch – die Grenzen zu anderen Clustern auf. Sie können etwa ein Unternehmen, das digitale Lösungen für Gesundheitsdienstleister entwickelt, nicht mehr eindeutig der Gesundheitswirtschaft oder dem Cluster Informations- und Kommunikationstechnik (IKT)/Medien/Kreativwirtschaft zuordnen. Die Innovation liegt heute meistens in den Schnittstellen.

Welche Leute werden heute am meisten gesucht?

An erster Stelle diejenigen, die digitalisieren können. Mitarbeiter, die neue Geschäftsmodelle und den gesamten Wandel mitgestalten können, und daraus einen Vorteil ziehen. Außerdem gibt es den Bereich Dienstleistung, von Gesundheitsberufen bis hin zum Vertrieb, Arbeitsfelder also, in denen der Umgang mit Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Auch die Führungsmodelle in Unternehmen haben sich geändert. Früher hat jeder seine fest umrissene Aufgabe zugeteilt bekommen, die er abgearbeitet hat. Heute dagegen arbeiten viele Menschen in Teams, denen ein Ziel vorgegeben wird. Das Team muss dann herausfinden, wie es dieses Ziel erreicht. Ein Arbeitsmarkt wie Berlin erfordert also auch eine neue, zeitgemäße Mentalität. Wichtig ist, dass auch ältere Arbeitnehmer sich hierfür weiterqualifizieren.

Die Konkurrenz unter den Metropolen um Start-ups und Arbeitskräfte ist groß. Reicht da das Argument von Berlin als „Kreativmetropole“?

Wenn wir einen Wettbewerb haben, dann mit anderen europäischen Metropolen wie London, Wien, Amsterdam oder Paris. Jede Stadt hat ihre Charakteristika. Die Stärke von Berlin ist, dass es hier neben den Start-ups auch rund 100.000 Beschäftigte in der industriellen Produktion gibt. Gerade haben wir auf der Hannover Messe eine Woche lang die Stärken von Berlins produzierendem Gewerbe dargestellt. Große Unternehmen wie Siemens, Sony, Lufthansa, BMW, Volkswagen oder Daimler investieren in den Standort Berlin. Schindler und Otis fertigen hier Fahrstühle, Proctor & Gamble den Rasierer Mach 3 und viele andere Produkte. Baiersdorf produziert in Berlinsämtliche Männerpflegeprodukte für den europäischen Markt. In Neukölln wird das meiste Marzipan gemacht und die meisten Kaffeebohnen geröstet. Viele Start-ups profitieren von der Nähe zur Industrie durch Kooperationen.

Deutschlands Konjunktur kühlt sich gerade ab. Hat der Planet Berlin vielleicht sogar das Zeug dazu, sich ein Stück weit von dieser Entwicklung abzukoppeln?

Da möchte ich den Volkswirt der Deutschen Bank zitieren, der Ende 2018 gesagt hat, dass sich Berlin in einem Superzyklus befindet. Berlin hat Nachholbedarf. Und Berlin fällt es einfach, das was an Kreation entsteht, auch entstehen zu lassen. Das findet auch noch in den nächsten Jahrzehnten statt. Man sagt heutzutage auch, das sei das Jahrhundert der Städte, nicht der Staaten. Berlin ist die einzige Metropole, die Deutschland hat. Sie könnte sich deshalb auch etwas unabhängiger von der Ökonomie drumherum entwickeln, so wie Paris und London. London entwickelt sich ja trotz Brexit nach wie vor positiv, was im restlichen Großbritannien nicht der Fall ist.

Wagen wir einen Ausblick: Wenn Sie die Augen schließen und sich vorstellen, Sie radeln in fünf Jahren, also 2024, durch die Stadt – was sehen Sie da?

Also erst mal fahre ich dank neuer Verkehrskonzepte sicherer durch die Stadt als bisher. Dadurch habe ich Zeit und Energie, mich in der Gegend umzuschauen, und da sehe ich eigentlich überall die Verfestigung des Berliner Modells, nämlich dass Wohnen und Arbeiten zusammenkommen. Dass wir nicht so wie andere Metropolen – London, Paris – eine Entkopplung von Wohn-, Lebens- und Arbeitsort haben. Wir haben es in Berlin geschafft, die gute Mischung zu erhalten. Neue Kieze kommen dazu. Also: Fahre ich durch Spandau, sehe ich eine offene Siemensstadt, einen Campus, wo mehr Menschen arbeiten und plötzlich dort auch wohnen. Ein Lebensquartier, das von Offenheit geprägt ist, und nicht von Ausschluss. Das sehe ich in fünf Jahren noch viel mehr als heute.

Berlin Partner

Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie betreibt Standortmarketing, unterstützt ansässige Unternehmen und überzeugt internationale Investoren vom Potenzial Berlins. Seit Juli 2014 steht Stefan Franzke an der Spitze der Gesellschaft, die vom Land Berlin, Kammern, Verbänden und Unternehmen getragen wird.
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